„Fragen Sie mich nicht, seit wann es in Gailingen Juden gibt“, sagt Joachim Klose. Hier kann er nur vage auf Schutzbriefe nach dem Ende des 30-jährigen Krieges verweisen. Dabei ist Klose ein wandelndes Lexikon, wenn es um die Geschichte der Juden in Gailingen geht. Für den Verein für jüdische Geschichte Gailingen führt er durch den Ort. Und er hat viel erzählen.

In Corona-Zeiten hat der Verein den Rundgang durch die Gemeinde angeboten. Die knapp 30 Teilnehmer, die sich zuvor anmelden mussten, kommen aus Konstanz, Singen, Zürich, Schaffhausen und dem Hegau. In zweieinhalb Stunden werden sie erfahren, wie stark der Ort am Hochrhein von Juden geprägt war. Sie werden nicht nur hören, dass die christliche und jüdische Kultur in Parallelwelten nebeneinander existierten; sie werden erfahren, dass hier schon immer besonders enge Verflechtungen zwischen Deutschland und der Schweiz bestanden.

Am Walmdach erkennt man die Häuser der Gailingen Juden. Ihr Bevölkerungsanteil betrug 60 Prozent. Viele entzogen sich der Verfolgung und ...
Am Walmdach erkennt man die Häuser der Gailingen Juden. Ihr Bevölkerungsanteil betrug 60 Prozent. Viele entzogen sich der Verfolgung und Vernichtung durch Flucht in die Schweizer Nachbarschaft. Das imposante Fachwerkhaus gehörte der Schaffhauser Familie Imturm und wurde dann von Ludwig Rothschild um die gelbe Hälfte verdoppelt. | Bild: Trautmann, Gudrun

Während der Naziherrschaft retteten sich zahlreiche Gailingen Juden vor der Verfolgung, Deportation und Vernichtung über die Grenze in die Schweiz und später weiter nach Palästina. Heute gibt es keine Juden mehr in Gailingen. Doch die Häuser zeugen von ihrer Geschichte, ebenso wie der jüdische Friedhof. Mit rund 1300 Gräbern ist er nach Mannheim und Karlsruhe der drittgrößte in Baden.

Das Friedhofsgelände gehört dem Oberrat der Israeliten in Baden. „Nachdem in Konstanz wieder Juden zugezogen sind, kann es auch auf dem Gailingen Friedhof wieder zu Beerdigungen kommen“, erklärt Joachim Klose. Tatsächlich gibt es auch wenige jüngere Gräber. Die Namen und Inschriften auf den Grabsteinen sind in Hebräisch und Deutsch zu lesen. Nachkommen aus allen Teilen der Welt kommen nach Gailingen, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen.

Die Gemeinde Gailingen hat das ehemalige Pensionat in der Rheinstraße 18 gekauft, um es vor dem Verfall zu retten. Die dazugehörige ...
Die Gemeinde Gailingen hat das ehemalige Pensionat in der Rheinstraße 18 gekauft, um es vor dem Verfall zu retten. Die dazugehörige Internatsschule besuchten auch Schüler aus Russland, Italien und Konstanz. | Bild: Trautmann, Gudrun

Eine besondere Verbindung besteht zwischen dem Züricher Verein für die Erhaltung des jüdischen Friedhofs und Gailingen. Einmal im Jahr organisiert dieser Verein hier eine Gedenkfeier für die verstorbenen Juden. Der Verein sei nicht begeisterten von der Möglichkeit weiterer Bestattungen, weiß Joachim Klose. Geht es um die Friedhofsruhe oder die Angst vor Grabschändungen, wenn der Friedhofschlüssel in mehrere Hände gerät? Aus dieser Diskussion hält Klose sich heraus.

Als der Historiker vor 13 Jahren nach Gailingen kam, hat er sich gleich tief in die Geschichte der jüdischen Familien hineingekniet. „Ich hatte mich mit der deutschen Geschichte von 1848 bis zur Gründung der Bundesrepublik beschäftigt“, sagt Klose. „Das ist auch sehr viel jüdische Geschichte.“ Im Dorf sei man nicht immer von der Erinnerungskultur begeistert. Aber alleine das Straßenbild im Kerndorf zeigt, wie hoch der Judenanteil in der Blütezeit war. Zeitweise waren es 60 Prozent der Gailinger Bevölkerung.

Rund 1300 Gräber befinden sich auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen. Von hier aus hat man einen schönen Ausblick.
Rund 1300 Gräber befinden sich auf dem jüdischen Friedhof in Gailingen. Von hier aus hat man einen schönen Ausblick. | Bild: Trautmann, Gudrun

In den 1980er Jahren hat man sich erstmals mit den Häusern beschäftigt. Erkennbar ist, dass die Juden ihre stattlichen Häuser mit Walmdächern und Verzierungen schmückten, um sich vom Baustil der Christen abzusetzen. Da die Juden keine handwerklichen Berufe ausüben und auch nicht als Architekten tätig sein durften, beschäftigten sie bekannte christliche Baumeister. Diese Häuser prägen noch heute das Ortsbild.

Synagoge wurde zerstört

Das ehemalige Schulhaus dient heute als Bürgerhaus und jüdisches Museum. Gegenüber stand die zweite Gailinger Synagoge, die in der Pogromnacht am 10. November 1938 zerstört wurde. Heute ist dieser Platz eine Gedenkstätte am ehemaligen Ostrand des Dorfes. Die Synagoge wurde gebaut, weil die jüdische Gemeinde stark angewachsen war. Danach wuchs das Dorf nach Osten hin.

Erst 1888 wurde die Straße nach Randegg gebaut. Bis dahin gab es nur eine Verbindung nach Schaffhausen. Der Kanton Schaffhausen hatte wohl immer wieder versucht, die Gemarkung Gailingen unter Kontrolle zu bekommen, was jedoch nicht gelang. Das Dorf verfügte über eine sehr gute Infrastruktur, sowohl für die jüdische wie die christliche Gesellschaft. Es gab ein Schlachthaus, in dem geschlachtet und geschächtet werden konnte.

Das Friedrichsheim hat viele verschiedene Nutzungen hinter sich. Heute werden Privatschüler im Internat unterrichtet. Doch ursprünglich ...
Das Friedrichsheim hat viele verschiedene Nutzungen hinter sich. Heute werden Privatschüler im Internat unterrichtet. Doch ursprünglich war es eines von drei jüdischen Altenheimen in Baden. Die Nazis funktionierten es jedoch um in ein Judenhaus. Von hier wurden im Oktober 1940 203 Juden deportiert. | Bild: Trautmann, Gudrun

Noch bis vor wenigen Jahren kamen jüdische Metzger aus der Schweiz nach Gailingen, um Tiere zu schächten. Es gab den Bäcker Abraham Bloch, das Café Rheingold, das Café Adler mit der ältesten Schanklizenz, eine Internatsschule mit Pensionat für internationale Schüler. Obwohl auf so engem Raum, lebten Juden und Christen in Parallelwelten. „Es gab nur fünf Mischehen, von denen vier scheiterten“, berichtet Joachim Klose seinen erstaunten Zuhörern.

Geschichtsträchtiges Friedrichsheim

Besonders bewegt und bewegend ist die Geschichte des Friedrichsheims: Es war zunächst isrealitisches Krankenhaus, dann jüdisches Altenheim, unter den Nazis Judenhaus, in dem alte Menschen auf engstem Raum in Stockbetten schlafen mussten. Von hier wurden im Oktober 1940 203 Juden deportiert. Danach wurde das Heim als Erholungsheim, dann für die Unterbringung von tuberkulosekranken Marinesoldaten genutzt. Juden, die die Lager im Osten überlebt hatten, kamen als „displace persons“ (heimatlose Menschen) hierher und erkrankten an Tuberkulose, weil das Heim nicht desinfiziert worden war.

In der jüngeren Geschichte wurde das Friedrichsheim wieder als Seniorenheim genutzt und ist heute eine private Internatsschule. Joachim Klose wüsste noch viel zu erzählen über einzelne Familien. Aber die Zeit reicht nicht. Vielleicht beim nächsten geschichtlichen Rundgang