Gebannt lauschen die Besucher der Emmauskapelle an der Autobahnraststätte Hegau den Textpassagen des Holocaustüberlebenden Elie Wiesel. Der Autor Bruno Epple hat sie für diese literarisch-musikalische Andacht ausgewählt. Die Passagen schildern das Grauen, aber auch den Stolz von rund 200 Bewohnern eines jüdischen Ghettos, die sich weigerten, einen SS-Kommandanten als Gott anzubeten. Fast alle sterben. Die wenigen Überlebenden schwören sich Rache. Doch als Jahrzehnte später die Zeit der Vergeltung in Amerika kommt, reicht die Konfrontation mit der Vergangenheit, um den damaligen Schlächter zu packen. Keine Gewalt; das Wissen um die eigene Schuld ist Strafe genug.

Freude und Leid liegen hier nah beeinander

Was hat das mit 30 Jahre Mauerfall zu tun? Gebhard Reichert spannt den Bogen weiter. Er will nicht nur an die Freude über die Wiedervereinigung erinnern, sondern auch an die Öffnung der KZ für Juden, Sinti und Deutsche. Er will an das Leid der Menschen in Umerziehungslagern in Nordkorea und China erinnern. Aus dem Jubel über die geschleifte deutsche Mauer macht er eine Bitte, Fürbitte für Gefangene, verfolgte Journalisten, junge Menschen in Hongkong und für gerechte Aufnahmeverfahren von Flüchtlingen in den EU-Ländern. Die jungen Musiker des Hegau-Gymnasiums unter der Leitung von Gabriele Haunz unterlegen die Andacht mit ihren Instrumenten.

Eduard Ludwigs und Pfarrer Gebhard Reichert tragen Auszüge aus dem Buch des Holocaustüberlebenden Elie Wiesel vor und erinnern in einer Gedenkfeier in der Engeren Autobahnkapelle daran, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall in vielen Ländern der Welt Gewaltherrschaften die Menschen quälen und unterdrücken. Bild: Gudrun Trautmann
Eduard Ludwigs und Pfarrer Gebhard Reichert tragen Auszüge aus dem Buch des Holocaustüberlebenden Elie Wiesel vor und erinnern in einer Gedenkfeier in der Engeren Autobahnkapelle daran, dass auch 30 Jahre nach dem Mauerfall in vielen Ländern der Welt Gewaltherrschaften die Menschen quälen und unterdrücken. | Bild: Gudrun Trautmann

In einem bewegenden Vortrag singt der Theologe Eduard Ludigs den Psalm 126 in hebräischer Sprache. Durch das gläserne Kreuz in der Fassade der Kapelle wirft die Abendsonne ihre letzten Strahlen und erwärmt die Gemüter. „Als der Herr die Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir wie Träumende“, übersetzt Ludigs später den Psalm. Nichts kann die Freude der Deutschen vor 30 Jahren besser beschreiben als dieser Satz. Wir haben uns daran gewöhnt, wieder vereint zu sein. Andere sehnen sich noch danach. Ein denkwürdiger Abend.

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