Am letzten Januar-Wochenende richtet die Eichelklauber-Zunft die Narrentage 2018 der Narrenvereinigung Hegau-Bodensee aus. Zwei Tage lang wird die Hochrhein-Gemeinde dann zur Fasnachts-Hochburg. Gailingen hat in seiner Geschichte aber noch eine andere Fasnachtstradition aufzuweisen: Die jüdischen Bürger der Hochrheingemeinde feierten von 1861 bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 ausgelassen ihre eigene Fasnacht. In der Gemeinde am Hochrhein, in der die Juden bis in die 1860-er Jahre die Mehrheit bildeten, wurde ab 1861 Purim in großem Stil mit Umzügen und Bällen gefeiert. Dabei haben sie auch Bräuche der alemannischen Fastnacht angenommen. Bis zu 1000 feierfreudige Juden aus der Region und den Städten der Nordschweiz versammelten sich an Purim in Gailingen zu einem bunten Treiben.

Pünktlich zum närrischen Großereignis hat der Verein für jüdische Geschichte im Jüdischen Museum die Ausstellung "Gailinger Purim – die Juden Fasnacht" konzipiert. Die Präsentation ist auch während der Narrentage geöffnet.

Die Ausstellung führt mit Fotografien und Texten in eine im südwestdeutschen Raum einmalige Fasnachtstradition ein. Wie es die in Gailingen aufgewachsene Berta Friesländer-Bloch schildert, gab es vor und um das Purim-Fest, das zwischen Ende Februar und Anfang März gefeiert wird, einen Umzug mit aufwendig geschmückten Wagen, Konzerte für Erwachsene und Kinder, Maskenspiele und Aufführungen und einen Maskenball im damaligen Café Biedermann. "Vier Wochen lang war Purim, so war die Tradition, hatte man sich maskiert und war meschugge schon", beschreibt die Dichterin.

Feiern unter dem Davidstern: Für das Purimfest üben Kinder in Gailingen eine Vorführung ein.
Feiern unter dem Davidstern: Für das Purimfest üben Kinder in Gailingen eine Vorführung ein. | Bild: Jüdisches Museum Gailingen

An der Spitze der jüdischen Fasnacht stand ein Narrenkomitée, das sich um Programm und Motto kümmerte. Musikkapellen wurden organisiert, bei den örtlichen Näherinnen Kostüme bestellt. Das Jahresgeschehen wurde in einer Narrenzeitung verarbeitet. Am letzten Samstag vor Purim übernahm das Komitée nach dem Morgensabbat in der Synagoge vom Synagogenrat dessen Funktionen – die Rathausstürmung auf jüdisch. Ab 1889 gab es dann auch den jüdischen Narrenverein Fidelia.

Wo ist nun die Verbindung von Purim und Fasnacht? An Purim wird laut des Buches Esther des Alten Testaments die Verhinderung eines Genozids am jüdischen Volk im persischen Großreich um 365 vor der Zeitenwende gefeiert. Verhindert wurde der geplante Massenmord von der Jüdin Esther. Esther war die Gemahlin des biblischen Perserkönigs Ahasveros, vor dem sie jedoch ihre jüdische Identität verborgen hatte. Und Fasnacht und Karneval, Kostüme und Masken – das ist ein Spiel mit verschiedenen Identitäten.

Bei Betrachtung der Fotografien im Museum fallen viele Analogien zur rheinischen und alemannischen Fasnacht ins Auge. Der wissenschaftliche Leiter des Museums, Joachim Klose, erklärt sie mit der Phase der Liberalisierung in der bis dahin streng orthodox ausgerichteten jüdischen Gemeinde in Gailingen, die die Übernahme allgemeiner Fasnachtsbräuche erlaubte: So glichen die Kostüme des Narrenkomitées denen des Kölner Karnevals. Und der Fidelia-Narr im Schellenkleid mit Eselsohren sieht ganz wie eine gebräuchliche Figur der alemannischen Fasnacht aus.

Museumsleiter Joachim Klose zeigt die Erklärtafeln zur Ausstellung.
Museumsleiter Joachim Klose zeigt die Erklärtafeln zur Ausstellung. | Bild: Sabine Tesche

 

Zur Ausstellung

  • Narrentage: Das Jüdische Museum begleitet die Narrentage mit einer kleinen Sonderausstellung „Gailinger Purim – die Judenfastnacht?“. Die Ausstellung in der Mikwe, im Untergeschoss des jüdischen Museums im Bürgerhaus Gailingen, wird am Freitag, 26. Januar, um 19 Uhr eröffnet. Joachim Klose führt mit einem Vortrag in das Thema ein. Während der Narrentage am 27. und 28. Januar ist die Ausstellung geöffnet und der Verein für jüdische Geschichte lädt in das Café Esther zu Haman-Taschen ein – traditionellem, mit Pflaumenmus und Mohn gefüllten Purimsgebäck.
  • Vernissage und Öffnungszeiten: Vom 29. Januar zum bis 31. Mai ist die Ausstellung von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Samstags ist sie geschlossen. Für die musikalische Umrahmung bei der Eröffnung sorgen Rudolf Hartmann (Akkordeon) und Menuhin Reinen (Violine) mit jüdischen Melodien und Klezmer. Im Anschluss öffnet Ingbert Sienel „d’Kübele-Keller“ in den Räumen des Jugendtreffs im Bürgerhaus für ein närrisches Beisammensein.