Grund für so manchen Protest: die ehemaligen GEZ-Gebühren, die inzwischen als Rundfunkbeitrag firmieren. Seit 2013 erhält die Zahlungsaufforderungen jeder deutsche Haushalt. ARD, ZDF und Deutschlandradio versprechen das allgemeine Recht auf Information, Unterhaltung und Kultur.

Aber hat man auch das Recht, dieses Recht abzulehnen? Nelly Tress (75) aus Gaienhofen nutzt weder Fernsehen noch Radio oder sonstige Rundfunkgeräte, sie hat kein Smartphone und nicht mal einen Internetanschluss: „Das brauche ich nicht. Ich lebe sehr zufrieden und habe nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt.“ Nur ein Schnurtelefon nennt sie ihr Eigen.

Nichtsdestotrotz wird sie unter Androhung von Zwangsmaßnahmen dazu aufgefordert, den Rundfunkbeitrag zu bezahlen. Zwei Briefanschreiben an den Beitragsservice blieben bis heute unbeantwortet. „Das ist eine Frechheit. Ich fühle mich missachtet“, sagt Tress ernst. Der spannende Hintergrund für ihren Verzicht auf moderne Medien: Die ehemalige Physiotherapeutin reiste zwölf Jahre lang jeden Winter nach Namibia in Afrika. Dort besuchte sie auf einer Farm ihre Tochter Julia, die sich zur Safariführerin ausbilden ließ. „Hier wurde ich auf mich zurückgeworfen, hier habe ich mich selbst gefunden“, sagt Tress. Die Bescheidenheit und Einfachheit der afrikanischen Kultur habe sie tief beeindruckt und auch beeinflusst: „Ich hatte ganz vergessen, wie gut ein einfaches Butterbrot am Lagerfeuer schmecken kann.“ Diese Mentalität nahm Tress mit zurück nach Deutschland. Sie verzichtete auf einen Kühlschrank und auf ein Auto, wäscht auch heute noch ihre Wäsche per Hand. Die Rentnerin gibt zu, dass diese Lebensweise einfacher ist, wenn man nicht mehr berufstätig sei. Jedoch sei sie auch früher, als sie in St. Gallen arbeitete, oft die beinahe 60 Kilometer von Radolfzell aus mit dem Rennrad gefahren.

Die Darstellungskultur der Medien ist nichts für Nelly Tress. Sie liest lieber Bücher, als fernzusehen, macht lieber lange Spaziergänge in der Natur, statt vor dem Computer zu sitzen. „Ich will nicht dauernd erreichbar sein“, erklärt sie. Die Geschäftsstrategie des Rundfunks sei ihr nicht geheuer: „Mit welchem Recht zwingt man mich dazu, für etwas zu bezahlen, das ich in keiner Weise nutze? Ich habe nichts verbrochen.“ Es sei möglich, so Tress, dass bald ein Gerichtsvollzieher bei ihr vor der Tür stehen werde. Sie zeigt sich jedoch zuversichtlich: „Dann kann er kontrollieren, dass ich wirklich keinerlei Rundfunkgeräte habe.“ An eine Konfiszierung ihres Vermögens glaubte sie nicht, denn: „Ich habe gar kein Vermögen.“ Die kleine Rente, die Tress beziehe, mache ihr die Bezahlung der Gebühren nicht nur aus Prinzip schwer.

Eine Mitarbeiterin des Beitragsservices für Rundfunkgebühren erklärt gegenüber dem SÜDKURIER am Telefon, dass heutzutage aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten der Mediennutzung, zum Beispiel mit dem Smartphone, der Gebrauch des Services nicht mehr nachvollziehbar und deswegen ein allgemeiner Beitrag notwendig sei. Eine Aufforderung Tress‘ an den Beitragsservice, unangekündigt zu ihr zu kommen und ihre Angaben zu kontrollieren, wurde nie beantwortet. Die Lebensfreude haben ihr die Briefe des Rundfunkservice nicht genommen: Im Sommer will Tress mit Töchtern und Freunden ein großes Familienfest feiern – mit Speis und Trank, nach alter Sitte im Tontopf auf dem Balkon gekühlt.

 

Gesetz seit 2013

Seit dem 1. Januar 2013 ist der allgemeingültige monatliche Beitrag von 17,98 Euro pro Wohnung gesetzlich festgelegt. Dabei ist es gleichgültig, wie viele Rundfunkgeräte in einer Wohnung vorhanden sind. Nur in Ausnahmefällen ist eine Befreiung möglich, zum Beispiel bei dem Beziehen von Sozialleistungen oder dem Besitzen eines Behindertenausweises, der bestimmte Sozialhilfen rechtfertigt.