Elmar Veeser

Den Bundestagsabgeordneten Andreas Jung (CDU) hat die Engener Tischmesse an die Wimmelbücher aus Kindertagen erinnert. Wie seine beiden Parlamentskolleginnen Lina Seitzl (SPD) und Ann-Veruschka Jurisch (FDP) zeigte er sich visuell überwältigt – nicht nur angesichts der insgesamt 86 ausstellenden Unternehmen, die sich alle in der neuen Engener Stadthalle präsentierten, sondern auch ob der vielen Menschen und des bunten, regen Treibens. Verantwortlich für dieses Gewimmel ist Peter Freisleben, der als Wirtschaftsförderer der Stadt ganz bewusst die Teilnehmer der Tischmesse nicht nach Branchen sortiert, sondern eine bunte Mischung zugelassen hat, sodass ein Finanzunternehmen neben einem Fensterbauer platziert war und gegenüber ein Studio für Fotografie für seine Dienstleistungen warb.

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Handwerkskammer-Präsident Werner Rottler aus Konstanz hob in seinem Grußwort die jungen Menschen hervor, die motiviert seien, die anpackten, womit er neben den Auszubildenden auch diejenigen meinte, die sich in die Selbständigkeit wagten, um ihre Geschäftsideen zu verwirklichen und zum Erfolg zu führen.

Die Sportwissenschaftlerin Franziska Abt (Zweite von links) machte sich 2020 selbständig und gibt seitdem Kurse in Selbstverteidigung.
Die Sportwissenschaftlerin Franziska Abt (Zweite von links) machte sich 2020 selbständig und gibt seitdem Kurse in Selbstverteidigung. | Bild: Elmar Veeser

Dass die Region dazu beste Perspektiven biete, betont Franziska Abt. Die Sportwissenschaftlerin machte sich 2020 selbständig und gibt seitdem Kurse in Selbstverteidigung. „Die dienen nicht nur der körperlichen Ertüchtigung und dem Erlernen der Selbstverteidigungstechniken, sondern auch zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstbehauptung“, so Abt.

Ingo Wahl hat sich erst kürzlich auf dem Geschäftsfeld 3D-Print in die Selbständigkeit gewagt.
Ingo Wahl hat sich erst kürzlich auf dem Geschäftsfeld 3D-Print in die Selbständigkeit gewagt. | Bild: Elmar Veeser

Auch Ingo Wahl hat sich erst kürzlich auf dem Geschäftsfeld des 3D-Drucks in die Selbständigkeit gewagt: Dabei setzt er auch auf Planung und Konstruktion. Er kann Objekte bis 24 Zentimeter Höhe drucken und bietet darüber hinaus auch Lasergravuren an. Auf kulinarischem Gebiet haben sich Luisa Frütsche und Wolfgang Maier im Mai 2021 im Nebenerwerb selbständig gemacht. Unter der selbst kreierten Marke „Nonna Sina“ vermarkten sie traditionelle Tomatensuppe, die sie selbst produzieren und die nach ihren Angaben glutenfrei, vegan und ohne Zusatzstoffe hergestellt ist. „Das Originalrezept von ihrer italienischen Oma bleibt ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis“, erzählt Frütsche den Besuchern der Tischmesse erzählt.

Luisa Frütsche produziert unter der Marke Nonna Sina traditionelle Tomatensuppe, die glutenfrei, vegan und ohne Zusatzstoffe hergestellt ...
Luisa Frütsche produziert unter der Marke Nonna Sina traditionelle Tomatensuppe, die glutenfrei, vegan und ohne Zusatzstoffe hergestellt ist. | Bild: Elmar Veeser

Großes Thema war der demografische Wandel, der zu immer stärkerem Fachkräftemangel führt – eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort, die von der SPD-Bundestagsabgeordneten Seitzl aufgegriffen wurde. „Lehrberufe in Handwerk, Industrie und Handel sind attraktiv und bieten Aufstiegsmöglichkeiten“, forderte sie eine Weiterbildungsoffensive auch in der Mitte des Lebens, um die Arbeitsmarktressourcen zu nutzen, was auch heiße, mehr Frauen in Arbeit zu bringen. Zudem gelte es, Hürden für Fachkräfte aus dem Ausland zu senken, um diese schneller in Arbeit bringen. Davon kann die Waldorf-Technik aus Engen, die mit ihren 150 Mitarbeitern Spritzguss-Automaten produzieren, ein Lied singen: die Geschäftslage sei gut. „Doch als international tätiges Unternehmen suchen wir dringend Mitarbeiter und Auszubildende“, so Waldorf-Vertreter Tarek Rasch.

Cedric Fiorentino von der Waldorf Technik GmbH begeisterte mit der automatischen Buttonpresse die Kinder und Jugendlichen.
Cedric Fiorentino von der Waldorf Technik GmbH begeisterte mit der automatischen Buttonpresse die Kinder und Jugendlichen. | Bild: Elmar Veeser

Mit einer automatischen Buttonpresse zogen sie Kinder und Jugendliche an ihren Tisch, die, nachdem sie den roten Knopf gedrückt hatten, gebannt dem scheinbar von Geisterhand ablaufenden Fertigungsprozess folgten. Robin Leiber gehörte selbst zu den heiß umworbenen jungen Menschen und hat sich für die Ausbildung zum Chirurgiemechaniker beim Medizintechnikunternehmen Microqore Medical entschieden, das in Aach hochwertige Mikroinstrumente herstellt. Zusammen mit Produktionsleiter Ingo Müller stellten sie den Besuchern die Geschicklichkeitsaufgabe, mit einer der in ihrem Unternehmen hergestellten Mikro-Pinzetten haargroße, beziehungsweise winzig kleine Fäden sicher zu greifen.

Die Bundestagsabgeordnete Ann-Veruschka Jurisch (FDP) hob die Bedeutung der Innovationskraft hervor. Um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken, fordert sie eine Erneuerung des Arbeitskräftegesetzes und bei der Anwerbung von ausländischen Fachkräften ein Punktesystem nach Vorbild Kanadas sowie die Senkung der Hürden zur Anerkennung von Ausbildungsqualifikationen der Fachkräfte aus dem Ausland.

Auch bei den Sozialberufen herrscht Arbeitskräftemangel. Das spürt die Sozialstation Oberer Hegau schmerzlich, wie Stefanie Klarmann und Carina Weinmann vom Team Pflegedienstleitung umreißen.

Bachitar Karle-de Hommel und Tamara Polonez warben mit fernöstlichem Charme für die Yogaschule Golden Temple.
Bachitar Karle-de Hommel und Tamara Polonez warben mit fernöstlichem Charme für die Yogaschule Golden Temple. | Bild: Elmar Veeser

Wer als Messebesucher nach all den Eindrücken etwas Entspannung suchte, war beim Tisch der Yogaschule Golden Temple am richtigen Platz, die mit viel fernöstlichen Flair für ihre Herangehensweise zur Findung der inneren Ausgeglichenheit mit Achtsamkeits- und Atemübungen warb. Bachitar Karle-de Hommel und Tamara Polonez schenkten nicht nur heißen, frisch gebrühten Tee aus, sondern gaben auch Yoga-Tipps für gestresste Messebesucher. Einer lautet: „Komme auf die Fußballen, strecke die Arme nach oben, recke dich richtig gut und atme dreimal tief durch“.

Die Herausforderungen des Industriestandorts Deutschland

Große Einigkeit herrschte in der Überzeugung, dass Deutschland die anstehenden Herausforderungen bestehen müsse und dies auch schaffen werde – von Digitalisierung über Demografie bis zu Dekarbonisierung, womit der schnellstmögliche Umstieg von der Nutzung fossiler Brennstoffe wie Kohle, Erdgas oder Öl auf kohlenstofffreie und erneuerbare Energiequellen gemeint ist. Jung bekannte sich – auch im Namen seiner Parlamentskolleginnen – zu den erneuerbaren Energien und damit zu den Ausstiegsbeschlüssen zu Kernkraft und Kohle. Aufgrund des Krieges in der Ukraine und des Missbrauchs der Energie als politisches und wirtschaftliches Druckmittel drohe Energieknappheit trotz der derzeit vollen Gasspeicher. Aufgrund der Krisensituation müsse alles in einen Topf, es bedürfe einer schnellen und sicheren Regelung, um Klimaschutz und Energiesicherheit zusammenbringen, wie Jung konstatierte. Dazu brauche es Handwerker.

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Handwerkskammer-Präsident Rottler thematisierte die gestiegenen Energiepreise und nannte als Beispiele Metzgereien und Bäckereien, die eine Kostenexplosion erfahren hätten und es nun darum gehe, die Versorgungsinfrastruktur vor Ort zu schützen. Auch das Thema gestörte Lieferketten sprach er an, den Umsatzeinbruch bei Handel und Gastronomie. Doch trotz allem sehe er mit Zuversicht in die Zukunft, der Bedarf an Dienstleistungen sei riesig und die Auftragsbücher bei den meisten Unternehmen voll. Es gelte, die Energiewende so schnell wie möglich umzusetzen. Zudem vertraue er den motivierten jungen Menschen, die mit anpackten und die Zukunft sicherten. Engens Bürgermeister Johannes Moser dankte den zahlreichen Ausstellern, die ein Zeugnis dafür ablegten, wie vielfältig, engagiert und erfolgreich im Hegau die Unternehmen arbeiten.