Tradition und Moderne reichen sich in der evangelischen Schule Schloss Gaienhofen die Hand. Die Schule, die auf eine über 100-jährige Geschichte zurückblicken kann, setzt heute auf moderne Technik. Alle Schüler ab der sechsten Klasse nutzen Tablets, um zu lernen, Notizen zu machen und Hausaufgaben zu erledigen. Kultusministerin Susanne Eisenmann war dies einen Besuch wert. Unter dem Titel „Klassentreffen – unterwegs in Sachen Bildung“ bereist sie seit Oktober 2016 einmal im Monat Schulen in Baden-Württemberg, um sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Was läuft gut, was weniger? Das zu wissen, sei wichtig, um die Bildungspolitik an den Bedürfnissen der Menschen ausrichten zu können.

Mit der Höri fühle sie sich eng verbunden, sagte die Ministerin einleitend. Dieses Mal käme sie aus speziellem Interesse. Sie wolle sich einen Eindruck vom digitalen Konzept der Schule Schloss Gaienhofen verschaffen. Schloss Gaienhofen war die erste Schule in freier Trägerschaft, die Eisenmann besuchte. Öffentliche Schulen hätten Nachholbedarf, was die Digitalisierung betreffe, gab die Ministerin unumwunden zu. Von Privatschulen könne man in diesem Bereich durchaus lernen.

Aufschlussreiche Stippvisite im Geschichtsunterricht

Dass das Lernen mit Tablets den Kindern offensichtlich Spaß macht, konnte sie im Geschichtsunterricht einer siebten Klasse erleben. Die Schüler zeigten der Ministerin, wie sie sich Notizen und Skizzen von mittelalterlichen Städten und Klöstern auf ihren Tablets machen. Ob die Lehrer denn trotz der neuen Technik immer noch besser Bescheid wüssten als die Schüler, fragte die Ministerin. „Manche schon“, kam zur Antwort – sehr zur Belustigung von Susanne Eisenmann und Schulleiter Dieter Toder.

Die Tablets würden im Unterricht zusätzlich zu herkömmlichen Arbeitsmitteln wie Büchern und Arbeitsblättern eingesetzt, erklärte der Lehrer Tobias Urban. Maximal zwei bis vier Stunden arbeiteten die Schüler für ein Thema am Tablet. Eisenmann begrüßte diese Vorgehensweise. Sie könne sich den Einsatz mobiler Endgeräte auch nur als Ergänzung vorstellen: „Lesen kann man nicht durch Wischen ersetzen.“ Dieter Toder ergänzte, anfangs sei er skeptisch gewesen, ob Tablets bereits in der sechsten Klasse zum Einsatz kommen sollten. Vor allem das Lernen mit Hilfe von Fremdsprachen-Apps habe ihn jedoch davon überzeugt. Vokabeln und ihre Aussprache könnten so wesentlich besser geübt werden.

Wertvolle Unterstützung bei der beruflichen Orientierung

Als einen weiteren Pluspunkt wertete Susanne Eisenmann die Bemühungen der Schloss-Schule, den Schülern frühzeitig eine Orientierung für die berufliche Ausbildung zu ermöglichen. Neben verschiedenen Berufspraktika, die die Schüler ab der neunten Klasse absolvieren, stellen ehemalige Schüler den Kursstufen ihren Werdegang an einem Zukunftsforum vor und vermitteln Kontakte ins Berufsleben. Ministerin Eisenmann lobte diese Initiative. Sie bemerke „eine gewisse Ratlosigkeit in vielen Familien“, sobald die Kinder vor der Entscheidung stünden, welchen Weg sie nach der Schule einschlagen sollen. Solche Maßnahmen könnten Unterstützung bieten.

Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport (von links) verschafft sich einen Einblick in die Struktur und Methodik der evangelischen Schule Schloss Gaienhofen. Rechts neben ihr: Gunnar Horn (stellvertretender Schulleiter), Schulleiter Dieter Toder und Christoph Schneider-Harpprecht (Bildungsreferent der evangelischen Landeskirche Baden). Bild: Natalie Reiser
Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport (von links) verschafft sich einen Einblick in die Struktur und Methodik der evangelischen Schule Schloss Gaienhofen. Rechts neben ihr: Gunnar Horn (stellvertretender Schulleiter), Schulleiter Dieter Toder und Christoph Schneider-Harpprecht (Bildungsreferent der evangelischen Landeskirche Baden). Bild: Natalie Reiser

Abschließend wertete die Kultusministerin, die Wende der Schule vom Internat zur offenen Privatschule sei hervorragend gelungen. Sie zeigte sich beeindruckt vom innovativen pädagogischen Konzept und dem gemeisterten Weg in die Digitalisierung. Ihre Anerkennung galt andererseits auch den Traditionen, die an der Schule gepflegt werden. Begeistert lobte sie die Schüler, die unter der Leitung von Schulkantor Siegfried Schmidgall „Lord, reign in me“ sangen und sie dankte Schulpfarrer Arnold Glitsch-Hünnefeld für seinen Wunsch, im Sinne des Reformatoren Philipp Melanchthon und im Vertrauen auf Gott mögen Lösungen gefunden werden, die alle befriedigen.

Obwohl Eisenmann sich angetan von ihrem Besuch der Privatschule zeigte, wolle sie keine Schulform der anderen bevorzugen. Sie sehe keine Konkurrenz zwischen regulärem Schulunterricht und Ganztagsbetrieb, zwischen öffentlichen Schulen, solchen in freier Trägerschaft oder Internaten. Ihr Resümee: „Wir brauchen die ganze Bandbreite.“