Vor mehr als acht Jahren war der Neurologe Klaus Scheidtmann mit einer Diagnose konfrontiert, die ihm wie ein Todesurteil glich: „Wir können sie nur noch begleiten“, schallen ihm die Worte des Radiologen im Gedächtnis nach. Faustdick breitete sich im Gehirn von Klaus Scheidtmann ein Tumor aus. Durchschnittliche Überlebensdauer: zwei bis drei Jahre. Deutlich erinnert sich Scheidtmann an das Gefühl, das diese Diagnose bei ihm auslöste: Sie habe sich angefühlt, als ob er aus zehn Meter Höhe auf eine Betonplatte fallen würde.

Nun gilt der Facharzt als geheilt. Am 18. September stellt der Neurologe in der Gaienhofener Melanchthonkirche in einem Dialog mit dem evangelischen Pfarrer Roland Klaus seine authentische Geschichte „Seitenwechsel – Ein Arzt als Patient“ vor. Mit seinem Hirntumor lernte der Neurologe auch die andere Seite der medizinischen Versorgung in Deutschland kennen. In einer großen Offenheit fließen seine Erfahrungen, seine Erschütterung, seine Hoffnung aber auch seine Verzweiflung in ein fesselndes Lesebüchlein. Vorab unterhielt sich der SÜDKURIER mit dem Neurologen.

Bei einer ersten Untersuchung wurde der Tumor nicht entdeckt

„Etwas übernahm von mir Besitz“, schreibt Scheidtmann in seinem Buch. Und dieses „etwas“ habe ihn komische Dinge machen lassen, beobachtete auch seine Ehefrau Birgit. Dass etwas in seinem Hirn wuchs, war längere Zeit niemandem aufgefallen. Auch nicht nach einer ersten Untersuchung, die Scheidtmann nach einem Fahrradsturz hatte. Mit diesem Unfall beginnt die authentische Geschichte des Neurologen mit seinem Seitenwechsel vom Arzt zum Patienten. Die Schmerzen im Jochbein veranlassten ihn zu einer Computer-Tomografie. Er wollte wissen, ob jenes nach dem Sturz gebrochen war oder ob eine Blutung im knöchernen Bereich vorliegen würde. Dem Wangenknochen fehlte nichts. Doch hätte man den Blick auf das Bild etwa zwei Zentimeter höher wandern lassen, so wäre etwas anderes aufgefallen: ein kleiner Tumor, der hinter seiner Stirn zu wachsen begann.

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Den Ärzten macht Scheidtmann keinen Vorwurf. Es sei damals nicht darum gegangen, eine Schädigung des Gehirns zu diagnostizieren. Ohne dass der Neurologe etwas ahnte, wuchs ein Tumor in seinem Kopf. Und mit dessen Wachstum begann auch eine Verhaltensveränderung des Arztes. Denn an dieser Stelle im vorderen Stirnbereich liegt auch „der menschlichste Teil des Gehirns“, wie der Frontallappen von Autoren beschrieben wird. Der Druck des Tumors beeinflusste sein Denken und Handeln. Es wurde vor allem in der Familie durch eine Verhaltensänderung sichtbar.

Zwei Jahre dauerte es, bis sich Scheidtmann von seiner Ehefrau überreden ließ, weitere Untersuchungen durchführen zu lassen, diesmal mit Hilfe einer Kernspin-Tomografie. Der Radiologe entdeckte einen faustdicken Tumor, bei dem zunächst angenommen wurde, dass dieser ein bösartiges Gliom war. Nach weiterer ärztlicher Meinung entpuppte sich jedoch das Gliom als ein nicht minder schwerer, aber dafür behandelbarer Tumor. Der Änderung im Verhalten lag also keine psychologische, sondern vielmehr eine physiologische Ursache zugrunde.

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Im Medizinbetrieb gibt es auch noch alte Patriarchen

Nun beginnt die eigentliche Geschichte beziehungsweise Odyssee von Klaus Scheidtmann. Sie erzählt davon, dass auch Mediziner in widrige Umstände geraten können, die sie hilflos machen, und dass auch Ärzte um ihre Gesundheit kämpfen müssen. Sie wirft einen Blick auf die medizinische Betreuung und berichtet auch über die Erfahrung mit einem ihn behandelnden Universitätsprofessor, den er vom Wesen als einen „alten Patriarchen“ beschreibt und der niemanden an sich vorbei ziehen ließ. „Er war der Chef“, erinnert sich Scheidtmann – mit einem Führungsstil alter Schule, der zwar als obsolet gilt, aber dennoch verbreitet ist. Scheidtmanns Erlebnisse können auch als ein Plädoyer genommen werden, den „Halbgöttern in Weiß“ kritisch gegenüber zu stehen, sich narzisstisch anmutenden Mediziner in ihrer angenommenen Unfehlbarkeit entgegen zu stellen und sich weiteren Rat einzuholen. Das Buch erzählt vom Glück und von einer Chance auf Heilung sowie vom Einfluss der Erkrankung und der Therapie auf die Familie – und davon, wie ein Umfeld richtiger Personen es ermöglichte, das schwere Los zu wenden.

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