Wer gleichzeitig mehrere politische Ämter ausführt, kann mitunter in die Zwickmühle geraten, wenn Interessenskonflikte drohen. Veronika Netzhammer war fast 30 Jahre lang im Singener Gemeinderat und davon auch drei Legislaturperioden als Landtagsabgeordnete tätig. Kürzlich kündigte die CDU-Fraktionssprecherin und langjährige Kreisrätin an, bei den Kommunalwahlen am 26. Mai nicht mehr anzutreten. Grund genug, um auf eine Entscheidung zurückzublicken, welche die Hegauer Schullandschaft um einen wichtigen Baustein erweitert hat – das Engener Gymnasium, das heute gut 500 Schüler besuchen.

Vor etwa 15 Jahren platzten die Singener Gymnasien aufgrund des starken Andrangs aus den Nähten. Die Stadt Engen strebte schon seit langer Zeit an, ein eigenes Gymnasium einzurichten und erhielt ausgerechnet mit starker Unterstützung der Landtagsabgeordneten Veronika Netzhammer den Zuschlag, vollkommen entgegen den Interessen vieler Singener Gemeinderatskollegen. Die sahen Landes-Zuschüsse für die Erweiterung der eigenen Gymnasien durch das Engener Projekt gefährdet. Im März 2009, also vor genau zehn Jahren, wurde das Engener Gymnasium offiziell eingeweiht.

Über den Tellerrand hinweg

"Es war sehr frauenlastig, dass Engen ein Gymnasium bekommen hat. Ohne die damalige Kultusministerin Annette Schavan und Veronika Netzhammer gäbe es bis heute kein Engener Gymnasium", betont der Engener CDU-Ratssprecher Jürgen Waldschütz. "Schon vor der Eröffnung des Gymnasiums war mein Vorschlag, dass es nach Annette Schavan oder Veronika Netzhammer benannt werden müsste. Auch beide Namen wären denkbar gewesen", so Waldschütz. Unvergesslich bleibe, dass Schavan ihrem Sekretär nach dem Besuch einer Delegation in den Notizblock diktiert habe, "Engen erhält das Gymnasium" und nicht wie erwartet, dass sie nur den Wunsch unterstütze.

"Wir haben es Frau Netzhammer hoch angerechnet, dass sie als Landtagsabgeordnete über den Tellerrand hinweg den Bildungsnotstand im oberen Hegau gesehen hat und Engen helfen konnte, bei einer zentralen Entwicklung der Stadt einen bedeutenden Schritt zu machen. Und Singen hat dies nicht geschadet", erklärt Gerhard Steiner, Fraktionssprecher der Unabhängigen Wählervereinigung im Engener Gemeinderat.

Veronika Netzhammer tritt nicht mehr bei den Kommunalwahlen an.
Veronika Netzhammer tritt nicht mehr bei den Kommunalwahlen an. | Bild: CDU

"Durch neue Schulsysteme konnte in Singen das Bildungsangebot insgesamt vergrößert werden. Der Übergang von der Realschule auf das Gymnasium stellt immer noch eine große Präferenz dar. Das Friedrich-Wöhler-Gymnasium war vor gut 15 Jahren mit sechs bis sieben Parallelklassen vollkommen überbelegt. Riesige Schulzentren sind nicht ideal, die jetzige Größe der Singener Gymnasien passt", erklärt Veronika Netzhammer. Die Erreichbarkeit spiele bei Schüler und Eltern im oberen Hegau eine große Rolle. Gerade für die Schüler aus Tengen und den Stadtteilen sei der Weg nach Engen wesentlich kürzer, betont Veronika Netzhammer. Das Engener Gymnasium habe die Bildungschancen der Kinder aus einer ländlichen Region erheblich erhöht.

Vorteile für Engen und Singen

"Es gab harte Diskussionen im Gemeinderat, wie sie aber auch bei rein Singener Themen öfters aufkommen. Als Gemeinderätin und Landtagsabgeordnete hatte ich zwei Hüte auf. Gegenwind muss man aushalten können. Da geht es auch um Beharrlichkeit. Es gibt aber auch in kommunalen Gremien Menschen, die das gesamthaft im Blick haben", erklärt Veronika Netzhammer. "Positiv war auch, dass das Engener Gymnasium in ein bestehendes Bildungszentrum eingebunden werden konnte. Und die Stadt Engen hatte als Schulträger die nötigen finanziellen Mittel, um das Gymnasium bauen zu können", sagt sie.

"Veronika Netzhammer leistete einen wichtigen Beitrag dafür, dass Engen ein Gymnasium erhalten hat", erklärt Bürgermeister Johannes Moser. "Sie erkannte, dass es für eine solche Bildungseinrichtung einen großen Bedarf im oberen Hegau gab. Für Veronika Netzhammer war es durch das Spannungsverhältnis mit Singen sicher keine einfache Geschichte. Im Nachhinein hat Singen erhebliche Investitionen in Schulgebäude gespart. Die Gymnasien wurden trotzdem erweitert. Und es war für Singen gut, dass die Stadt Engen ein neues Gymnasium bezahlte", so Moser.

Deutlich höhere Übergangsquoten

Es habe sich gezeigt, dass durch das Engener Gymnasium die Bildungsmöglichkeiten im oberen Hegau deutlich verbessert worden sei. "Die Übergangsquoten vor allem der Schüler aus Tengen und den Stadtteilen haben sich markant erhöht", betont Moser. Im ersten Anlauf für die Einrichtung eines Gymnasiums sei es nicht gelungen, genügend Anmeldungen zu bekommen. "Die Schwierigkeit war, dass es noch nichts Vorzeigbares gab", so Moser.

"Beim zweiten Versuch klappte es mit über 70 Anmeldungen überragend. Wir hatten mehr Zeit, ein Konzept zu erstellen, um das Gymnasium zu bewerben. Auch Besonderheiten wie das Sportprofil konnten überzeugen", sagt Moser. Das zunächst 1,5-zügige Gymnasium habe nun zwei bis drei Klassen pro Jahrgangsstufe. Die Stadt Engen investierte laut Moser 14 Millionen Euro in das Gymnasium. Vier Millionen Euro flossen als Landeszuschüsse wieder zurück.