Was geschieht, wenn ein Märchenbuch nach dem Lesen wieder geschlossen wird? Könnte es sein, dass die Figuren im Buch ein märchenhaftes Eigenleben führen, wenn keiner mehr hineinschaut? Und könnte es vielleicht sein, dass die Figuren das Märchen für den Leser nur inszeniert haben? In einer Produktion zeichnet die Theatergruppe der Schloss Schule Gaienhofen fantasievoll nach, was geschehen wird, wenn man achtlos ein Märchenbuch beiseite legt. Die Figuren bekommen eine Sinnkrise und starten eine Rebellion gegen den Dramaturgen der Erzählung, der im militärischen Drill die Märchenfiguren für die Inszenierung in Schuss halten möchte. Das Leben der Märchenfiguren ist alles andere als märchenhaft. Mit viel Humor zeigt die Eigenproduktion Schneewittchen, Rapunzel und Co. von einer unverhofft anderen Seite und klärt auf, wer der größte Bösewicht aller Geschichten ist.

Margit Schlenker ist Lehrerin für die Fächer Deutsch und Literatur und leitet die Theater-AG an der Schlossschule. Gemeinsam mit den Schülern entwickelte sie eine märchenhafte Eigenproduktion, die die Vielzahl der schauspielerischen Talente unterbringen vermochte und bei der die Schüler die Länge der einzelnen Rollen selbst gewichten konnten. Angeregt vom Musical "Into the Woods" entwickelte die Theatertruppe die Figuren des Märchens anhand eines Leitfadens mit Kategorien wie Jäger und Prinzen, Prinzessinnen, Bösewichte und magische Gegenstände. Die Schüler improvisierten mögliche Begegnungen der Figuren, wie sie miteinander interagieren und aufeinander reagieren könnten. Doch vor allem wollten die Schüler zeigen, was in einem Märchenbuch geschehen kann, wenn es nicht gelesen wird. Die Schüler entwickelten für jede Figur eine eigene Charakter-Biographie und lernten auch wie Theaterszenen mit Höhepunkten und Ruhepausen aufgebaut sind. In einem Workshop in der Toskana gab Grimme-Preisträger Siemen Rühack den Figuren und dem Spiel der Schauspieltruppe den letzten Schliff. Die Spannung des Stückes steigt von Szene zu Szene. Sehnlich erwartet der Zuschauer nicht nur ein, sondern gleich mehrere glückliche Enden aus den turbulenten Handlungssträngen und Verwicklungen.

Rapunzel probt mit anderen Märchenfiguren in der Theaterproduktion "Es war einmal... Chaos!" der Schloss Schule Gaienhofen den Aufstand gegen den Dramaturgen der Erzählungen. Bild: Georg Lange
Rapunzel probt mit anderen Märchenfiguren in der Theaterproduktion "Es war einmal... Chaos!" der Schloss Schule Gaienhofen den Aufstand gegen den Dramaturgen der Erzählungen. Bild: Georg Lange

Elena Smyk aus Bohlingen spielte die Rolle des Pinocchio. Bei der Wahl interessierte sie eine Theaterfigur, die sich absonderlich verhalten würde. Innerhalb der Improvisationen entwickelte sich der Charakter vom Handlanger des Spiegels zu dessen Gegenspieler. Es sei die Freude, die man Zuschauern schenken könne, erläutert Elena Smyk ihren Beweggrund auf der Bühne stehen zu wollen: Allein dadurch, dass man den Menschen ein Geschehen zeigt, bei dem sie Lachen oder Weinen können. Das Theaterspielen sei eine wichtige Erfahrung, die jeder im Leben haben sollte, sagt sie. Man stehe im Rampenlicht und müsse sich keine Sorgen machen, ob jemand einen lächerlich fände, da man nur eine Rolle und nicht sich selbst verkörpere. Schnell verlöre man die Angst, vor einem großen Publikum zu stehen.

Neele Burth aus Böhringen steht kurz vor der mündlichen Prüfung des Abiturs. Sie spielte das Schneewittchen und gab der Figur einen Charakter, der sich vom Märchen deutlich unterscheidet. Sie zeigt ein Schneewittchen, das sich zickig mit Starallüren verhält und zeichnet eine Figur nach, die im Verlauf des Stückes einen Sinneswandel erfährt. Burth zeigt sich fasziniert vom Gruppenprozess, bei dem jeder Schüler eine Rolle verkörpern und in ihr aufgehen würde. Beim Spiel lerne man, sich in Menschen hinein zu versetzen, Sichtweisen zu verstehen und diese akzeptieren zu können. Das sei für zwischenmenschliche Kontakte wichtig. Beim Schauspiel würde man innerhalb der Gruppe mutiger werden und sich immer mehr zutrauen, so ihre Erfahrung fürs Leben.

Maja Strasser kommt aus Horn. Sie spielt die Jasmin des Disney-Klassikers "Aladin" und stürzt unverhofft mit ihrem Teppich in die Aufführung. Das Spielen einer Rolle sei für sie einfacher als einen Vortrag vor den Mitschülern zu halten. Indem man eine andere Rolle spiele, könne man eigene Gefühle ausblenden und gewinnt an Selbstbewusstsein. Tom Franklin forderte sich selbst heraus und wählte mit dem nachdenklichen "Prinz Seltsam" einen für ihn befremdlichen Charakter, der im Gegensatz zu seiner eigenen Natur steht. Die Rolle machte ihm deutlich, wer er selbst sei. Auf der Bühne könne man sich nicht verlassen, was man selber denkt, so Franklin, sondern man überlegt, wie die Rolle denken und handeln würde und welche Wertvorstellungen sie habe. Bleibe man in der Charakterrolle, so könne man auf der Bühne nichts falsch.

Das Schauspiel "Es war einmal: Chaos!" ist am Freitag, 22. Juni, 20 Uhr, nochmals kostenfrei zu sehen