Herr Hirschfeld, was macht ein Cannabis-Berater?

Ich bin eine Art Lotse und Ansprechpartner für Patienten, Ärzte und Unternehmen, im Bereich des Themas „Therapie mit Medizinalcannabis“. Zudem bin ich für Cannabis-Patienten Begleiter und Ratgeber während ihrer Therapie. Unser Ansatz ist im Prinzip die Hilfe zur Selbsthilfe.

Bei welchen Krankheiten wird die Cannabis-Therapie hauptsächlich eingesetzt?

Der Einsatz von Cannabis ist vielseitig. Es wird vor allem bei Schmerzerkrankungen eingesetzt, bei neurologischen Erkrankungen mit erhöhtem Muskeltonus, wie bei Multiple Sklerose, Spastik und Epilepsie, bei chronisch entzündlichen Autoimmunerkrankungen sowie bei psychiatrischen Erkrankungen, wie ADHS, posttraumatischen Belastungs- oder Zwangsstörungen und Depressionen. Unterstützend wirksam kann es gegen Übel- und Appetitlosigkeit bei der Krebstherapie sein, HIV und Hepatitis-C-Folgen. Und es gibt noch so viele Unterbereiche.

Wenn es ein so breites Einsatzspektrum hat, warum zögern so viele Ärzte es zu verschreiben?

Es gibt bisher nur wenige Ärzte, die sich wirklich mit der Cannabis-Therapie und der gesamten Antragsstellung auskennen und sich überhaupt an das Thema heranwagen. Und wenn ein Arzt einem Patienten die Therapie verordnen möchte, bedarf es oftmals eines langen Kampfes mit den Krankenkassen. Für den Laien, und sogar für den Spezialisten, ein steiniger Weg.

Und wie kommen Sie ins Spiel?

Entweder kontaktieren mich Patienten direkt, wenn sie eine Erstinformation möchten, oder über die Apotheken, in deren Auftrag ich berate. Meistens geht es um spezifische Fragen zur Krankheit, über Therapiemöglichkeiten, Erfahrungen, Wirksamkeit der Therapie oder die Kostenübernahme. Bei Erstkontakt spüre ich oft noch eine gewissen Unsicherheit, weil Cannabis eben noch nicht lange als Medizin zugelassen ist und in einigen Köpfen noch ausschließlich als Rauschmittel existiert. Spätestens nach dem Gespräch ist es dann wichtig, den behandelnden Arzt mit ins Boot zu holen. In manchen Fällen werde ich auch direkt von Ärzten kontaktiert, die eine Cannabis-Therapie verordnen möchten. Ich berate nicht nur, sondern vermittle auch weitere Kontaktstellen, helfe bei der Antragsstellung, das heißt beim Ausfüllen der Formulare, für die ich Studienergebnisse heraussuche und zur Verfügung stelle.

Welches sind die häufigsten Fragen, die sich im Laufe einer Therapie ergeben?

Ich habe, bei entsprechender Notdürftigkeit, auch Patienten in ihrem ganz persönlichen Umfeld zu Hause besucht. Ich informiere über die verschiedenen Möglichkeiten einer Cannabismedikation, welche Einnahmeformen es gibt, sowie über die Vor- und Nachteile einer Cannabismedikation. Im Verlauf der Therapie kommen oft weitere Fragen auf, wie: Wie nehme ich es ein? Darf ich Cannabis mit auf Reisen nehmen? Darf ich damit Auto fahren? Ich habe ein gutes Netzwerk aus Spezialisten wie Verkehrsmedizinern und Juristen und Psychologen, mit denen ich im engen Austausch stehe und daher immer die aktuellen Infos zu diesen Themen habe – oder zumindest erfragen kann.

Wer gehört zu den Ratsuchenden? Sind es eher die Jüngeren?

Das vermutet man, aber das stimmt nicht. Die Zeit, wo sich die 18 oder 20-jährigen Cannabis für die Freizeit legalisieren lassen wollen, ist lange vorbei. Unsere älteste Patientin ist 84 Jahre alt. Oft sind es Männer und Frauen ab 60 Jahre. Es sind Menschen mit einer langen Krankengeschichte – oft Schwerkranke, die hilf- und ratlos sind, weil alle anderen Therapieformen scheinbar ausgeschöpft sind.

Haben Sie das Gefühl, dass die Ärzte mittlerweile dem Wirkstoff Cannabis aufgeschlossener gegenüber sind?

Ja, zumindest ein wenig. Ich denke, dass die Aufklärung ganz wichtig ist. Daher habe ich in der letzten Zeit gemeinsam mit Medizinern und Apothekern Vorträge gehalten, speziell für Hausärzte, Fachärzte und Firmen. Es ist aber so, dass für die Ärzte der Aufwand der Antragsstellung und Begleitung enorm hoch ist – und dabei nicht adäquat bezahlt wird. Daher haben wir ein System entwickelt, welches den Ablauf erleichtert. Zudem unterstütze ich die Patienten bei der Datenbeschaffung und Erstellung ihrer Kranken- und Therapiehistorie. Dieses erleichtert und beschleunigt das Prozedere.

Genehmigen die Krankenkassen mittlerweile eher einen Antrag?

Mittlerweile werden etwa 60 Prozent der Anträge genehmigt – so heißt es. Mein persönlicher Eindruck ist, dass es weniger sind. Nicht nachvollziehbar für mich ist, wenn bei gleichen Symptomen und ähnlichen Historien unterschiedlich entschieden wird. Man kann im Übrigen auch nicht sagen, welche Krankenkasse „die beste“ ist. Bei den Bewilligungen sind alle gleich.

Franjo Grotenhermen, Arzt, Autor und Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM), kämpft seit Jahren für die Entkriminalisierung und Legalisierung von Cannabis. Er mutmaßt, dass die Pharmaindustrie kein Interesse an Studien hat, die die Wirksamkeit belegen, denn Cannabis sei finanziell nicht gewinnbringend. Sehen Sie das auch so?

Das war lange Zeit so. Allerdings laufen die Studien nun an. Bekannte und etablierte Firmen nehmen Cannabinoide als Medizin ernst. Sie haben Tochterfirmen für die Sparte „medizinisches Cannabis“ gegründet. Wir reden von einem Markt (Medizin und „Freizeit“), der deutschlandweit perspektivisch auf vier bis zehn Milliarden Umsatz geschätzt wird. Das Interesse der „Goldgräber“ erwacht zunehmend. Ich hoffe, dass dieses dem medizinischen Bereich nicht schadet. Durch die Legalisierung könnte der medizinische Nutzen banalisiert und in Frage gestellt werden. Patienten sind keine „Freizeit-Nutzer“!

Bei allem Positiven, welche Nebenwirkungen können denn durch die Cannabiseinnahme auftreten?

Nebenwirkungen können beispielsweise eine Einschränkung des Kurzzeitgedächtnisses sein. Cannabis kann sowohl Angstzustände reduzieren, wie auch auslösen. Außerdem kann der Konsum von Cannabis die Speicheldrüsen beeinflussen und zu trockenem Mund und Rachen führen, sowie die Blutgefäße erweitern. Auch zu Heißhungerattacken, Schwindel und niedrigem Blutdruck kann es kommen. Cannabis ist kein Allheilmittel, es kann eine Therapieoption sein, muss es aber nicht. Wie bei vielen anderen Medikamenten besteht die Gefahr des Missbrauchs. Letztendlich ist es ein Betäubungsmittel und die Leute müssen langsam und kompetent begleitet herangeführt werden. Die Grundregel für die Einnahme lautet: „Start low, go slow“, also starte in geringen Mengen und steigere die Menge vorsichtig. Das ist ganz, ganz wichtig. Bei einer Überdosierung schadet es dem Patienten in dem Moment. Das Bittere daran ist, die Option auf diese Therapie ist damit oft verbrannt.

Wie viele Beratungen haben Sie im Jahr 2021 durchgeführt?

Oh, ich habe irgendwann aufgehört zu zählen. Für Statistiken bleibt mir nicht viel Zeit. Ich denke aber, dass es bestimmt 1000 – 1500 Gespräche und Emails deutschlandweit waren, knapp 80 Kostenanträge habe ich mitbetreut, vermutlich so um die 500 Patienten bei der Therapie informiert, beraten und ein Stück weit begleitet.

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Fragen: Nicola M. Westphal