Für Jemanden, der sein Leben mit Geigen zubringen wird, ist Klaus Martin Kuhn mit acht Jahren eigentlich recht spät zum Violine Spielen gekommen. Über die Ein-Achtel-Geige, mit der die ganz Kleinen beginnen, war er jedenfalls schon weit hinausgewachsen. Dennoch hat ihn das Streichinstrument nicht losgelassen – zwanzig Jahre später war Kuhn Geigenbaumeister. Heute führt er seinen nicht alltäglichen Beruf im Geigenbau-Atelier M&M Kuhn im schweizerischen Diessenhofen aus, gleich gegenüber von Gailingen. Unterstützt wird er von seiner Frau Michèle, die er – wie könnte es anders sein – an der einzigen Geigenbauschule der Schweiz in Brienz kennengelernt hat. Genau wie er hat sie dort die alte Handwerkskunst erlernt.

Das Geigenbauatelier befindet sich in einem 400 Jahre alten Handwerkerhaus in der mittelalterlich geprägten, idyllischen Altstadt am linken Rheinufer gegenüber der deutschen Hochrheingemeinde Gailingen. Das Atelier mit Werkbank und Werkzeugen, mit Vorlagen und einer ganzen Anzahl von der Decke baumelnden fertigen Geigen bietet den Blick zur Hintergasse. Wären hier nicht Autos geparkt, würde man sich in frühere Jahrhunderte versetzt glauben. Antonio Stradivari könnte man sich hier gut an der Arbeit vorstellen. Seit der Zeit des wohl bekanntesten Geigenbauers hat sich bis jetzt in diesem Handwerk auch nur weniges geändert: Meistergeigen, wie Kuhns Einzelanfertigungen, sind bis heute im wahrsten Sinn des Wortes in jedem Millimeter handgemacht.

20 000 Schweizer Franken kostet eine von Kuhns Geigen

Vom ersten Ansetzen des Hobels bis zur Lackpolitur braucht der Diessenhofer Meister 200 Arbeitsstunden für eine Geige. Das hat seinen Preis: 20 000 Schweizer Franken kostet ein Instrument von Martin Kuhn. Kuhns Violinen sind nicht für den Musikschüler gemacht, sondern für den ambitionierten Amateur mit viel Freude am Geigenspiel und natürlich für den professionellen Geiger.

Schon mit der getroffenen Holzauswahl wird die spätere Klangqualität entscheidend mitbestimmt. Geflammter Ahorn aus bosnischen Wäldern, sogenanntes venetianisches Holz, für den Boden und die Zargen, ausgesuchte Fichte für die Decke muss es sein. Diese Holzarten garantierten schon seit jeher ein gutes Instrument. Kuhn setzt Tonholz ein, das zwischen zehn und fünfzig Jahre alt ist. Gut abgelagert solle es sein, die inneren Spannungen abgebaut, aber keineswegs uralt: „Da werden die Zellwände spröde und brüchig“. Die Bretter werden radial aus dem Stamm geschnitten und hälftig symmetrisch zusammengesetzt, so dass das jüngste Wuchsjahr immer in der Mitte der Geige liegt. Und dann wird minutiös und akkurat gesägt und gehobelt. „Vom Rohling bis zum fertigen Instrument werden 90 Prozent des Materials weggenommen. Der Rest ist die Geige“, sagt der Sechzigjährige. Die Wölbung von Decke und Boden hat nicht nur Einfluss auf die Tonqualität, sondern ist auch von statischer Bedeutung. Klein und fein, fast wie ein Faden verläuft die schwarze Einlage und trennt den Geigenrand von der Resonanzfläche.

Der Lacküberzug ist entscheidend

Sie ist kein ausschließlich dekoratives Element, sondern sorgt für Stabilität. Die dünnen Zargen werden mit Hilfe von Wasser und Hitze gebogen. Die Schnecke wird geschnitzt, für das Griffbrett kommt Ebenholz zum Einsatz. Entscheidend ist der Lack. Zwar kann er aus keiner schlechten Geige eine gute machen, aber er kann die Eigenschaften eines guten Instruments stark dämpfen.

Kuhn verwendet derzeit einen selbst entwickelten Lack. Die Saiten sind heute statt aus Darm aus Kunststoff, manchmal mit Metall überzogen. Und der Bogen? Nicht sein Metier, erklärt der Meister. Bogenmacher sei ein ganz eigener Ausbildungsberuf. Mehr als hundert Violinen sind so unter Kuhns Händen entstanden, dazu auch eine Reihe von in der Herstellung noch zeitintensiveren Celli und Bratschen.

"Jede Geige ist eine Herausforderung"

Der Geigenbau lasse sich grundsätzlich von jedem erlernen, sagt Kuhn. Vier Lehrjahre, danach heißt es, Erfahrung in verschiedenen Betrieben sammeln. Wanderjahre nennt Kuhn diese Zeit. Auf mindestens fünf Jahre Berufspraxis kann schlussendlich die Meisterprüfung erfolgen.

Tatsächlich brauche ein Geigenbauer aber ein gewisses Gespür und die Fähigkeit, die komplexen Zusammen­hänge zu begreifen, ohne deren Umsetzung sich nie ein hervorragendes Klangbild ergeben werde. Kein Holz gleiche dem anderen, jedes erfordere eine andere Bearbeitung. Das sei eben der große Unterschied zu maschinell gefertigten Instrumenten. Und nicht nur das, alles müsse in sich greifen und passen: „Jede Geige ist eine Herausforderung.“ Und so bringe sich der Geigenbauer in jedes Instrument ein, lege wie der Künstler ein kleines Stück seines Lebens in sein Werk.

Der Beruf des Geigenbauers

  • Deutschland ist neben Italien, Frankreich und Tschechien auch heute noch ein Zentrum des Geigenbaus. Die Kunst des Geigenbaus kann man nach Auskunft des Ausbildungsportals Azubister in dreieinhalb Jahren erlernen. Voraussetzung ist mindestens ein Hauptschulabschluss und eine gute musikalische Vorbildung.
  • Dem Berufsverband der Geigenbauer in der Schweiz gehören 120 Mitglieder an. Nicht alle Geigenbauer sind verbandsmäßig organisiert. Die tatsächliche Zahl liegt eher bei gut 150 dieser Handwerker.
  • Werkzeuge: Auf der Werkbank von Martin Kuhn finden sich reguläre und Wölbungshobel, Feilen, Tirolereisen und Stechbeitel und Schnitzmesser in vielen Größen. Es gibt eine feine elektrische Bandsäge, eine Schleifmaschine für das Werkzeug, ein Schleifband und eine Bohrmaschine. (drm)