Wie soll man das beschreiben, was da am Wochenende in St. Michael in Büsingen passiert ist? Wie in Worte fassen, was man eigentlich hören muss? Vera Schraner, Bürgermeisterin von Büsingen, bringt es auf die kurze Formel: „Ich bin total geflasht.“ Damit drückt sie aus, was das Publikum zuvor im Nachtkonzert erlebt hat. Die Zuhörer wurden Zeugen eines nahezu unvorstellbaren Musikereignisses.

Die geballte Kraft der Stradivari entfalteten die Musiker beim Nachtkonzert am Samstag (von links): Esther Hoppe, Christian Poltéra, Clemens Hagen und Veronika Hagen.
Die geballte Kraft der Stradivari entfalteten die Musiker beim Nachtkonzert am Samstag (von links): Esther Hoppe, Christian Poltéra, Clemens Hagen und Veronika Hagen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Was ist geschehen? Gerade haben Esther Hoppe (Violine), Veronika Hagen (Viola), Christian Poltéra und Clemens Hagen (Violoncello) ihre Bögen sinken lassen, da ertönen die ersten Bravo-Rufe. Die vier Musiker haben das Quartett a-moll Opus 35 von Anton Arensky gespielt. Alleine die Besetzung mit zwei Celli ist schon höchst außergewöhnlich. Wenn es sich dabei noch um zwei über 300 Jahre alte Instrumente des berühmten Geigenbauers Antonio Stradivari handelt, ist besonderer Klang garantiert. Doch nicht genug: Auch Esther Hoppes Geige, die „De Ahna“ von 1722, stammt vom gleichen Geigenbauer.

Sammler geben Millionenbeträge für solche Instrumente aus. Um sie zu spielen, bedarf es hoher Kunst und jahrelanger Annäherung, wie der international gefeierte Cellist Christian Poltéra einmal im Interview mit Deutschlandfunk Kultur verraten hat. Er spielt das sagenumwobene „Mara“, das nicht nur einem Schiffsbrand, sondern auch der Sammelleidenschaft eines Instrumentenliebhabers aus Taiwan entkommen ist. Auch Clemens Hagens Cello stammt aus Stradivaris Werkstatt, ist eine Dauerleihgabe. Die Namen der Eigentümer werden gehütet wie ein Arztgeheimnis.

Stimmungsvolle Atmosphäre herrschte in der Pause des Eröffnungskonzertes. Die Besucher nutzten die Gelegenheit zum regen Austausch.
Stimmungsvolle Atmosphäre herrschte in der Pause des Eröffnungskonzertes. Die Besucher nutzten die Gelegenheit zum regen Austausch. | Bild: Trautmann, Gudrun

Fast ein Wunder, dass all diese Instrumente bei einem Konzert gespielt werden

Es grenzt an ein Wunder, dass diese Instrumente in der kleinen Bergkirche versammelt sind. Doch was wären sie ohne die Musiker? Die vierte im Bunde ist Veronika Hagen an der Viola, Schwester von Clemens Hagen und wie ihr Bruder Mitglied im berühmten Hagen-Quartett. Zusammen erzeugen die Streicher einen exquisiten Klang. Begünstigt wird das durch die Akustik des mittelalterlichen Kirchenraums.

Christian Poltéra ist seit neun Jahren künstlerischer Leiter der Kammermusiktage. Als Gast hat er die Bergkirche schätzen gelernt. „Ich kümmere mich nur um das Programm“, sagt er bescheiden. „Die gesamte Organisation liegt in den Händen von Michael Psczolla.“ Poltéra, der in den großen Konzerthäusern der Welt zu Hause ist, lässt seine Kontakte spielen und kann auf diese Weise immer wieder Weltklasse-Musiker für Büsingen gewinnen. „Das Kleine ist hier das Besondere“, sagt der Programmmeister im Gespräch. „Die Kammerkonzerte sind wie erweiterte Hauskonzerte.“ Die Nähe zum Publikum, das pure Musikerlebnis, das Zusammenspiel mit Musikern, die er bewundere, machten diesen Ort aus.

Der Vorsitzende der Freunde der Bergkirche Michael Psczolla freut sich, dass die Kammermusiktage auch in Zeiten der Corona-Pandemie stattfinden konnten.
Der Vorsitzende der Freunde der Bergkirche Michael Psczolla freut sich, dass die Kammermusiktage auch in Zeiten der Corona-Pandemie stattfinden konnten. | Bild: Trautmann, Gudrun

Dem Publikum geht es um den Musikgenuss

Genauso ergeht es den Zuhörern. Das überwiegend kammermusikalisch erfahrene Publikum kommt nicht nach Büsingen, um gesehen zu werden; hier geht es allein um den Musikgenuss. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so still ist es im Raum. Und dann bricht die Musik über die Zuhörer herein: mal zart, mal fast aggressiv, mal weich, mal energisch voranschreitend, dann wieder sängerisch, lyrisch. Im blinden Einverständnis erzeugen die Musiker ein Klangkunstwerk. Ob Anton Arensky – als Beispiel für all die Musik an diesem Wochenende – geahnt hat, welches Kopfkino er mit seinem a-moll-Quartett in Gang setzen kann?

Michael Psczolla, Vorsitzender des Vereins Musikfreunde Bergkirche Büsingen, ist glücklich darüber, dass es mit der Kultur in all ihren vielfältigen Facetten weitergeht. Denn er ist überzeugt, dass „unser Land, ja unsere gesamte Welt ohne Kultur verarmt dasteht. Arm an Lebensfreude und Sinnhaftigkeit.“ Mit seinem Team hat er die 29. Kammermusiktage organisiert. Im Pausengespräch unter dem Zeltdach schlägt ihm Dankbarkeit entgegen.

25 Jahre lang haben sie die Musiker der Kammermusiktage in der „Krone“ in Diessenhofen beherbergt. Im Ruhestand kommen Franz und Gudrun Oberholzer zum ersten Mal selber in den Konzertgenuss.
25 Jahre lang haben sie die Musiker der Kammermusiktage in der „Krone“ in Diessenhofen beherbergt. Im Ruhestand kommen Franz und Gudrun Oberholzer zum ersten Mal selber in den Konzertgenuss. | Bild: Trautmann, Gudrun

Unter den Besuchern sind diesmal auch Franz und Gudrun Oberholzer. Eigentlich ist ihnen die Erwähnung ein bisschen peinlich, aber Michael Psczolla konnte seine Freude über ihre Anwesenheit nicht unterdrücken. 25 Jahre lang hat das Wirtepaar die Musiker der Kammerkonzerte in der „Krone“ in Diessenhofen verwöhnt. Jetzt ist Franz Oberholzer in Rente gegangen und kann zum ersten Mal hören, was seine Gäste machen. „Früher habe ich für sie gekocht, wenn sie nach den Konzerten Hunger hatten“, erzählt er. Endlich können auch er und seine Frau Gudrun die Konzerte besuchen. Zu den Musikern haben die beiden ein besonderes Verhältnis. Sie haben etliche Abende mit ihnen verbracht und kennen manche Privatgeschichte. Nie vergessen wird Franz Oberholzer, wie seine Gäste die teuren Instrumente in seiner Gaststube wieder auspackten und nur für die Wirtsleute spielten. Und dass er die wertvollen Stradivaris und Guarneris im Wäscheschrank aufbewahrt hat, kann er auch erst jetzt erzählen.

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