„Für mich hat‘s ein kleines Wunder bewirkt“, gesteht Christian Hentschel. Der 20-Jährige hat vor knapp einem Monat seine Lehre als Industriekaufmann bei der Welschinger Firma MDS begonnen.

Zuvor hat er viele Bewerbungen geschrieben – für eine Ausbildungsstelle, aber auch für ein Freiwilliges Soziales Jahr. Oft habe er auf seine Bewerbung nicht einmal eine Antwort bekommen, schildert der junge Berufseinsteiger. Umso mehr freut er sich, dass er jetzt einen geeigneten Ausbildungsplatz gefunden hat.

Die Erwartungen sind hoch

„Auszubildende fordern und erwarten heute auch mehr von ihrem Ausbildungsbetrieb“, weiß Alexandra Thoß, Geschäftsführerin für den Bereich Ausbildung bei der IHK Hochrhein-Bodensee. Für sie sei es wichtig, ernst genommen zu werden und dass man sich um sie kümmere.

Das bestätigt auch der 20-jährige Christian Hentschel. Er ist froh, dass man sich in Welschingen um ihn kümmert und wertschätzt. Seinen Freunden ist es teilweise nicht so gut ergangen: „Einige wurden einfach nur hingesetzt“, so Hentschel. Er selbst lernt gerade die verschiedenen Bereiche beim Welschinger Raumsysteme-Hersteller kennen und obendrein hat der Schopfheimer gleich noch eine Wohnmöglichkeit auf dem Betriebsgelände geboten bekommen.

Wenige Bewerbungen auf Stellen

Rainer Kling, der Geschäftsführer von MDS, ist ebenfalls zufrieden. Für die kommenden drei Jahre hat er einen motivierten Auszubildenden. Den Weg in die Firma hat Christian Hentschel über einen privaten Kontakt gefunden. „Ich bin froh, dass ich keine 30 Bewerbungen durchschauen musste“, meint Rainer Kling dazu.

Meist kämen nur wenige Bewerbungen auf eine Ausbildungsstelle, und viele seien in Form und Inhalt unzulänglich, sagt Maren Wagenbreth, Marketingleiterin von MDS. Gleichzeitig favorisierten viele junge Bewerber große Betriebe im nahen Singen und Tuttlingen.

Große Betriebe haben es leichter

Das bestätigt auch Alexandra Thoß von der IHK. Große Betriebe hätten es vergleichsweise leicht, Auszubildende zu finden. Junge Menschen verbänden oft die Größe eines Unternehmens mit Ausbildungs- und Jobsicherheit. Das sei aber kein neues Phänomen, so Thoß.

Für viele seien aber auch andere Dinge wichtig. Ein kleiner Betrieb könne attraktiver sein, wenn dieser einen kurzen Anfahrtsweg ermögliche oder man keinen Wohnortswechsel in Kauf nehmen müsse. Grundsätzlich, so die Einschätzung der IHK-Fachfrau, forderten die Auszubildenden heute mehr von ihren Betrieben. „Der Zeitgeist und der Fachkräftemangel sorgen für eine bessere Stellung der Azubis im Betrieb“, stellt Thoß fest.

Immer mehr Azubis mit Abitur

Wie viele Azubis hat auch Christian Hentschel einen Schulabschluss mit Fachhochschulreife. Immer mehr Abiturienten entschieden sich für eine praktische Ausbildung, berichtet die Handwerkskammer (HWK) Konstanz. Vor fünf Jahren seien es noch 11 Prozent Auszubildende mit Matura gewesen, jetzt seien es bereits 16 Prozent.

HWK-Geschäftsführer Georg Hiltner sieht die guten Chancen auf einen modernen und anspruchsvollen Arbeitsplatz als einen der Gründe für den Anstieg – und außerdem die Aussicht auf Online-Unterricht an den Hochschulen wegen Corona.

Interesse an technischen Berufen steigt

Nachhaltigkeit und Digitalisierung befeuerten das Interesse an technischen Berufen, so Hiltner. Stark steigende Vertragszahlen gebe es bei Anlagenmechanikern für Sanitär- Heizung und Klimatechnik, bei Elektronikern und KFZ-Mechatronikern. Gleichzeitig gibt es laut Hiltner aber gerade auch in diesen Gewerken noch überdurchschnittlich viele freie Stellen.

Mit seiner Ausbildung zum Industriekaufmann hat Christian Hentschel eine sehr gefragte Lehrstelle bekommen. Industriemechaniker, Industriekaufleute, Kaufleute für Büromanagement, Einzelhandelsfachverkäufer, Fachinformatiker oder medizinische Fachangestellte gehörten seit Jahren zu den beliebtesten Ausbildungen im Bereich der IHK, erklärt Alexandra Thoß.

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Für Christian Hentschel ist es wichtig, dass ihm seine Ausbildung Spaß macht. „Ich habe bisher einen guten Eindruck. Der Empfang hier war herzlich“, berichtet Hentschel. Seine Aussichten in dem mittelständischen Betrieb sind jedenfalls sehr gut: „Unsere Azubis werden meistens übernommen“, sagt Geschäftsführer Rainer Kling.