Carina Wolfer möchte anderen zeigen, wie sie aus dem tiefen schwarzen Loch kommen, in dem sie selbst nach der Geburt ihrer Kinder gesteckt hat. Die 35 Jahre alte Ingenieurin wusste anfangs nicht, warum es ihr so schlecht geht. Ständig habe sie sich gefragt, ob sie eine schlechte Mutter sei, weil sie viel Kraft für die kleinsten Dinge brauchte und teils kaum aufstehen konnte.

Als sie die Ursache endlich herausgefunden hatte, sei sie erschrocken gewesen, dass viele Mütter nach einer Geburt unter einer Depression leiden. Und sie war enttäuscht darüber, dass sie auf Anhieb keinen fachkundigen Ansprechpartner fand. Um diese Erfahrung anderen Müttern in der Region zu ersparen oder zumindest zu erleichtern, hat Carina Wolfer eine Selbsthilfegruppe gegründet. Denn heute weiß sie: "Es gibt viele Wege, etwas dagegen zu tun, aber man muss sie erstmal finden."

Länger als eine Wochenbettdepression

"Ich hatte nach beiden Geburten eine post-partale Depression – beim ersten Mal wusste ich noch gar nicht, dass es das gibt", sagt Carina Wolfer. Die Wochenbettdepression während der ersten Tage nach einer Geburt sei ein fester Begriff, davon sind laut dem Verein Schatten und Licht zwischen 50 bis 80 Prozent der Mütter betroffen. Kaum jemand spreche aber über die psychische Störung, die noch Monate nach der Geburt Auswirkungen haben kann und zwischen zehn und 20 Prozent der Mütter betrifft.

"Es ist ein ziemliches Tabu, über psychische Krankheiten zu sprechen", sagt sie. Deshalb habe sie den Gedanken, dass etwas mit ihr nicht stimme, rasch weggeschoben. Wolfer schildert einen Kreislauf aus immer denselben schlechten Gedanken, von denen man sich schwer befreien könne. "Man kann Positives gar nicht mehr so sehen und braucht unheimlich viel Kraft für alles." Sie habe noch nie eine solche Ausnahmesituation erlebt. Eine psychische Vorerkrankung habe sie nicht gehabt. Eine Erklärung dafür, dass sie sich nach der Geburt so schwer tat, hatte sie aber auch nicht.

Häufig kommt Einiges zusammen

Erst eineinhalb Jahre nach der Geburt habe sie ein Buch in die Hände bekommen, das sich mit dieser Form von Depression beschäftigt. Dieses Buch habe sie innerhalb einer Nacht gelesen und sich in Fallbeispielen wiedererkannt.

Heute kennt Carina Wolfer die Symptome einer post-partalen Depression und sagt, dass sie ebenso unterschiedlich sind wie die Auslöser. Häufig komme Einiges zusammen. Komplikationen bei der Geburt, Zukunfts- und Existenzängste, eine drohende Trennung oder ein Schrei-Baby können Auslöser sein. Die Symptome seien dann beispielsweise Erschöpfung, Traurigkeit, Konzentrations-, Appetit-, Schlafstörungen oder eine innere Leere.

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Kontakt zu anderer Mutter half ihr weiter

Um die Depression zu überwinden, half Carina Wolfer der Kontakt zu einer anderen Mutter, der es ähnlich ging. Diese fand sie allerdings nicht im Hegau, sondern online über die Internetseite eines Vereins. "Man ist unheimlich entlastet, wenn man jemanden trifft, dem es nach einer Geburt ähnlich ging", sagt die 35-Jährige heute.

Selbst für den Partner und das enge Umfeld sei es schwer, diese Depression nachzufühlen. Doch bei der ersten Recherche habe sie nur Ansprechpartner in Stuttgart oder München gefunden. Auf Termine bei Fachärzten habe sie lange warten müssen und auch in der Praxis hätten sie wenig Zeit, daher seien die ersten Besuche frustrierend gewesen. Sie habe nach fünf Minuten bereits Psychopharmaka verschrieben bekommen und sich "abgefertigt" gefühlt. Eine Tablette allein könne aber nicht alles wieder gut machen.

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Wichtig sind Selbstfürsorge und Auszeiten

"Ich habe funktioniert und bin nach einem Jahr wieder arbeiten gegangen, aber es bleibt unterschwellig ein Problem", schildert Wolfer. Beim zweiten Kind sei es ihr dann ähnlich gegangen, weil die Ursache nicht behandelt worden sei. Der erste Schritt sei, das Problem zu erkennen und benennen zu können, um sich dann gute Hilfe zu suchen.

Die 35-Jährige hat in Radolfzell eine Therapeutin gefunden und mit ihr am Thema Selbstfürsorge gearbeitet. Es sei wichtig, sich Entspannungsmomente zu nehmen und das Kind auch mal abzugeben. Außerdem könne man das Umfeld um Hilfe bitten, kleine Dinge wie kochen oder einkaufen zu übernehmen. Danach habe sie rasch eine Verbesserung gemerkt. "Man entwirft sich einen eigenen Käfig, wenn man niemanden findet, dem man sich anvertrauen kann", sagt sie.

Problematisch findet Carina Wolfer auch Idealbilder der Gesellschaft. Denn wenn man diesen nicht entspreche, komme man sich komisch vor. "Ziel des Vereins ist auch, diese schönen Bilder zu entzaubern", sagt sie über den Verein Schatten und Licht, der ihre Selbsthilfegruppe unterstützt. Nicht jeder finde sich gleich in der Mutterrolle wieder. Wenn man sich das eingestehe, habe man es viel leichter. "Wenn man sich nicht überfordert, kann man mit dieser Neigung zur Depression gut leben", stellt Carina Wolfer fest.

Heute ist sie damit sehr glücklich – und möchte anderen helfen

Heute sind ihre Söhne fünf und zwei Jahre alt. "Mir geht es zu 100 Prozent besser als damals und es klappt mit zwei Kindern und dem Job. Ich bin damit sogar sehr glücklich", sagt Carina Wolfer. Sie kann ihrer post-partalen Depression inzwischen sogar etwas Gutes abgewinnen: "Ich habe es durch, deshalb kann ich anderen ein kompetenter Ansprechpartner sein."

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