Einfach durchmogeln? Das ist beim Stabhochsprung ausgeschlossen. Die Sportart gilt als anspruchsvollste und gefährlichste Disziplin in der Leichtathletik. Aber wie lernt man Kraft, Mut und Koordination so zu kombinieren, dass man es mit einem dünnen Stab über eine meterhohe Stange und sicher auf die Matte schafft? Winfried Herzig weiß es. Seit er in der elften Klasse von seinem Sportlehrer in die Geheimnisse der Disziplin eingeweiht wurde, hat der 61-Jährige den Fiberglas-Stab nicht mehr losgelassen.

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"Das ist fast richtig", meint Herzig, als wir ihn auf der Tartanbahn des Hegau-Stadions treffen. "Als ich angefangen habe, waren die Stäbe noch aus Bambus oder Aluminium", sagt er und schmunzelt. Um die 45 Jahre sind seit seinem Premierensprung vergangen. Inzwischen ist der schlanke Mann mit der offenen Trainingsjacke selbst Sportlehrer und Stabhochsprung-Trainer. Seine Tochter Luzia hat es sogar schon auf über vier Meter und das Siegerpodest der Deutschen Juniorenmeisterschaften geschafft.

Winfried Herzig gibt Tipps für den Anlauf.
Winfried Herzig gibt Tipps für den Anlauf. | Bild: Schottmüller, Daniel

Heute allerdings kümmert sich Herzig um Nachwuchshoffnungen, die etwas jünger und keine direkten Familienmitglieder sind. Michelle, Lilly, Amelie, Fabien, Timo und Nicholas sind zwischen 11 und 14 Jahre alt. Als Zuschauer bei den im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindenden Stabhochsprung-Meetings in Engen haben sie Blut geleckt. Jetzt wollen die Jugendlichen lernen, sich genauso in die Lüfte zu schwingen wie ihre Vorbilder.

Schon beim Aufwärmen auf der dicken Stabhochsprung-Matte zeigt sich, dass sie dafür beste Ausgangsbedingungen mitbringen. Rolle vorwärts und rückwärts, Flugrolle, Rad und Radwende: Alles kein Problem für die vier Mädchen und zwei Jungs.

Die Füße höher als der Kopf: Fabien (links) und Lilly trainieren ihre Körperspannung.
Die Füße höher als der Kopf: Fabien (links) und Lilly trainieren ihre Körperspannung. | Bild: Schottmüller, Daniel

"Die nächste Übung sieht schon etwas mehr nach Stabhochsprung aus", verspricht Winfried Herzig. Amelie darf vormachen, was der Trainer einen "flüchtigen Handstand" nennt. "Sobald ihr im Handstand steht, lasst ihr euch nach hinten fallen", erklärt Herzig. "Ziel ist es, möglichst gleichzeitig mit allen Körperteilen aufzukommen."

An die Stäbe, fertig, los

Als auch das bei allen funktioniert, geht es an die Stäbe. Je nach Größe der jungen Sportler sind sie zwischen 3,40 und 3,75 Meter lang – wiegen dabei aber nur ein knappes Kilo. Herzig möchte, dass die Jugendlichen spüren, dass das Gerät trotzdem stabil genug ist, um sie meterhoch in die Luft zu katapultieren. Die nächste Übung – der Hexenritt – soll genau dieses Vertrauen zum Stab stärken. Dazu bringen sich Michelle, Amelie und Fabien vor dem Sandkasten der Weitsprunggrube in Position. Sie stechen vor sich in den Sand, stoßen sich kraftvoll ab, um dann mit dem Stab zwischen den Beinen in die Grube zu segeln. "Die Hexen sind unterwegs", kommt postwendend der Kommentar einer Mutter, die aus der Ferne zusieht.

Amelie beim Hexenritt. | Bild: Schottmüller, Daniel

"Schon bei solchen Übungen zeigt sich, ob jemand Angst hat oder nicht", verrät der Trainer. Auf den Gesichtern der sechs Nachwuchshexer lässt sich keine Furcht ablesen. Folgerichtig geht es jetzt an die Stabhochsprung-Anlage – und damit ans Eingemachte. Vier Schritte Anlauf, dann wird der Stab eingestochen, die Jugendlichen springen ab und landen – ähnlich wie ein Weitspringer – mit den Beinen voraus auf dem Po. Ist es nicht schwierig, im richtigen Moment einzustechen? "Eigentlich nicht", meint Amelie, als sie nach ihrer ersten Landung aufsteht. "Der Stab rutscht automatisch in den Kasten." Schwieriger findet sie, Anlauf und Absprung richtig zu koordinieren.

In den nächsten Minuten haben die Jugendlichen mit unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen. Timo ist der Dribbelkönig der Gruppe. Was beim Fußball von Vorteil ist, kann beim Stabhochsprung zum Hindernis werden. "Achte darauf, lange Schritte zu machen", empfiehlt Herzig.

Volle Kraft voraus: Timo beim Sprung auf die Matte.
Volle Kraft voraus: Timo beim Sprung auf die Matte. | Bild: Schottmüller, Daniel

"Ich lande immer schräg", meint Michelle nach ihrem dritten Sprungversuch. Der Rat des Trainers: Möglichst gerade auf den Stab zuspringen. Als sie ihren Anlauf um einige Schritte verlängern, sehen die Sprünge von Timo und Michelle gleich professioneller aus.

Video: Schottmüller, Daniel

Zeit, ein Hindernis ins Spiel zu bringen. Winfried Herzig und Achim Arians – auch er Trainer beim TV – spannen in 1,60 Meter Höhe eine Schnur auf. "Jetzt folgt die Endform – in Grobform", meint Herzig mit einem Augenzwinkern. Und tatsächlich: Die Jugendlichen schaffen es nicht nur über die Schnur, es gelingt ihnen sogar, sich im Sprung zu drehen und den Stab im richtigen Moment abzustoßen.

Video: Schottmüller, Daniel

Trainingsrekord: Fabien und Amelie schaffen es auf über zwei Meter. "Höher als ihr groß seid – super!", lobt Winfried Herzig.

Video: Schottmüller, Daniel

"In den nächsten Einheiten geht es darum, die Füße während des Sprungs höher als den eigenen Kopf nach oben zu strecken", erklärt der Trainer. Für heute ist er aber mehr als zufrieden mit seinen Schützlingen.