Am Sonntag ist Bürgermeisterwahl in Gailingen und die Wahlberechtigten wollen genau wissen, wem sie ihre Stimme geben sollen. Heinz Brennenstuhl zieht sich nach 32 Jahren als Oberhaupt der Hochrheingemeinde in das Privatleben zurück. Wer neuer Bürgermeister wird, interessiert viele Wahlberechtigte. So kamen bereits zur Vorstellung der beiden ernsthaften Kandidaten für das Amt durch die Gemeinde 300 Gailinger in die Sporthalle des Hegau-Jugendwerks. Zur Podiumsdiskussion des SÜDKURIER mit Redakteur Matthias Biehler und den Bewerbern Thomas Auer und Dietlinde Schweikle konnten im proppenvollen Keller des Liebenfelsischen Schlösschen am Dienstagabend rund hundert Bürger begrüßt werden.

Sachbetonte Auseinandersetzung

Für Thomas Auer – parteilos, verheiratet, eine Tochter, die bald ihre Schulzeit beendet – war die Podiumsdiskussion ein Heimspiel. Der promovierte Jurist stammt aus Gailingen und hat von einigen ausbildungsbedingten Unterbrechungen abgesehen sein Leben auch in der Hochrheingemeinde verbracht. Der Verwaltungsfachmann ist derzeit Leiter des Finanzamtes Mülheim mit rund 150 Mitarbeitern. Auer plauderte auf dem Podium locker, gut aufgelegt, und bestens über die Gailinger Themen und Probleme informiert – er ist kommunalpolitischer Insider: Seit neun Jahren ist er Gemeinderat auf der Freien Wähler-Liste. Eine über die bereits angedachten oder gestarteten Projekte hinausgehende Zukunftsvorstellung der Hochrheingemeinde will er zusammen mit den Bürgern erarbeiten: "Wir brauchen eine gemeinsame Vision von Gailingen. Wie soll Gailingen aussehen, wie sollen wir wachsen?" Fest steht für ihn auf jeden Fall: "Gailingen soll so liebens- und lebenswert bleiben, wie es ist."

"Wir brauchen eine gemeinsame Zukunftsvision von Gailingen. Wie soll Gailingen aussehen? Wie soll es wachsen?", fragt Bürgermeisterkandidat Thomas Auer die Mitbürger.
"Wir brauchen eine gemeinsame Zukunftsvision von Gailingen. Wie soll Gailingen aussehen? Wie soll es wachsen?", fragt Bürgermeisterkandidat Thomas Auer die Mitbürger. | Bild: Sabine Tesche

Bei Dietlinde Schweikle sieht die Zukunftsvision konkreter aus: Sie will versuchen in dem von den beiden großen Reha-Kliniken geprägten Ort medizintechnisches Gewerbe anzusiedeln. Die 51-jährige, selbstständige Diplom-Ingenieurin aus Aalen im Ostalbkreis kennt und schätzt Gailingen seit mehr als zwanzig Jahren. Ihre Mutter und ihre Schwester mit Familie leben hier. Schweikle ist ledig, ihre Tochter macht gerade das Abitur. Auch Schweikle besitzt kein Parteibuch. Kommunalpolitisch ist sie ein Neuling. Offen und ehrlich räumte sie vorgestern bei der SÜDKURIER-Diskussion auch mal ein, als Ortsfremde nicht mit allen Themen der Hochrheingemeinde vertraut zu sein.

"Aus meinem Blickwinkel verträgt Gailingen noch etwas mehr Tourismus. Vor allem mehr Übernachtungsgäste", sagt Kandidatin Dietlinde Schweikle.
"Aus meinem Blickwinkel verträgt Gailingen noch etwas mehr Tourismus. Vor allem mehr Übernachtungsgäste", sagt Kandidatin Dietlinde Schweikle. | Bild: Sabine Tesche

Was das anvisierte Wachstum des Ortes angeht liegen die zwei Kandidaten gar nicht so weit auseinander. Langsam müsse es sein, um die vorhandene Infrastruktur nicht überzubelasten, so Auer. Er plädierte für eine Reduzierung des Flächenverbrauchs – 10 000 Quadratmeter derzeit pro Jahr, für Innerortsverdichtung und Geschoss-Wohnbau mit bezahlbaren Mieten. "Dem schließe ich mich an", meinte Schweikle. Die 3000- Einwohner-Grenze will Auer überschreiten, weil dann auch die Zuweisungen von Land und Bund steigen.

Beide Bewerber halten auch die Aufrechterhaltung der engen Zusammenarbeit mit den Schweizer Nachbarn für unabdinglich.

Einen Jugendtreff sehen ebenfalls beide für notwendig. Aber während Schweikle da auf die Eigenverantwortlichkeit der jungen Leute setzt, möchte Auer deren professionelle Begleitung. "Das muss von der Gemeinde bezahlt werden", betonte er.

Ja sagen beide Kandidaten zu mehr Überschreitungshilfen im Ortszentrum. Aber während Schweikle glaubt, dort eine Tempo-30-Begrenzung durchsetzen zu können, hat Auer die jahrelangen diesbezüglichen Bemühungen der Gemeindeverwaltung miterlebt. Er weiß, dass die notwendigen Fahrbewegungen nicht erreicht werden: "Wir haben ein paar tausend Autos täglich, nicht 18 000 wie in Rielasingen." Er würde hier auf Verkehrskontrollen und auf eine Reduzierung des innerörtlichen Verkehrs setzen. Aber er weiß auch, dass in diesem Punkt die Mitbürger beteiligt werden müssen: "Da sind wir alle gefragt."

Unterschiedlich positionieren sich beide Kandidaten auch in der Rheinuferpark-Problematik: Schweikle möchte neben einem Shuttle-Bus ab dem Gewerbegebiet zu den Spitzen-Besuchszeiten die Verweildauer durch deutlich gestaffelte Parkplatz-Gebühren senken. Auer setzt insbesondere bei den dortigen Verkehrsproblemen auf Steuerung über Bewirtschaftung und Kontrollen.

Und während Schweikle gerne versuchen will, Gailingen touristisch stärker zu vermarkten, ist für Auer genug Fremdenverkehr im Ort: Innerhalb eines Jahres habe sich die Zahl der Ankünfte von 7000 auf 12 000 erhöht. "Werbung für Urlaub in Gailingen müssen wir nicht mehr machen."

Breit diskutiert wurde die Zukunft der Schule im Ort. Die Werkrealschule läuft Gefahr, auch in diesem Jahr nicht die notwendige Zahl der Schüler für eine fünfte Klasse zusammen zubekommen. Schweikle hofft hier vage auf eine Änderung der Landes-Bildungspolitik, um vielleicht die Werkrealschule erhalten zu können. Für Auer dagegen macht angesichts der politischen Fakten eher eine Grundschule mit fakultativem Ganztagsbetrieb Sinn. Wie im Gemeinderat angedacht, ließe sich der Schulcampus dann für die Kinderbetreuung nutzen.

SÜDKURIER-Redakteur Matthias Biehler mit den beiden Kandidaten Dietlinde Schweikle und Thomas Auer (v.l.) bei der Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl im Keller des Liebenfelsischen Schlösschens in Gailingen.
SÜDKURIER-Redakteur Matthias Biehler mit den beiden Kandidaten Dietlinde Schweikle und Thomas Auer (v.l.) bei der Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl im Keller des Liebenfelsischen Schlösschens in Gailingen. | Bild: Sabine Tesche

Jetzt steht die Wahl an

  • Die Bürgermeisterwahl in Gailingen ist am Sonntag, 4. März. Von 8-18 Uhr sind die beiden Wahllokale im Rathaus und der Hochrheinschule geöffnet. 2203 Bürger sind zur Stimmabgabe aufgerufen.
  • Als Kandidaten treten Thomas Auer und Dietlinde Schweikle auf. Eigentlich gibt es drei Bewerbungen. Fridi Miller steht ebenfalls auf dem Wahlzettel. Die Dauerkandidatin kam bisher allerdings nicht an den Hochrhein.
  • Das Wahlergebnis wird offiziell bekanntgegeben gegen 19 Uhr vor dem Rathaus. Dazu soll die Ortsdurchfahrt gesperrt werden.
  • Zu einer Nachwahl käme es, sollte trotz überschaubarer Kandidatenauswahl kein Bewerber mehr als 50 Prozent der Stimmen erhalten. Eine eventuelle Neuwahl ist auf Sonntag, 18. März, terminiert.