Älterwerden in der Stadt und auf dem Land – mit dem demografischen Wandel gehen kommen viele Herausforderungen auf das Gemeinwesen zu. Die Vereinigung der liberalen Senioren Baden-Württemberg lud im Gaienhofener Ortsteil Horn zu drei Impulsreferaten, die das Thema beleuchteten. "Wir haben ein Problem mit der Demografie", eröffnete Bürgermeister Rupert Metzler aus der 8400 Einwohner zählenden Gemeinde Hilzingen das Symposium im Gasthaus Hirschen. Schnell wurde deutlich, dass die Politik die Unterstützung der Bevölkerung für die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels benötigt. Kann Bürgern die Entscheidung für ein Engagement leichter gemacht werden? Welche Rolle spielt der Aufbau des deutschen Rentensystems bei der Misere in der Versorgung? Drei Referenten gaben Impulse für ein Umdenken:

  • Bernd Eberwein ist Vorsitzender des Kreisseniorenrates Konstanz. Dessen Denkfabrik will Probleme erkennen und Chancen für Veränderungen wahrnehmen, beschreibt Eberwein. Fünf Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit der medizinischen Versorgung, der Mobilität, dem Wohnen, der Pflege und der Armut von Senioren. Eberwein spricht von einem dramatischen Pflegenotstand im Landkreis und von bereits akuter Altersarmut, bei der 40 Prozent der Bewohner in Pflegeheimen auf Sozialhilfe angewiesen seien. Der Armutsbericht sei frustrierend, so der Vorsitzende, und die Demografie ernüchternd: "Im Jahr 2050 haben wir deutlich weniger Erwerbstätige als heute. Und damit auch weniger Beiträge in die Rentensysteme." Eberwein begreift die Erfassung der Rentenbeiträge als unfair. Der Rat fordert eine Einschränkung prekärer Arbeitsverhältnisse: Befristete Beschäftigungen, Werksverträge, Leiharbeit und Solo-Selbstständigkeit seien im gegenwärtigen Ausmaß nicht gerechtfertigt. Der Rat fordert zudem den Wegfall der Beitragsbemessungsgrenzen und die Einbeziehung aller Einkommensquellen in die Beitragszahlung zur Rentenversicherung. Gut verdienende Berufsgruppen hätten eigene Versorgungswerke gegründet und sich aus dem allgemeinen Rentensystem verabschiedet. Diese Beiträge würden dort fehlen.
  • Erich Knoll leitet in Ostfildern den städtischen Fachbereich "Soziales Miteinander und Leben im Alter". Bereits seit 25 Jahren beschäftigt sich die Gemeinde in der Nähe von Stuttgart mit dem Älterwerden in der Kommune. Dabei unterstützt die Gradmann-Stiftung die Gemeinde mit innovativen Altenhilfe-Projekten: Das Nachbarschaftshaus beherbergt Haus- und Wohngemeinschaften sowie Tagesplätze für demente Senioren. Im Haus koordiniert eine "Leitstelle für Ältere" die Fachplaner, den Seniorenrat und die Politik sowie Anbieter sozialer Dienste. Eine Beratungsstelle betreut Wohnanliegen älterer Mitbürger. Ostfildern zeichnet ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement aus mit praktischen Hilfeleistungen für Senioren. Wichtig sei vernetztes Denken, so Knoll. Wer nicht vernetzt denke, könne die anstehenden Probleme nicht lösen. Aktuell stehen die Überwindung des Fachkräftemangels in der Pflege, bezahlbarer Wohnraum und die Quartiersentwicklung auf der Agenda der Kommune. Ein Ziel innerhalb der Quartiersentwicklung ist die Entstehung ambulant betreuter Wohngemeinschaften in bürgerschaftlicher Verantwortung.
  • Gerhard Habicht hat in Stuttgart einen der ersten privaten Pflegedienste gegründet. Die Pflege von Angehörigen sei im Grunde eine Art Selbsthilfe. 75 Prozent aller Hilfs- und Pflegebedürftigen würden derzeit von Angehörigen versorgt. Die Pflegepolitik konzentriere sich derzeit nur auf den öffentlichen Bereich, kritisiert Habicht. Die Pflege Angehöriger kennzeichne eine Balance zwischen Bedürftigen und Helfern. Diese Balance sei nachhaltig gestört. Habicht stellt sich die Frage, wie Bürgern die Entscheidung für ein Engagement in der Pflege leichter gemacht werden kann. Dabei denkt er an eine Reduzierung von Hemmnissen und an eine Erhöhung der Nutzen für den Helfenden. Habicht setzt auf die Möglichkeiten moderner Technologien, die Bürgergemeinschaften in ihren Transaktionen unterstützen sollen. Die von ihm vorgeschlagene Plattform "Care Sharing" verbindet bisher voneinander isoliert arbeitende Helferteams mit der Bürgerschaft und ermöglicht so den Austausch von Hilfeleistungen. Eine Internet-Plattform mit App-Zugang könne die Angehörigenpflege fundamental verändern und bisher isoliert pflegende Familien und in der Pflege arbeitende Helferteams zusammenbringen.

Demografischer Wandel

Das Schlagwort beschreibt Veränderungen in der Entwicklung der Bevölkerung. Damit sind etwa Veränderungen der Altersstruktur, des Verhältnisses von Männern zu Frauen, der Anteile von heimischer Bevölkerung zu eingewanderten Bürgern, bei Geburtenrate und Sterbefällen, aber auch bei Zu- und Fortzügen gemeint. Die Auswirkungen des Wandels stellen Bürger, Gesetzgeber, Wirtschaft und Wohlfahrtseinrichtungen vor neue Aufgaben. Seine Effekte machen sich in der Altersvorsorge, im Gesundheitswesen, in den Immobilienpreisen, der Wirtschaft und Arbeitswelt und den staatlichen Infrastrukturen bemerkbar. (gla)