Etwas hatte den Hermann-Hesse-Tagen in Gaienhofen lange gefehlt, doch diesmal, bei der 26. Auflage, geschah es: eine schwerpunktmäßige und tiefgründige Auseinandersetzung mit Hesses „Steppenwolf“ (1927). Das Buch ist ein völlig anders geartetes Gegenstück zum wenige Jahre zuvor erschienenen „Siddharta“. Und wer könnte für diese Analyse berufener sein als Volker Michels, der wohl beste Kenner von Hesses Gesamtwerk?

Michels stellte seinen Einführungsvortrag unter das Leitwort „Zeitkritik als Selbstkritik“ und traf damit gut die besondere Rolle, die die erdachte Figur und die Geschichte des Steppenwolfs Harry Haller in den aktuellen Lebensumständen und in der Rezeption des Autors gespielt haben. „Kaum etwas im Werk dieses Dichters ist willkürlich oder erfunden. Die meisten seiner Bücher sind Selbstbefreiungsversuche aus Existenzkrisen“, erläuterte Michels. Er hat in der Vergangenheit etwa eine Hesse-Gesamtausgabe erarbeitet.

Hesse befreite sich aus Existenzkrisen

Die persönlichen Schwierigkeiten Hermann Hesses fanden ihren Niederschlag in seinem Werk, in pfiffigen neuen Gedichten und eben auch im „Steppenwolf“. Als da wären der Weggang von Gaienhofen, die Übersiedlung in die Schweiz, das Zerbrechen seiner Ehe mit Maria und die zweite Ehe mit Ruth Wenger, die Sorge um Unterhalt für Frau und Söhne in Zeiten der Inflation. Aber auch die Entwicklung der allgemeinen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zeitumstände spiegelten sich in seiner seelischen Verfassung wider. Interessant sind die von Michels angeführten Reaktionen auf dieses Buch, von wichtigen damaligen Zeitgenossen bis hin zur späteren Hippie-Bewegung in den Vereinigten Staaten von Amerika und ihren politischen Folgen.

Lektor erklärt Werk des Literaturnobelpreisträgers

Für Leser der Geschichte gibt es sicher einige Fragen. Wird hier irgendwo der Gebrauch von Rauschgift propagiert? Was soll die Vorstellung eines „Magischen Theaters“? Wozu erscheint die Person Mozarts und was sagt uns das? Dank der von Michels gegebenen Hinweise wird es verständlicher. Mit der Fülle der von Michels vorgebrachten Einzelheiten und Belege konnten sich die Zuhörer – unter denen sich erstaunlich viele Schüler und Jugendliche befanden – ein ausgezeichnetes Bild machen von der Entstehung und der Wirkungsgeschichte eines Buches, das in der Literatur des 20. Jahrhunderts eine ganz eigene, wichtige Bedeutung erlangt und letztendlich sogar den Intentionen seines Autors entsprochen hat.

Volker Michels gestaltete den Auftakt der diesjährigen Hermann-Hesse-Tage, die bis Sonntag in neun Veranstaltungen das Leben des deutschen Ausnahmeautors beleuchteten. Neben Vorträgen gab es dabei auch Führungen im Hermann-Hesse-Haus und das Hermann-Hesse-Museum. Der Literaturnobelpreisträger lebte von 1904 bis 1912 mit seiner Familie in Gaienhofen.