Eine Bürgerinitiative lässt nicht locker. Sie will die geplanten Windkraftanlagen oberhalb des Engener Stadtteils Stetten und Tengen-Watterdingen mit Nachdruck verhindern. Etwa 150 Menschen haben sich der Bürgerinitiatve Hegaublick angeschlossen, darunter viele Watterdinger. „Unser Hauptziel ist die Verhinderung der Windrad-Giganten am Standort Napoleonseck und damit der Zerstörung dieser einzigartigen Natur- und Hegaulandschaft mit vielen Schutzzonen für Vegetation, Wasser und Tiere“, erklärt Siegfried Münzer, Sprecher der Initiative.

Siegfried Münzer vor einer Protesttafel am geplanten Windkraft-Standort oberhalb von Watterdingen. Im Hintergrund die Leipferdinger Windräder.
Siegfried Münzer vor einer Protesttafel am geplanten Windkraft-Standort oberhalb von Watterdingen. Im Hintergrund die Leipferdinger Windräder. | Bild: Tesche, Sabine

Ein toter Milan, der neben einem Windrad auf Gemarkung des Geisinger Ortsteils Leipferdingen lag, nehmen die Windkraft-Gegner als Anlass, ihren Widerstand zu verstärken. Der Fundort des Tieres liegt nicht weit von geplanten Windkraftanlagen auf den Gemarkungen von Stetten und Watterdingen. Bereits im Oktober 2020 wurde an fast derselben Stelle ein toter Milan entdeckt. Beide Fälle hat das zuständige Landratsamt Tuttlingen dokumentiert. Sie weist das Gebiet schon seit 2012 als geschütztes Milan-Dichtezentrum aus. Deshalb sollen dort keine neuen Anlagen gebaut oder die bestehenden aufgerüstet werden dürfen.

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„Der Milan macht nicht vor der Landkreisgrenze Halt“, betont Siegfried Münzer. „Die geplanten Windkraft-Anlagen Staufenberg befinden sich nur wenige hundert Meter von den bestehenden Windrädern entfernt“, sagt Münzer. Auch der Windpark Brand bei Watterdingen liege in der Umgebung. Die Entfernung beträgt knapp zwei Kilometer Luftlinie.

Anlage bei Stetten soll drittes Windrad bei Watterdingen ersetzen

Die Stadt Tengen hat nach einer Bürgerentscheidung das gemeindeeigene Areal „Brand“ zum Bau der Windkraftanlagen an Solarcpomlex verpachtet. Da eines der drei geplanten Windräder nur etwa einen Kilometer von Stetten entfernt geplant gewesen wäre, einigten sich die Städte Tengen und Engen sowie Solarcomplex darauf, auf das dritte Windrad im „Brand“ zu verzichten und stattdessen auf Engener Gemarkung im Staufenberg zwei Windrad-Standorte auszuweisen. Dies als Folge einer Stettener Bürgerbefragung, die zu 90 Prozent für den neuen Standort gestimmt hatten, weil sich der weiter weg vom Ort und von dort aus nicht sichtbar befindet.

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„Beide Gebiete, auf denen Windkraft geplant ist, liegen im streng geschützten Rotmilan-Dichtezentrum, das schon 2014 mit acht Revierpaaren kartiert wurde. Der Grenzwert für Windkraft-Anlagen sind in Baden-Württemberg sieben Paare. Unsere dokumentierten Vogelbeobachtungen haben teilweise über 50 Greifvögel ergeben“, so Münzer. Die Abholzung der Wälder, insbesondere der wertvolle Altbuchenwald im Staufenberg und damit wichtigem CO-2-Speicher könne nicht mit dem Klimaschutz in Einklang gebracht werden. Nicht die Bürgerinitiative entscheide über Staufenberg, sondern der Naturschutz, betont Münzer. „Erstaunlich ist, dass für bekannte Sachverhalte immer wieder Steuergelder verschwendet werden“, sagt Münzer.

Zwei Drittel der Watterdinger sind gegen die Windkraft-Standorte

Was für Staufenberg gelte, treffe auch auf das Gewann Brand zu, betont Gerhard Zepf, der als Sprachrohr der Watterdinger Windkraft-Gegner fungiert. „Zwei Drittel der Watterdinger haben dagegen gestimmt, dass die Stadt Tengen, die Flächen für die Windkraft-Anlagen verpachtet. Dass das Votum in den anderen Stadtteilen anders ausgefallen ist, liegt auf der Hand. Sie befinden sich alle weiter entfernt von den geplanten Windraft-Standorten als Watterdingen“, schildert Zepf.

In der Nähe des Alten Postwegs soll ein Windrad oberhalb von Watterdingen gebaut werden.
In der Nähe des Alten Postwegs soll ein Windrad oberhalb von Watterdingen gebaut werden. | Bild: Tesche, Sabine

„Im Ort ist eine lebhafte Diskussion im Gang. Während ein Teil der Bürger eher etwas passiv darauf verweist, dass regenerative Energien auch in unserer Region nötig seien, reagieren viele Watterdinger enttäuscht und frustriert“, schildert Zepf. „Nun soll an einem der schönsten Fleckchen Natur in Deutschland bundesweit einige der höchsten Windräder, die bis zu 250 Meter hinaufragen, gebaut werden“, so Zepf.

Gerhard Zepf: „Kritik kommt auch von Ausflüglern“

„Am Wochenende nutzen teils mehrere hundert Menschen das Naherholungsgebiet, wo sich auch ein Premiumwanderweg befindet. Ausflügler, wie aus Radolfzell und Konstanz, wollen es nicht glauben, dass riesige Windkraft-Anlagen entstehen sollen“, so Zepf.

„Der Landwirtschaft wird eine enorme Fläche entzogen, auch für Ausgleichsmaßnahmen“, sagt Ferdinand Nutz. Der Watterdinger Landwirt ist auch im Vorstand des Badische Landwirtschaftlichen Hauptverbandes engagiert. „Die Windkraft-Standorte befinden sich direkt im Grenzbereich zu einem Landschaftsschutzgebiet und zu einer großen Fläche für Fauna Flora und Habita (HHB) mit einer geschützten Vegetation. Diese können Landwirte nur mit hohen Auflagen bewirtschaften. Ausgerechnet dort sollen Windräder gebaut werden“, kritisiert Nutz. Und es gebe ganze Schwärme von um die 50 Milane.

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Die Windkraft-Gegner stellen die geplanten Windkraft-Anlagen mit dem starken Eingriff in die Natur, Landschaft und Tierwelt ins Verhältnis zur Wirtschaftlichkeit. Die zweifeln sie stark an, indem sie laut Bilanz von Solarcomplex bisher schwache Erträge des Windparks Verenafohren bei Tengen-Wiechs ausgemacht haben. „Wenn es sich für uns nicht rechnen würde, hätten wir uns nicht an den Windkraft-Projekten beteiligt“, betont Peter Sartena, Geschäftsführer der Stadtwerke Engen.

Die geplante Windkraft-Anlage liegt zwischen den Gemarkungen Tengen-Watterdingen, Geisingen-Leipferdingen und Engen-Stetten.
Die geplante Windkraft-Anlage liegt zwischen den Gemarkungen Tengen-Watterdingen, Geisingen-Leipferdingen und Engen-Stetten. | Bild: Tesche, Sabine

„Die Erträge sind in den Anfangsjahren niedriger, auch wegen höherer Abschreibungen, sie fallen aber zunehmend besser aus“, sagt Sartena. „Die Stadtwerke Engen werfen jedes Jahr einen Gewinn ab. Ein Teil davon geht an die Stadt Engen, deren 100-prozentige Tochter wir sind. Stadtverwaltung und Gemeinderat prüfen eingehend, ob Investitionen rentabel sind oder nicht“, so Sartena.

„Im Genehmigungsverfahren werden alle relevanten Belange, zum Beispiel Eingriffe in Natur und Landschaft, untersucht und abgewogen“, sagt der Tengener Bürgermeister Marian Schreier. Eine Genehmigung sei nur möglich, wenn dem Vorhaben keine wesentlichen Belange entgegenstünden. Dies bewerte das Landratsamt.

Bene Müller verteidigt als Geschäftsführer des Projektierers Solarcomplex den Standort der Windkraft-Anlagen.
Bene Müller verteidigt als Geschäftsführer des Projektierers Solarcomplex den Standort der Windkraft-Anlagen. | Bild: Tesche, Sabine

„Es braucht einen Mix der verschiedenen regenerativen Energien“

Bene Müller, Geschäftsführer von Solarcomplex, dem Projektierer der geplanten Windkraft-Anlangen, steht im Interview Rede und Antwort.

Herr Müller, wie bewerten Sie eine Aussage des Geschäftsführers der Firma Aufwind, wonach sich Windkraft in Regionen, wie dem Hegau, nicht lohne?

Diese Aussage bezieht sich maßgeblich auf die Erfahrungen von Aufwind mit ihren alten Anlagen auf der Stettener Höhe. Diese sind mit den heutigen Anlagen überhaupt nicht vergleichbar. Dazwischen liegen 20 Jahre technologische Entwicklung. Die Anlagen von Verenafohren bei Tengen-Wiechs zum Beispiel sind auf die Windbedingungen in unserer Region bestens angepasst und liefern gute Erträge.

Das Landratsamt Tuttlingen hat dokumentiert, dass es auf dem Areal der Leipferdinger Windkraft-Anlage ein Milan-Dichtzentrum gibt. Die geplanten Standorte Staufenberg und Brand befinden sich in der Nähe.

Aktuell ist die Stettener Höhe laut Definition der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg kein Dichtezentrum des Rotmilans. Da der Rotmilan in unserer Region generell weit verbreitet ist, ist er selbstverständlich Teil der Untersuchungen, die im Rahmen einer Windpark-Planung erfolgen müssen. Wir lassen das Rotmilan-Aufkommen im Bereich Brand von Ornithologen gründlich kartieren. Dabei erfüllen wir mehr als die Mindestanforderungen und haben eine sogenannte Raumnutzungsanalyse durchgeführt, obwohl wir dazu gesetzlich nicht verpflichtet sind.

Die Windkraft-Gegner kritisieren, dass die großen Anlagen Natur, Landschaft und Tiere zerstörten. Es fehle bei der Erzeugung von Windkraft die Rentabilität, im Gegensatz zu Solaranlagen. Was halten Sie diesen Aussagen entgegen?

Betreiber der Anlagen in Verenafohren ist die Hegauwind, ein Zusammenschluss von elf regionalen Energieakteuren, einer davon sind wir. Insofern macht es wenig Sinn, die Verenafohren-Bilanz mit dem Solarcomplex-Betriebsergebnis in Beziehung zu setzen. Unser Unternehmen Solarcomplex hat mit einer Ausnahme seit 20 Jahre stabil Gewinne ausgewiesen.

Die Hegauwind-Gesellschafter, sind sowohl mit den bisherigen Stromerträgen als auch mit dem betriebswirtschaftlichen Ergebnis des Windparks Verenafohren zufrieden. Richtig ist, dass die reinen Erzeugungskosten aus großen Freiland-Solarkraftwerken in der Region niedriger sind als diejenigen aus hiesigen Windrädern. Das ist aber kein Argument gegen Windkraft, weil man die Stromversorgung nicht allein aus Solarenergie gewährleisten kann.

Es braucht einen Mix der verschiedenen regenerativen Energien. Die Sonne liefert tagsüber Energie, vor allem im Sommer, der Wind am Tag und nachts, vor allem im Winter. Zusätzlich brauchen wir Wasserkraft, Bioenergie und Geothermie. Der Mix machts.

Fragen: Albert Bittlingmaier