Beinahe wäre das Schaffen von Ilna Ewers-Wunderwald in Vergessenheit geraten. Private Sammler machten jedoch einen Großteil ihres künstlerischen Nachlasses für Ausstellungen zugänglich. „In der Literatur- und Kunstszene wurde Wunderwald oftmals nur als Gattin des skandalumwitterten Schriftstellers Hanns-Heinz Ewers reduziert“, eröffnete Kuratorin Ute Hübner eine Werkschau mit Illustrationen der 1875 in Düsseldorf geborenen Künstlerin im Hesse Museum Gaienhofen.

Im Zentrum der Ausstellung „Grenzgänge“ stehen die von Jugendstil und Symbolismus angeregten Entwürfe für Buchumschläge und Illustrationen. Darüber hinaus stellt die Schau die Künstlerin als Autorin und Übersetzerin vor. Mitte des Jahres wurde Wunderwald bereits in Konstanz als Malerin vorgestellt. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Sven Brömsel stellte im Hesse Museum Gaienhofen die außergewöhnliche Persönlichkeit vor.

In der wilhelminischen Ära wurde die Kulturszene von Männern dominiert. Bis 1918 blieb den Frauen das Kunststudium verwehrt, erläuterte Ute Hübner: Umso verwunderlich sei, dass die Autodidaktin erfolgreich an wichtigen Ausstellungen der Münchner Sezessionen und großen Berliner Kunstausstellungen teilnahm.

Große Gemeinsamkeiten mit dem Dichter Hermann Hesse

In ihren Indien-Erlebnissen hatten Hermann Hesse und Ilna Ewers-Wunderwald eine große Gemeinsamkeit, berichtete Sven Brömsel. Diese Erlebniskraft kultureller Eindrücke flossen in Hesses „Siddharta“ und bei Wunderwald in Zeichnungen ein, die in der Schau zu sehen sind. Wunderwald lernte ihren Mann Ewers wahrscheinlich im Künstlerverein „Malkasten“ kennen, in dem die künstlerische Szene von Düsseldorf zu Hause war und die auch eine Damen-Malschule beherbergte. 1901 heiratete Wunderwald den Schriftsteller Hanns-Heinz Ewers.

Das Paar ging zum Kabarett Überbrettl nach Berlin und tourte durch Europa. Das neuartige und in Paris entwickelte Kabarett schaffte eine Möglichkeit der literarisch wie anarchistisch-ästhetischen Darbietung, sagte Brömsel: Es vollzog einen Spagat zwischen seriösem Tingeltangel und Theater, zwischen Gassenhauern und gehobener Liedtradition sowie zwischen Bürgerschreck und Hochkultur.

Glück auf Capri nur von kurzer Dauer

Im Herbst 1902 zog das Paar auf die Insel Capri. Es wollte seiner eigenen Kunst frönen, erzählte Brömsel: Er möchte schreiben und sie zeichnen. Dort entstehen Märchen von Ewers und Reform- und Jugendstil-Kleidung von Wunderwald. Auf den Prüfstand wurden auch die Moral und Prüderie der bürgerlichen Gesellschaft gestellt. Ewers schreibt ein Stück gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und Wunderwald hatte nicht nur einen Schlag bei Männern, erzählte Brömsel.

Bei einer üblen Keilerei habe Ewers einem Anwalt einen Teil seiner Nase abgebissen. Als promovierter Jurist wusste Ewers sofort, was er zu tun hatte: „Die Insel sofort mit seiner Gattin zu verlassen“, erzählte Brömsel.

Fernweh bringt das Paar auf eine Geschäftsidee

Sie selbst konnte von ihrer Kunst kaum leben und blieb von den Zuwendungen ihres Gatten abhängig, der selbst am unteren Existenzminimum laborierte, so Brömsel: Und beide waren vom Fernweh geplagt. Die Idee, sich ihre Expeditionen von Verlagen, Zeitungen und Reiseunternehmen finanzieren zu lassen – denen im Gegenzug positive Bewertungen ihrer Leistungen versprochen wurden – ging auf: Wunderwald entwarf beispielsweise Menükarten für die Hamburg-Amerika-Linie und bereiste den amerikanischen Kontinent. Indien war das intensivste Erlebnis von Wunderwald. Nachhaltig haben die Erfahrungen bis zu ihren letzten Bildern gewirkt, so Brömsel.

Für das Buch „Indien und ich“ ihres Gatten entwirft sie den Buchumschlag mit einer Darstellung der indischen Göttin Kali. Nachdem sie die Göttin des Todes und Wiederkunft gemalt hatte, nahm ihr Leben einen anderen Lauf. Sie brannte mit dem Komponisten Gustav Krumbiegel nach Leipzig durch.

Ab 1938 lebte die Künstlerin am Bodensee

Als Krumbiegel im Ersten Weltkrieg fiel, konnte sie zunächst nach Düsseldorf nicht zurückkehren. Sie galt in der dort ansässigen Kulturszene mittlerweile als eine Persona non grata, so Brömsel. Wunderwald zog zu ihrem Bruder und verliebte sich in die Bildhauerin Elli Unkelbach. In der Ära der Neuen Sachlichkeit war ihre magisch-fantastische Kunst mit Jugendstilprägung nicht mehr gefragt. 1938 zog sie mit Elli Unkelbach an den Bodensee und zeichnete dort bis zu ihrem Tod 1957.

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