Herr Stille und Herr Schwacha, wie fühlen Sie sich als Neu-Ruheständler?

Jürgen Stille: Es fühlt sich zunächst noch wie Urlaub an, was auch durch die Jahreszeit verstärkt wird. Aber an den Gedanken, dass ich nicht nach zwei, drei Wochen wieder zur Arbeit gehe, muss ich mich noch gewöhnen. Das Gefühl, dass die Woche jetzt aus sechs Samstagen und einem Sonntag besteht, ist aber sehr angenehm. Viele Dinge sind in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen. Ich freue mich darauf, mehr Zeit für unsere drei Enkel zu haben. Auch das Motorrad und das Fahrrad wollen mehr bewegt werden und ich plane, die Region mit Tageswanderungen besser kennenzulernen. Meine Frau Ulrike und ich hoffen, dass Corona bald wieder längere Reisen mit dem Wohnmobil in unser Lieblingsreiseland Italien zulässt.

Werner Schwacha: Nach über 40 Berufsjahren freue ich mich und bin dankbar, dass ich gesund in den Ruhestand eintreten darf und weitgehend über meine Zeit verfügen darf. Ich möcht nun die gewonnene Zeit nutzen und mehr Sport treiben, wie zum Beispiel Wassersport, Golf und Bergsteigen. Auf Reisen und Theaterbesuche freue ich mich genauso, wie meinen Sohn zu coachen, der in die internationale englischsprachige Schule geht.

Herr Stille und Herr Schwacha, welche Ehrenämter wollen Sie weiter ausüben und was nicht mehr?

Werner Schwacha: Meine Ehrenämter will ich weiter ausführen als Aufsichtsratsmitglied Familienheim Bodensee, Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgergenossenschaft Ärztehaus Tengen und Kuratoriumsmitglied Stiftung Lebenshilfe. Das Ehrenamt als Vorstandsmitglied Jugendmusikschule Westlicher Hegau gebe ich ab, da ein größerer Führungswechsel ansteht und neuen Persönlichkeiten die Chance geboten wird, sich kreativ einzubringen.

Jürgen Stille: Viele Ehrenämter sind bereits ausgelaufen. Den Vorstandsvorsitz in der Bürgerstiftung Engen habe ich nach der höchstzulässigen Amtszeit von zwölf Jahren abgegeben. Das gleiche gilt für den stellvertretenden Vorsitz im Wirtschaftsförderverein Hegau und im Verwaltungsrat der LBS Südwest, die beide eng an mein Hauptamt gebunden waren. Ich bleibe im Vorstand des Vereins für jüdische Geschichte Gailingen und bin noch Aufsichtsratsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft Gottmadingen, Kassier im Charityclub Kiwanis Hegau und im Vorstand des DRK Engen.

Sie sind ja im Hegau heimisch geworden. Was schätzen Sie besonders an der Region und den Menschen?

Jürgen Stille: Besonders reizvoll finde ich die Vielfältigkeit unserer Region. Neben dem schönen Hegau, dem nahen Bodensee mit dem Hochrhein, möchte ich den Schwarzwald und die Alpen mit den vielen Skigebieten nennen. Die Menschen in der Region haben uns von Anfang an offen und freundlich aufgenommen. Das ist nicht in allen Regionen Deutschlands selbstverständlich. Wir konnten Freundschaften, die noch aus unserer Singener Zeit stammen, vertiefen und neue knüpfen. Darum haben wir uns hier gleich wohl gefühlt und betrachten den Hegau als unsere Heimat, auch für die Zukunft.

Werner Schwacha: Die Bodenseeregion bietet viele Freizeitmöglichkeiten, wie Sport, Kultur, Kulinarisches, also große Lebensqualität. Die vielfältigen Kontakte mit Menschen aus allen Lebensbereichen sind für mich sehr bereichernd.

Wo liegen die besonderen Stärken im Hegau, wie im wirtschaftlichen Bereich?

Werner Schwacha: Der Hegau ist geprägt von einem weitgehend gesunden und stabilen Mittelstand. Die Betriebe werden im Gegensatz zu Konzernstrukturen von Unternehmern und Familien geführt. Bei unternehmerischen Herausforderungen können schnelle und zukunftsweisende Entscheidungen getroffen werden und bei Umfeldveränderungen kann effizient gestaltet werden. Der Mittelstand bietet vielen Menschen attraktive vielfältige Arbeitsplätze und Einkommen für die Lebensgestaltung.

Was hat sich im Bankenwesen geändert, gerade für regionale Institute?

Jürgen Stille: Die Veränderungsgeschwindigkeit hat sich gerade in den letzten Jahren extrem erhöht. Die Digitalisierung bringt unseren Kunden, Möglichkeiten am Bankgeschäft teilzunehmen von denen wir vor wenigen Jahrzehnten nicht einmal geträumt haben. Daher ist der Wettbewerb nicht mehr nur auf die Region begrenzt. Die Margen haben sich immer weiter zum Vorteil der Kunden reduziert. Dies bleibt nur, so lange wir in Deutschland diese große Anzahl an Sparkassen und Banken haben. Hier zeigt sich, wie wichtig für den Wettbewerb insbesondere kleinere Kreditinstitute sind. Leider hat auch die Bankenaufsicht die digitalen Möglichkeiten entdeckt und immer neue Regulierungsanforderungen belasten besonders kleine regionale Kreditinstitute.

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Diese immer weiter zunehmenden Regelungen verursachen zusätzliche Kosten, die seit Jahren ansteigen. Bei allen notwendigen, auch zukünftigen Veränderungen, muss aber eine Konstante immer gepflegt werden: Die Nähe der Kunden zu qualifizierten Beraterinnen und Beratern. Ich habe das immer wieder erlebt. Bei komplexen Themen, seien es größere Finanzierungen oder Geldanlagen, wünschen sich die Kunden ein persönliches Gespräch mit Menschen, denen sie vertrauen. Hier liegt der große Vorteil regionaler Sparkassen vor Ort, den es zu erhalten gilt.

Wie sehen Sie die künftige Entwicklung?

Werner Schwacha: Regulierung und Verbraucherschutz sind sehr wichtig, aber der Gesetzgeber sollte nicht über das Ziel hinausschießen und die Sparkassen und Volksbanken mit überbordender Bürokratie belegen. Gerade in Krisensituationen hat sich die mittelständische Struktur in Deutschland, begleitet durch Sparkassen und Volksbanken, bewährt. Dafür werden wir von vielen Ländern beneidet. Allerdings wird dies in Europa mit zentralen politischen Strukturen nicht immer verstanden. Dadurch verschiebt sich immer wieder die Balance zwischen notwendiger Regulierung und Gestaltungsfreiraum in dezentral geführten Ländern zur Entfaltung einer prosperierenden und nachhaltigen Wirtschaft.

Wie schwer, war es für die Sparkasse Engen-Gottmadingen sich auf dem Markt eigenständig zu behaupten?

Jürgen Stille: Die steigenden Kosten und die zurückgehenden Margen habe ich bereits angesprochen. Das macht das Bankgeschäft für kleinere Institute schwieriger. Wie jedes andere Unternehmen muss auch eine Sparkasse rentabel arbeiten. Die aufsichtsrechtlichen Anforderungen an die Höhe des Eigenkapitals einer Bank werden wohl auch zukünftig steigen. Eine Sparkasse kann Eigenkapital nur durch eigene Gewinne erhöhen und muss dies auch erreichen, damit sie die heimische Wirtschaft und die privaten Kunden mit weiteren Krediten begleiten kann. Wir konnten die Eigenkapitalanforderung immer deutlich übertreffen. Daher war unsere Eigenständigkeit niemals gefährdet. Aber die Zeiten werden nicht leichter. Die Niedrigzinsphase, die Margenreduktion und vieles mehr, vor allem die Corona-Pandemie, bringen zusätzliche Belastungen mit sich.

Wie ist dies zu schaffen?

Jürgen Stille: Wir müssen verstärkt Abwicklungsprozesse verschlanken, effizienter und damit kostengünstiger gestalten. Vor allem müssen wir immer aufs Neue die Kunden durch gute Leistungen davon überzeugen, dass die Sparkasse der richtige Bankpartner für sie ist. Ich bin aber ganz sicher, dass unsere Sparkasse ihre Selbständigkeit weiter behaupten kann, vor allem, weil mit Frau Grusdas und Herrn Lammering zwei hochqualifizierte Fachleute für den Vorstand gewonnen wurden. Gemeinsam mit den engagierten und motivierten Mitarbeitern der Sparkasse wird das gelingen.

Welche Herausforderungen gibt es?

Werner Schwacha: Es gibt eine hohe Regulierungsdichte. Das Zinsniveau wird wohl auf absehbarer Zeit niedrig bleiben, mit dem damit verbundenen Ertragsdruck für die Banken. Es wird immer schwieriger, mehr Eigenkapital für schwierige Zeiten zu bilden und die aufsichtsrechtlichen Anforderungen zu erfüllen. Außerdem sollen die Banken ja weiterhin die Kreditversorgung für den Mittelstand und die privaten Haushalte sicherstellen und die Region bei Sport, Kunst und Kultur unterstützen.

Wie schwer belastet die Corona-Krise die Sparkasse?

Jürgen Stille: Corona bringt eine ganz neue Herausforderung. Uns war es wichtig, gerade in der ersten Phase, immer für unsere Kunden da zu sein. Wir hatten die ganze Zeit alle unsere Geschäftsstellen zu den üblichen Geschäftszeiten geöffnet. Mit großen Mengen an Plexiglas haben wir für ausreichenden Schutz für Kunden und Mitarbeiter gesorgt. Wir haben vor allem im März die großen Verwerfungen an den Aktien- und Kapitalmärkten gesehen. Mit größeren Ausschlägen müssen wir auch in Zukunft rechnen. Dies kann sich auch für eine Sparkasse in der Bilanz auswirken. Wir hoffen, dass die allermeisten Kunden die Krise einigermaßen gut überstehen. Die Sparkasse wird, da wo es möglich ist, den Kunden unterstützen. Inwieweit Kreditausfälle immer zu verhindern sind, wird man aber wohl erst im nächsten oder übernächsten Jahr sehen.

Wie sehr schmerzt es, dass es wegen Corona keine große Abschiedsfeier gab?

Werner Schwacha: Dass es nur im kleinen Kreis im Rahmen einer Verwaltungsratssitzung einen Abschied gab, schmerzt mich persönlich nicht. Selbstverständlich hätte ich auf persönliche Geschenke verzichtet und um eine Spende für die Stiftung Lebenshilfe geworben, die dringend Geld benötigt.