Auch wenn das Gebäude einen Titel trägt: Das Hermann-Hesse-Haus ist ein Wohnhaus im Privatbesitz. Deren Eigentümer geben jedoch der Öffentlichkeit die Möglichkeit, die ehemalige Lebenswelt des verstorbenen Nobelpreisträgers im sanierten und denkmalgeschützten Wohnhaus sowie im rekonstruierten Garten in Führungen kennenzulernen – vornehmlich an Wochenenden zwischen Ostern und Oktober. Neben offiziellen Besichtigungsterminen ermöglicht der assoziierte Förderverein auf Anfrage auch abweichende Termine.

Eigentümer wollen eine Museumsnutzung

In seiner Sitzung hatte der Gemeinderat von Gaienhofen zu entscheiden, ob er dem Antrag der Eigentümer auf eine Nutzungsänderung von Teilen des Erdgeschosses und der Bibliothek zu einer alternierenden Museumsnutzung zustimmt. Der Bauantrag sorgte im Gemeinderat für einen Interessenskonflikt zwischen Bedürfnissen der Anwohner nach Ruhe sowie dem öffentlichen Interesse am ehemaligen Wohnhaus von Hermann Hesse. Allgemeine Wohngebiete sehen zwar Anlagen für kulturelle Zwecke vor, gleichzeitig besteht aber das Gebot der Gebietsverträglichkeit. Letzteres zweifelte eine Mehrheit der Räte an und lehnte das Gesuch ab.

Immer wieder beschwerten sich Nachbarn

Nach Einwendungen und Beschwerden von Nachbarn entschied das Landratsamt bereits 2007, dass 32 Führungen mit je acht bis zehn Personen zumutbar und gebietsverträglich seien, erläuterte Johannes Wilhelm, Leiter des Baudezernats von Gaienhofen, den Räten. Zehn Jahre später stieg die Besucherzahl mit 110 Führungen auf 2555 Besuchern an. Beantragt wurden 120 Führungen, so Wilhelm. Das Landratsamt Konstanz habe in einem Termin mit den Betreibern und der Verwaltung einen Antrag auf Nutzungsänderung gefordert. Der technische Umweltausschuss von Gaienhofen empfahl dem Rat, dem Antrag zuzustimmen unter der Bedingung, dass die Nutzung gebietsverträglich sei, Einwendungen der Nachbarn berücksichtigt und notwendige Stellplätze errichtet werden.

Bürgermeister Uwe Eisch weist auf Interessenskonflikt hin

In der Sitzung sah sich Bürgermeister Uwe Eisch genötigt, Antwort auf die Frage zu geben, ob die Ruhe in einem Wohnquartier höher anzusiedeln sei als das öffentliche Interesse an einem Kulturdenkmal. "Wir in der Verwaltung haben uns außerstande gesehen, den Terminus gebietsverträglich mit einer Anzahl von Führungen zu füllen", eröffnete Eisch den Tagesordnungspunkt: Er sehe sehr wohl den kulturellen Hintergrund dieser Einrichtung und, dass diese von öffentlichem Interesse sei – steigende Besucherzahlen legten das nahe. Das könne aber nicht über die Köpfe der Nachbarn geschehen und zu größeren Verwerfungen führen.

Kritik am Nutzungskonzept

Bernd Sutter (Die Aktiven) befand das Nutzungskonzept des Museums für gut dargestellt und hob den Wert des Hermann Hesse Hauses für die Gemeinde hervor. Ihm fehlten jedoch Angaben darüber, wie die Führungen aufgegliedert seien und Angaben über Öffnungszeiten und Ruhetage und machte auf Widersprüche bei bisherigen Besucherzahlen aufmerksam. Für Christa Schuler (Die Aktiven) ist es lobenswert, dass das Haus Hermann Hesses erhalten blieb. Für sie ist das Nutzungskonzept aber eine Auflistung ohne visionären Charakter. Es sei ein Wunsch nach mehr. Der Gemeinderat sei auch den Nachbarn verpflichtet: "Sie haben sich beschwert und die Führungen wurden immer mehr."

Welche Intensität der Nutzung sinnvoll ist, ist schwer zu beurteilen

"Im Rat gibt es einen Konsens darüber, dass er sich glücklich schätzt, das Haus zu haben", sagte Ingo Bucher-Beholz (UBL). Er wies exemplarisch darauf hin, was in einem Wohngebiet möglich sei: Vom Wohnhaus über Studentenwohnheime bis hin zu Bäckereien und Tankstellen. Er könne als Rat zwar über drei- oder viergeschössige Wohnbauten entscheiden, sehe sich jedoch außer Stande, zu ermessen, welche Nutzungsintensität gebietsverträglich sei. Bucher-Beholz plädierte dafür, ohne Ansehen der Person und nach Baugrundsätzen zu entscheiden. Oliver Schmohl (UBL) begriff die Umnutzung als Verhandlungsstrategie. Was gebietsverträglich sei, könne nur ein runder Tisch lösen mit klaren Begrenzungen. Nutzungsrahmen zu überschreiten und neu zu verhandeln finde er "schräg".