Seinen Zugang zur Musik bezeichnet Konstantin Wecker als Intuition, als Gnade. Ebenfalls eine Gnade ist jedoch eine andere Fähigkeit, die der Liedermacher, Komponist, Musiker, Dichter, Schauspieler und Buchautor hat: Er versteht es, um sich herum eine Stimmung zu schaffen, in der die Menschen sich wohlfühlen. Das bewies er am Tag nach seinem Konzert im Milchwerk Radolfzell nun bei einem Besuch im Hegau-Jugendwerk. Er besichtigte nicht nur interessiert die neurologische Einrichtung. Er nahm sich auch eine volle Stunde für die rund hundert jungen Leute, ihre Angehörigen und die Klinik-Mitarbeiter Zeit, beantwortete Fragen, gab Autogramme und posierte bereitwillig für Selfies.

Es ist eigentlich erstaunlich, dass Wecker für so viele junge Leute ein Begriff ist. Er hat neulich seinen 70. Geburtstag gefeiert – auf der Bühne, denn Konzerte geben ist das, was er mit am liebsten macht. Man mag ihm seine Jahre vielleicht ansehen, anspüren tut man sie ihm nicht. Er ist ein lebhafter Mensch, aber ohne Hektik, und spricht selbst über Politik und gesellschaftspolitische Dinge im Plauderton und wohlformulierten, aber leicht verständlichen Sätzen – nicht umsonst gehört er ja auch zur schreibenden Zunft.

Der in München geborene und dort und in der Toskana lebende Künstler ist Zeit seines Lebens ein sowohl politisch, als auch sozial und humanitär engagierter Mensch. Der Kampf gegen Rassismus und Rechtsextremismus ist ihm von jeher ein wichtiges Anliegen. Das hat er gerade rund um die zurückliegenden Bundestagswahlen mit einer Reihe öffentlicher Statements bewiesen. Und im Hegau-Jugendwerk erzählte er, dass er sich auch bei seinem Konzert im Milchwerk ein solches erlaubte: Dort habe die AfD in Kürze eine Veranstaltung, hatte er zum Publikum gesagt. Das zeige die Leseschwäche der AfD, schließlich heiße es "Radolfzell" und nicht "Adolfzell".

Auch vor dem Publikum in Gailingen vertritt Wecker seine Meinungen. Der Alt-68er sieht die Bewegung seiner Jugend als die wichtigste Revolution nach Jesus. Er findet es spannend, dass aktuell wieder eine Generation heranwächst, die – wie auch die Fragen seiner jungen Zuhörer zeigen – sich Gedanken macht über die Welt um sich herum. Eine Generation, die auch bereit ist sich zu engagieren. Solche Menschen braucht Wecker. Vielleicht würde er zum Zyniker, wenn er mit seinen Ansichten allein dastände. Aber in seinen Konzerten sitzen ja Tausende, die so denken wie er, so Wecker. Diese Berührung mit den Menschen sei ihm wichtig. "Wenn wir als starke Zivilgesellschaft zusammenstehen, können wir viel bewirken", antwortet er zuversichtlich auf eine Frage aus dem Publikum.

Empathie ist für den Verteidiger der Willkommenskultur selbstverständlich. Er hat 160 000 Euro für notleidende Griechen gesammelt, stellt Gulaschkanonen in Flüchtlingslagern im Libanon auf und sammelt gerade Geld für die Anschaffung eines Müllfahrzeugs dort. Das tut er auch in Gailingen – Wecker ist Pragmatiker. Am Ende hat er 140 Euro zusammen – und freut sich über die Hilfsbereitschaft.

 

Vielfacher Preisträger

Es vergeht kein Jahr, ohne dass Konstantin Wecker Auszeichnungen erhält. Als Künstler – und als Mensch, der sich engagiert. Hier eine Auswahl der Preise allein für die Zeit von 2015 bis heute: Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz zum Deutschen Kleinkunstpreis 2017; Sonderpreis des Bayerischen Staatspreises für Musik: Klavierspieler des Jahres; Preis des Bundesverbands Klavier e.V.; Leonberger Löwe, ein Ehrenpreis der gemeinnützigen Friedensinitiative Human Projects; Preis für Solidarität und Menschenwürde, Rosa Luxemburg Stiftung (Berlin). (drm)