Erwartungsfroh sammelten sich die Gäste der ersten Führung unter den Kastanienbäumen. "Sharing heritage – Entdecke was uns verbindet" lautete das Motto des Tages des offenen Denkmals. Die private Eigentümerin von Haus und Garten, Eva Eberwein, hat sich entsprechend die "kulturellen Wurzeln" des Hauses ausgesucht. Die Reformzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Ideengeber für Mia und Hermann Hesse, die sich im Gaienhofer Gewann Erlenloh auf einem großen Areal ein Landhaus bauen ließen.

"Keine Schnörkel" wollten die Bauherren, so erklärt Eberwein, "sondern klare Linien, dazu Licht und Luft im ganzen Haus." Nach der Gründerzeit mit dem vorherrschenden dunklen Braun, den Giebelchen und Türmchen, sollte jetzt alles funktional werden, reduziert auf das Wesentliche. Reform hieß Erneuerung, und zwar Erneuerung in Kleidung, in Ernährung und im Kunsthandwerk. Auch in der Architektur setzten sich neue Prinzipien durch. Der Schweizer Architekt Hans Hindermann, ein entfernter Verwandter der Basler Fotografin Mia Hesse geborene Bernoulli, baute dem jungen Paar ein Landhaus ganz nach der Formen- und Farbsprache der Zeit.

Selbst im Herbst blüht der Garten des Hesse-Hauses in Gaienhofen noch prächtig – das Türkis des Hauses entspricht den Prinzipien der Reformzeit. Bild: Doris Burger
Selbst im Herbst blüht der Garten des Hesse-Hauses in Gaienhofen noch prächtig – das Türkis des Hauses entspricht den Prinzipien der Reformzeit. Bild: Doris Burger

Drei Kriterien führt Eberwein an: "Erstens: Das Haus sollte sich harmonisch in die Landschaft einfügen." Die Grenzen zwischen Haus und Landschaft sollten verschwimmen, weshalb die Fassade zusätzlich begrünt wurde. Zweitens sollten die Materialien aus der Gegend stammen: Der Sandstein wurde in Öhningen abgebaut. Und drittens sollten die Farben bereits in der Umgebung vorkommen. Das Grautürkis oben am Haus spiegelte die Farbe des Sees nach Abschmelzen der Gletscher und sei außerdem das "Gundelegrün", mit dem die Fischer ihre Boote strichen. Das Rosa gibt die Morgenröte am See wieder, bevor die Sonne über den Horizont kommt. Das untere Grau lieferte der Molasse-Sandstein aus Öhningen.

Eva Eberwein in der Küche, in der Mia Hesse für Mann und Kinder kochte – vegetarisch war Trumpf zu Zeiten der Lebensreform. Bild: Doris Burger
Eva Eberwein in der Küche, in der Mia Hesse für Mann und Kinder kochte – vegetarisch war Trumpf zu Zeiten der Lebensreform. Bild: Doris Burger

Erbaut wurde das Haus 1907, im April dieses Jahres weilte Hermann Hesse bereits einen Monat in Ascona auf dem Monte Veritá, einer Kolonie der Lebensreform. Gestärkt in seinen Reformprinzipien kam er zurück. Vegetarisch sollte es ab da zugehen, Müsli und Grahambrot, das "Reformbrot", wurden Trumpf. Auch dem Alkohol schwor der Dichter eine Zeitlang ab, bevor der Meersburger Wein wieder Einzug hielt: Als "Stägefässle", als Fässchen unter der Stiege, kam er ins neue Haus. Solcherlei Details erklärt Eberwein in der Küche, in der Mia Hesse mit Wildkräutern und Gemüse aus dem eigenen Garten kochte. Das Haus wiederum wurde bereits 1909 auf einer ganzen Seite in der "Architektonischen Rundschau" vorgestellt: als Beispiel für ein gelungenes Landhaus.

Die Besucher beim Denkmaltag sind wissbegierig und fragen nach. Teils sind sie auch fachkundig: So Roswitha Weiß aus Freudenstadt, die das zweite Mal im Haus ist und sich besonders für Mia Hesse interessiert. Sie sei extra um 6 Uhr aufgestanden, um rechtzeitig da zu sein, bekundet sie. Ein Besucher kam aus Rheinfelden, er möchte noch weiter zur Ausstellung im Hesse Museum. "Die Manns am Bodensee" werden dort noch bis 16. September gezeigt.

Türkisgrün wurden die oberen Schindeln des Hesse-Hauses in Gaienhofen gestrichen, dazu kam die Fassadenbegrünung – ganz nach den Prizipien der Reformzeit. Bild: Doris Burger
Türkisgrün wurden die oberen Schindeln des Hesse-Hauses in Gaienhofen gestrichen, dazu kam die Fassadenbegrünung – ganz nach den Prizipien der Reformzeit. Bild: Doris Burger

Die Gelegenheit, einmal ohne Anmeldung und Eintritt das privat bewohnte Hesse-Haus und seinen Garten kennenzulernen, ließen sich viele Besucher nicht entgehen, auch wenn sie nicht mehr an einer der beiden Führungen teilnehmen konnten. Etliche Mitglieder des Fördervereins lenkten die zahlreichen Besucher und gaben zusätzliche Erklärungen. Sie sorgten auch für das Tragen von Plastikfüßlingen, damit die restaurierten Holzböden keinen Schaden leiden.

In der Bibliothek des früheren Hausherrn Hermann Hesse konnte man sich Fotos anschauen, die den Zustand des Hauses vor der Restaurierung wiedergaben. Erst mit diesen Fotos ließ sich ermessen, welches Engagement in dem mustergültig sanierten Haus steckt. Und welcher Aufwand ein solcher Tag des offenen Denkmals bedeutet. Für private Eigentümer, die derweil auch gemütlich im Garten liegen könnten.