Gaienhofen Museum beleuchtet das Umfeld von Hesses "Klingsors letzter Sommer"

Mit einer umfassenden Darstellung der künstlerischen Arbeit von Hermann Hesse nach dem Umzug ins Tessin befasst sich das Hesse Museum Gaienhofen. Im Mittelpunkt steht die Erzählung "Klingsors letzter Sommer".

"Das Jahr 1919 bis zum September war das vollste, üppigste, fleißigste und glühendste meines Lebens", bekennt Hermann Hesse zwei Jahre später in einem Tagebucheintrag. Nach seinen Aufenthalten in Gaienhofen und Bern baute sich der Autor im schweizerischen Tessin eine neue Existenz auf. In kurzer Zeit schrieb er zwei Novellen, zeichnete und malte hunderte Studienblätter, hatte mit vielen Menschen regen Verkehr und auch zwei Liebschaften. Während Europa nach dem Ersten Weltkrieg den Zusammenbruch der Ordnung und Werte erlebte, entfachte sich in Hesse eine rauschhafte Produktivität und eine Hochstimmung als freier Schriftsteller – Hermann Hesse war entbunden vom bürgerlichen Ehe- und Familienleben. Im Hesse Museum Gaienhofen ist diese rauschhafte Produktivität in der äußerst farbenfrohen Schau "Klingsor sah Töne, hörte Farben" in Schriften und Bildern dokumentiert. Die sehenswerte Ausstellung verschmilzt Wort und Bild ebenso glühend in eine farbenfrohe Hommage. Sie zeichnet das als autobiographisch gedeutete Werk und die mit Aquarellen des Dichters versehene illustrierte Ausgabe des Klingsors ebenso nach wie sie Bilder seiner Künstlerfreunde im Tessin zeigt.

"Klingsor sah Töne, hörte Farben" – treffender kann die Ausstellung mit den Worten des Autors der im Sommer im Tessin entstandenen Novelle kaum bezeichnet werden. Das Wagnis eines radikalen Neubeginns und ein ekstatisches Lebensgefühl führte zu einem ästhetischen Umbruch, umriss Kuratorin Ute Hübner bei der Vernissage im Hesse Museum Gaienhofen dessen produktives Jahr 1919. Neben dem Klingsor entstanden zahlreiche gemalte Impressionen, die in einer Auswahl in der Ausstellung gezeigt werden. Als Augenmensch sei Hesse zeitlebens an künstlerischen Entwicklungen und ästhetischen Fragen interessiert gewesen, die er mit Künstlerfreunden im Tessin diskutierte, erläuterte Ute Hübner. Die Ausstellung vergegenwärtigt Hesses schaffensreiche Phase über den Text und dessen Interpretation, den Bildern von Hesse selbst wie von seinen Freunden und den später entstandenen Klingsor-Illustrationen von Gunter Böhmer. Die Ausstellung eröffne einen erweiterten Zugang zur Novelle durch unterschiedliche bildnerische Blickwinkel mit ausgewählten Dokumenten, Briefen und Fotografien der Menschen aus dem Umkreis von Hermann Hesse, verspricht Ute Hübner.

Der Anlass zur Ausstellung ergab sich aus dem vom Mitkurator Roland Stark in Leipzig entdeckten Schriftwechsel von Hesses zweitem Sohn Heiner mit dem Typografen Jan Tschichold. In einem Brief regte Heiner Hesse in den 1970er Jahren an, die von seinem Vater geschriebene Novelle in einer Liebhaber-Ausgabe mit den Aquarellen des Autors herauszugeben. Von einem anderen Verleger erschien 1977 zum 100. Geburtstag von Hermann Hesse eine luxeriöse limitierte Sonderausgabe des Klingsors mit herausnehmbaren Einzelblättern der von Hesse 1919 gestalteten Aquarelle.

Tessiner Werke

Im Mai 1919 zog Hermann Hesse in das Dorf Montagniola im schweizerischen Tessin und bezog vier kleine Räume in einem schlossartigen Gebäude der Casa Camuzzi. Bis zu seinem Umzug 1931 in die Casa Rossa in derselben Gemeinde entstanden dort die Novelle "Klingsors letzter Sommer" sowie die Romane "Siddharta", "Kurgast", "Die Nürnberger Reise" sowie der "Steppenwolf" und "Narziss und Goldmund". Hermann Hesse wurde 1946 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. 1954 verlieh ihm das Kulturstaatsministerium beim Bundeskanzler den vom Bundespräsidenten genehmigten Orden "Pour le mérite für Wissenschaften und Künste". (rei)

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