Ein Unruheherd in einem sonst idyllischen Ort. Als 1996 ein erstes Konzept für die Kinderwohnung (Kiwo) erstellt wurde, spielte der Standpunkt eine nicht unerhebliche Rolle in den Überlegungen der Verantwortlichen. "Anfangs wurde dieses Wohngebiet schon als Problem-Viertel wahrgenommen", blickt die Leiterin der Kinderwohnung, Ronja Hoppe, zurück. "Man wollte den Kindern, die hier leben, die Möglichkeit geben, sich sinnvoll zu beschäftigen – langfristig wollte man aber auch das Viertel befrieden." Die Kinderwohnung im Briele öffnete 1998 ihre Türen. Und das tut sie seither jeden Nachmittag für bis zu 20 Kinder, die hier gemeinsam spielen, basteln und lernen.

Es lässt sich darüber spekulieren, wie sehr die Einrichtung dazu beigetragen hat, für eine friedlichere Stimmung im Briele zu sorgen. Fest steht: Das Viertel ist ruhiger geworden. Heute muss Ronja Hoppe keine Angst haben, wenn sie nach Feierabend den Nachhauseweg antritt. "Mittlerweile kenne ich viele Menschen hier im Wohngebiet – und alle grüßen freundlich." Eine gute Beziehung zu den Nachbarn ist für die Sozialpädagogin zur Arbeitsgrundlage geworden, seit sie vor 14 Jahren ihren Dienst in Engen antrat. Der Grund: Die Kiwo liegt mitten im Wohngebiet. Und, wenn die Sechs- bis 14-Jährigen mit ihren Schularbeiten fertig sind, toben sie sich, gerade im Sommer, gerne auf der Spielwiese hinter dem Haus aus.

Ronja Hoppe
Ronja Hoppe | Bild: Daniel Schottmüller

Aber auch im Hausinneren geht es lebhaft zu, wenn bis zu 20 Kinder spielen, basteln, musizieren, auf dem Trampolin hüpfen oder in der Holzwerkstatt arbeiten. "Bei den meisten Kindern ist zu Hause einfach nicht der Platz da, um so viele Freunde gleichzeitig unterzubringen", erklärt Ronja Hoppe, warum die Kinderwohnung so beliebt ist. "Die Nachbarn in der Wohnung über uns haben zum Glück selbst Kinder", fügt sie mit einem Schmunzeln hinzu. Da ist es nicht ganz so schlimm, dass es zwischen 13 und 18 Uhr selten still wird in den zwei zusammenhängenden Erdgeschoss-Wohnungen.

Einfach mal zur Ruhe kommen

Ronja Hoppe und ihren zwei Mitarbeiterinnen geht es aber nicht nur darum, dem Nachwuchs Raum zur Entfaltung zu schaffen. Die Leiterin beobachtet auch, dass die Kinderwohnung als Anlaufstelle wahrgenommen wird – und das nicht nur, wenn es darum geht, sich im Endspurt auf die nächste Mathearbeit vorzubereiten. "Sollte es zu Hause mal Streit geben, wissen die Kinder, dass sie bei uns einen Ort haben, wo sie ernst genommen werden, wo sie einfach mal zur Ruhe kommen können", erklärt die Sozialpädagogin.

Bevor sie ihre Arbeit in Engen aufnahm, war Ronja Hoppe in der Kinderwohnung Radolfzell tätig. Die dortige Einrichtung ist doppelt so alt und diente der Engener Kinderwohnung als Vorbild. "Es kam aber schnell der Wunsch nach einem eigenständigen Namen auf", berichtet sie. Ein Wettbewerb wurde ausgerufen – mit einem klaren Sieger: Kunterbunt. Ein Name, der, wie die Leiterin der Einrichtung findet, auch nach zwei Jahrzehnten immer noch perfekt passt: „Wir haben ja auch einen kunterbunten Haufen von Kindern hier," sagt sie und lacht. Die nachmittäglichen Besucher der Kinderwohnung gehen auf die Grund-, Förder- und Werk-Realschule und kommen aus den unterschiedlichsten Ländern.

Bild: Kinderwohnung

"Wir haben Russland-Deutsche hier, Kinder aus Italien, dem Kosovo, aber auch Flüchtlingskinder aus Syrien und Afghanistan", zählt Ronja Hoppe auf. Bei einigen seien die Deutschkenntnisse anfangs noch gering gewesen. "Aber Kinder lernen sehr schnell – vor allem beim gemeinsamen Spielen", freut sie sich. „Klar ist immer mal wieder Thema, wo der Einzelne herkommt. Und im Streit fallen auch mal Schimpfwörter." Ziel sei aber stets ein gutes Miteinander – egal, aus welchem Land jemand kommt und welche Stärken und Schwächen er mitbringt.

Wie gut sich die Besucher der Kinderwohnung Kunterbunt ergänzen, wurde bei der Geburtstagsparty zum 20-jährigen Bestehen deutlich. Bei dem Fest Mitte Mai verwandelten die Kinder ihre Wohnung in eine Zirkus-Manege. Teller-Drehen, Hula-Hoop-Akrobatik, auf-der-Rolle-laufen, jonglieren, seilspringen, Seiltanz – sogar über-Scherben-gehen – die kleinen Artisten lieferten eine beeindruckende Show.

Ganz so abwechslungsreich ist der Alltag in der Kinderwohnung nicht immer. Zwischen 13 und 15 Uhr geht es zum Beispiel vergleichsweise ruhig zu. In diesen zwei Stunden sollen sich die Kinder ganz auf ihre Schulaufgaben konzentrieren. Die drei hauptamtlichen Betreuerinnen unterstützen sie dabei und erklären Themenkomplexe, die am Morgen nicht ganz klar geworden sind. "Viele Eltern können ihre Kinder, sobald sie ein bestimmtes Alter erreicht haben, nicht mehr so gut unterstützen – zum Beispiel, wenn es um deutsche Grammatik geht", erklärt Ronja Hoppe. Sie und ihre Kolleginnen helfen, wo sie können. Einfach ist das nicht immer. Eine weitere Herausforderung ist das ständige Kommen und Gehen. "Es ist schwierig, Angebote umzusetzen, wenn immer wieder Kinder dazukommen, oder sich verabschieden", erklärt Ronja Hoppe.

Trotzdem macht ihr ihre Arbeit Spaß. "Die Kinder geben einem ganz viel zurück", betont die Leiterin. "Wenn sie einen anlachen, ist vieles wieder vergessen, worüber man sich gerade noch geärgert hat", sagt sie und schmunzelt. Der unvoreingenommene neugierige Kinderblick auf die Welt ist etwas, das Ronja Hoppe Freude bereitet. Daran wird sich auch in den kommenden 20 Jahren nicht so schnell etwas ändern.

Leben in der Kinderwohnung

Kindern und Jugendlichen mit schwierigen Startbedingungen die Chance auf eine gute Entwicklung ermöglichen. Das ist eines der Hauptziele der Kinderwohnung Kunterbunt in Engen

  • Die Träger: Finanziert wird die Kinderwohnung von der Stadt Engen, dem Landkreis und dem Hauptträger, der Diakonie. Trotzdem ist die Kinderwohnung auf Spenden angewiesen – gerade, wenn es um die Finanzierung von Ausflügen geht. Über die Diakonie können den Familien, deren Kinder ins Kunterbunt kommen, auch andere Hilfsangebote, zum Beispiel Schuldner- oder Eheberatungsangebote, unterbreitet werden.
  • Die Kinder: Durchschnittlich zwölf bis 18 Kinder sind jeden Nachmittag vor Ort – das sind etwas weniger als noch vor der Einführung der Ganztagsschule. „Vorher sind wir oft an unsere Grenzen gestoßen“, berichtet Ronja Hoppe. „Damals mussten wir Kinder teilweise sogar abweisen, weil wir eigentlich nicht mehr als 20 Schüler betreuen dürfen.“
  • Die Besuchszeiten: Die Kinderwohnung ist ein freiwilliges Angebot. Deshalb kommen manche Kinder einmal die Woche in die Einrichtung, andere sind jeden Tag vor Ort. Ronja Hoppe beobachtet, dass gerade Jugendliche eher spontan in der Kinderwohnung vorbeischauen.