Gaienhofen – "Es ist eine seltsame Stimmung. Ich höre keinen einzigen Vogel", huschte es Monika Kirchmann durch den Kopf, als sie aus ihrem Auto stieg und die liturgischen Gerätschaften von einem Gottesdienst in der Residenz Seeheim in die Sakristei der Mauritius-Kapelle verräumen wollte. Die Mesnerin aus Gaienhofen öffnete die Holztüre der Kapelle, als ihr plötzlich ein beißend schwarzer Qualm entgegen trat. In der Kirche hörte sie ein seltsames Knistern.

Beißender Qualm und ein brennender Kerzenständer

Sie informierte eine junge Frau, die ihr vor der Kapelle begegnete, dass sie in den Kirchenraum wolle, um nachzusehen, was los sei. Der gesamte Innenraum war voller Rauch, erinnert sich die Mesnerin. Kirchmann ging dem Knistern nach und entdeckte am Hochaltar einen glimmenden Kerzenständer. Später sollte es sich herausstellen, dass dessen Kranz aus getrocknetem Buchsbaum in Brand gesteckt wurde und die Glut auf den hölzernen Ständer übergriff. Es ist nicht der erste Brand in Gaienhofen in diesem Jahr. Eine Serie von Brandstiftungen beunruhigt seit geraumer Zeit die Bewohner der Höri-Gemeinde. Doch dieser Fall unterscheidet sich von den bisherigen Brandstiftungen. Er ging mit einem Raub des Opferstocks und einer Schändung des sakralen Raumes einher.

Mesnerin löscht den Brand

Nachdem die Mesnerin mit der jungen Frau den Brand mit einem Eimer Wasser aus dem Kirchbrunnen gelöscht hatte und sich der Qualm aus dem Raum verzog, bemerkte Kirchmann die aufgebrochenen Opferstöcke und den Verlust eines gelben Tuches, das für gewöhnlich auf dem Hochaltar lag und diesen vor Staub und Schmutz schützen sollte. Die Polizei aus Singen entdeckte wenig später auf der Empore der Kapelle das gelbe Altartuch – mit Fäkalien verunreinigt. "Das Tuch war ein Abdecktuch und hatte keinen liturgischen Wert", erläutert die Mesnerin: "Aber das hat mich viel mehr beelendet. Es war so eine Missachtung eines heiligen Raums. Das hat mich viel mehr getroffen – für mich ist das Schändung." Für Monika Kirchmann ist die Kapelle ein bedeutender Ort. Ihre Kinder waren dort Ministranten. Sie habe hier viele Taufen vorbereitet. Sie ist seit 2005 die Mesnerin der Kapelle und hat in ihr viel Freude erlebt und viele Tränen vergossen, bekennt Kirchmann: "Für mich ist sie eine Heimat."

Pfarrer lobt das beherzte Vorgehen

"Frau Kirchmann ist die Retterin der Stunde", sagt der Priester Stefan Hutterer zum Mut der Mesnerin. Obwohl die Kirche in massivem Stein gebaut ist, bestehen der Altar und das Lesepult, die Decke und die Empore aus Holz. Die Glut hätte ein Großfeuer in der Kirche entfachen können.

Pfarrgemeinderat berät über geeignete Maßnahmen

Der Pfarrgemeinderat beschäftigte sich in einer Sitzung mit der Bedeutung der Brandstiftung, der Schändung und des Diebstahls. Die Höri-Gemeinden begreifen es als einen Anschlag auf die Kirche. "Das kommt vor und ist keine Ausnahme", schätzt Stefan Hutterer die Tatbestände ein. Er kenne das auch von anderen Orten. Der Pfarrgemeinderat diskutierte Möglichkeiten der Videoüberwachung. Er ist sich aber bewusst, dass der Kirchenraum ein Ort des intimen Rückzugs, der Sammlung und des Gebets ist. "Besucher wollen keine Kamera im Nacken haben", sagt Hutterer. Pfarreien teilen bei gehäuften Vorkommnissen den Kirchenraum mit einem Gitter auf. Eine Möglichkeit bestehe darin, den Raum künftig mit einem Zahlencode für die Haupttüre zu sichern, den man sich im Hesse-Museum erfragen müsste. So blieben Besucher im Gedächtnis der Mitarbeiter. Die Kapelle ist für den Besucher wieder geöffnet. Sie schließt ihre Pforten jedoch vor Sonnenuntergang.

Rätseln über das Motiv

Die Gemeinde stellt sich die Frage, ob der Anschlag bewusst auf die Kirche ausgeübt wurde oder ob es sich um eine psychologische Störung bei dem Täter handelte. Es gebe Menschen, die ihr Leid nicht verstünden oder nicht wüssten, weshalb es ihnen so schlecht gehe, so Hutterer. Er machte die Erfahrung, dass diese Gott beleidigen müssten, dass sich der Zorn auf die Göttlichkeit entlädt. Deshalb bestünde die Hoffnung, dass der Anschlag ein einmaliges Ereignis gewesen sein könnte. Das Polizeipräsidium in Konstanz ermittelt in der Sache, wertet die Spuren aus und prüft einen Zusammenhang zu den anderen Brandstiftungen in der Gemeinde, so Pressesprecher Markus Sauter.