Stell Dir vor, Du gehst zur Bank und die will Dein Geld nicht – überspitzt gesagt könnte man so die Situation beschreiben, auf die Banken im Moment zusteuern. Frank Lammering, Vorstandsmitglied der Sparkasse Engen-Gottmadingen, sagt im Gespräch über den Jahresabschluss 2020 des Geldinstituts jedenfalls den bemerkenswerten Satz: „Wir brauchen keine Einlagen mehr.“ Das bedeutet natürlich nicht, dass Sparer ihr Geld nicht mehr zur Sparkasse bringen sollen.

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Es geht eher um große Vermögen, für die auch das Hegauer Institut mittlerweile ein Verwahrentgelt bei Giro- und Tagesgeldkonten verlange, wie die Vorstandsvorsitzende Andrea Grusdas erklärt. Bei Bestandskunden greife die Regelung ab einem Guthaben von 100.000 Euro pro Person, bei Neukunden ab 25.000 Euro, so Lammering – letzteres, damit die Sparkasse nicht als Parkplatz für Geld genutzt wird, weil andere Kreditinstitute ebenfalls Verwahrentgelte verlangen. Denn man brauche eben im Moment eigentlich keine Einlagen mehr. Aber die Berater würden auf jeden Kunden einzeln zugehen, so Grusdas.

Kennzahlen steigen trotz Niedrigzinsphase

Der Satz ist auf die Niedrigzinsphase gemünzt, in der man sich jetzt schon seit einigen Jahren bewegt. Und die es Banken immer schwieriger macht, auf die altbekannte Art Geld zu verdienen: Für Darlehen mehr Zinsen zu bekommen als man für Spareinlagen bezahlt. Diese Zinsdifferenz ist in Zeiten von Mini- oder gar Minuszinsen für Banken kaum noch nutzbar. „Das macht uns sehr zu schaffen“, sagt Grusdas.

Trotzdem läuft das Geschäft in dieser ökonomischen Großlage offenbar gut. Die entscheidenden Kennzahlen, die das Institut veröffentlicht, deuten in eine positive Richtung.

Bild: Kerstan, Stefanie

Und auch in Engen bestätigt man, was schon die Vorstände der Singener Sparkasse Hegau-Bodensee gesagt haben: Trotz der Corona-Pandemie gebe es kaum Insolvenzberatungen. Grusdas‘ Einschätzung lautet allerdings ausdrücklich, dass man das Problem lediglich noch nicht sehe. Und sie befürchtet, dass gerade viele kleine Geschäfte eher leise vom Markt verschwinden werden – als Geschäftsaufgaben statt Insolvenzverfahren. „Das sind Einzelschicksale, die wirklich wehtun“, sagt Frank Lammering. Da würden ganze Lebenswerke ins Wanken geraten.

Gebühren sind auch in Engen und Gottmadingen ein Thema

Eine mögliche Reaktion auf das Zinsumfeld ist das Drehen an der Gebührenschraube. Die Sparkasse Hegau-Bodensee aus Singen beschäftigt diese gerade verstärkt, denn sie ist in einen Rechtsstreit mit der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg verwickelt. Diese geht gerichtlich dagegen vor, dass das Singener Geldinstitut 20 Euro für einen Darlehenskontoauszug verlangt.

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Wie hält man es in Engen damit? Frank Lammering sagt klar, dass auch die Sparkasse Engen-Gottmadingen einen Preis für einen solchen Darlehenskontoauszug verlange, 15 Euro im Jahr. Die Kunden könnten aber auch sagen, dass sie diesen Auszug nicht wollen, dann würde der Preis auch nicht berechnet, ergänzt Andrea Grusdas. Dies werde auch bei der Singener Sparkasse Hegau-Bodensee so gehandhabt, schreibt Sophie Stahl, Leiterin Vertriebsmanagement, auf Anfrage. Für die Sparkasse Engen-Gottmadingen sagt Vorstand Frank Lammering, dass die meisten Kunden den Auszug nehmen.

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Und dann wird er politisch: Verbraucherschützer sollten die Konsequenzen bedenken, wenn sie gegen solche Gebühren vorgehen. Denn dadurch würde es den Regionalbanken immer schwerer fallen, das Geld zu erwirtschaften, mit dem sie ihr Filialnetz finanzieren. Auch bei den Girokonten habe die Sparkasse Engen-Gottmadingen zum 1. April die Preise um ein bis zwei Euro pro Monat angehoben, sagt Grusdas. Die Kontomodelle seien gleich geblieben, negative Reaktionen von Kunden habe es nicht gegeben.

Unternehmen und Kennzahlen

  • Vorstand: Zum 1. Juli 2020 haben die Vorstandsvorsitzende Andrea Grusdas und Vorstandsmitglied Frank Lammering nach der Einarbeitung die Verantwortung bei der Sparkasse Engen-Gottmadingen übernommen. Sie folgen damit auf Jürgen Stille (Vorstandsvorsitzender) und Werner Schwacha, die in Ruhestand gingen.
  • Unternehmen: Die Sparkasse Engen-Gottmadingen hat derzeit laut eigenen Angaben 171 Mitarbeiter, davon zwölf Azubis. Das Geschäftsgebiet reicht von Gailingen am Hochrhein bis nach Immendingen an der Donau. Die Bilanzsumme ist von 1062 Millionen Euro 2019 auf 1093 Millionen Euro im Jahr 2020 gestiegen (plus 2,9 Prozent). Als operatives Ergebnis für 2020 weist die Sparkasse 5,9 Millionen Euro aus (plus 0,2 Millionen Euro oder 3,9 Prozent).
  • Darlehen und Wohnbau: Die Summe an Darlehenszusagen beläuft sich für 2020 auf 170,6 Millionen Euro (plus 23,7 Millionen Euro oder 16,1 Prozent zu 2019). Das Segment Wohnbau ist dabei noch stärker gewachsen. Der Zahlenspiegel weist 94,1 Millionen Euro aus, die an Darlehen für Wohngebäude zugesagt wurden (plus 14,4, Millionen Euro oder 18,1 Prozent gegenüber 2019). Dabei beobachtet man bei der Sparkasse: „Wenn man mit jungen Leuten spricht, ist der größte Wunsch das Eigenheim, und zwar als Einfamilienhaus“, sagt Grusdas. Man merke dabei auch, dass Bauland weiterhin knapp sei. Die Gemeinden täten zwar viel, die Nachfrage sei aber trotzdem deutlich höher. Und Lammering ergänzt: „Wohnen hat bei fast allen Kunden die höchste Priorität.“
  • Klimaschutz: Die Sparkasse Engen-Gottmadingen will bis 2035 klimaneutral sein, heißt es in einer Pressemitteilung zum Jahresabschluss. Bei jeder Investition würde man die Nachhaltigkeit klären, sagt Grusdas. Gleichzeitig solle auch der Betrieb der Sparkasse möglichst umweltfreundlich laufen, etwa durch elektronische Kontoauszüge, Strom aus Wasserkraft oder eine Fotovoltaik-Anlage, die es schon lange auf dem Dach der Zentrale gebe, sagen Grusdas und Lammering. Bei der Kreditvergabe sei man sehr regional unterwegs, grüne Technik sei aber kein Kriterium, ergänzt Grusdas.
  • Corona: Die Pandemie macht sich auch bei der Sparkasse Engen-Gottmadingen bemerkbar. So hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bei 15 Kunden Corona-Förderdarlehen der KfW im Wert von zusammen etwa 4 Millionen Euro ausgegeben. Außerdem habe man Sparkassenmittel bereitgestellt, wenn die Bedingungen der KfW nicht erfüllt werden konnten. Bei mehr als 100 Kunden sei zudem die Tilgung von Darlehen ausgesetzt worden, mit einem Volumen von mehr als 30 Millionen Euro.