Voller Farbenfreude steckt die Kunst der Schüler um den Kunstprofessor Adolf Hölzel an der Stuttgarter Akademie. Einer herausragenden Protagonistin aus Hölzels Kreis widmet das Engener Kunstmuseum eine Sonderausstellung. Im Zeichen der klassischen Moderne, die Bewegungen wie Blauer Reiter, Brücke, Expressionismus und Neue Sachlichkeit eint, entwickelten sich Künstler verschiedener Nationalitäten von der gegenständlichen Malerei weg, um die Wahrheit hinter den Dingen zu ergründen. Als Hölzels Meisterschülerin hat Ida Kerkovius die Epoche der klassischen Moderne mitgestaltet. Die ganz besondere Farbrevolution der Ida Kerkovius macht Engens Städtisches Museum und Galerie unter dem Titel „Im Herzen der Farbe“ zum Thema der großen Sonderausstellung dieses Jahres. Im umfangreichen Katalog werden Leben und Werk der Künstlerin thematisiert. „Die Farbe ist ihr angeboren“, erklärt Museumsleiter Velten Wagner und macht genau dies zum Thema eines Vortrags am Donnerstag, 27. April. Die Hölzel-Schülerin gehörte, wie ihre berühmten Kollegen Willi Baumeister und Oskar Schlemmer, zur Avantgarde der deut­schen Kunst. In Stuttgart verbrachte sie die längste Zeit ihres Lebens, hier musste sie aber auch die dunkle Zeit des Nationalsozialismus und die Zerstörung ihres Ateliers im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs erleben.

Von 1920 - 23 besuchte sie das Bauhaus in Weimar, wo sie sich die Kunstlehren von Johannes Itten, Wassily Kandinsky und Paul Klee aneignete, und das sie als reife, autonome Künstlerin verließ. Als sie schließlich, hochbetagt und hochgeehrt, im Alter von über 90 Jahren in Stuttgart starb, war die kleine Dame mit den blauen, wachen Augen als letzte Vertreterin der Moderne bereits zur Legende geworden.

Kerkovius, die Zauberin der Farbe, hat als besonderes Merkmal ihrer Kunst eine die Seele des Menschen berührende, emotionale Bild­sprache hervorgebracht, die den Betrachter als phantasiebegabtes Wesen in die sinnliche Wahrnehmung ihrer Bilder miteinbezieht. „Ihr undogmatisches, keiner Stilrichtung ver­pflichtetes Kunstverständnis brachte Kerkovius seitens der Kritik aber auch den Ruf einer naiven Malerin ein, die der weiblichen Intuition, nicht aber dem männlichen Intellekt folge“, erklärt Velten Wagner. Er hat die Arbeiten Kerkovius für die Sonderausstellung zusammengetragen. Und hier setzt für ihn die Konzeption der Ausstellung an, die den offenen, zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion angesie­delten Werkcharakter aufgreift. „In speziell aufeinander abgestimmten Konstellationen treten die Bilder miteinander in Dialoge. Die schöpferische Intelligenz ihrer Bildsprache, das Sprühende und Inspirierende ihres Schaffens wird auf diese Weise unmit­telbar erkennbar und erlebbar“, so Wagner. Neben assoziativen Werkgruppen werden die für Kerkovius charakteristischen Rei­sebilder und Stillleben einerseits, so wie auch speziellere Themen wie ihre Zirkusbilder und die Kinderkunst gezeigt.

„Das Thema Kinderkunst als für die Moderne einflussreiche Rezeption kindlicher Bildwerke wird mit Blick auf Paul Klee im Ausstellungskatalog ausführlich be­handelt“, kündigt Wagner an. Und in einem Dokumentarfilm von 1966 werde sich die Künstlerin selbst vorstellen — auf einer Reise nach Venedig.

Die Ausstellung wird am Sonntag, 26. März, um 11.30 Uhr eröffnet. Sie dauert bis zum 30. Juli. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr

Ida Kerkovius und ihre Bilder auf einem Foto von Marta Hoepffner aus dem Jahr 1960.
Ida Kerkovius und ihre Bilder auf einem Foto von Marta Hoepffner aus dem Jahr 1960. | Bild: Marta Hoepffner

Zur Person

Ida Kerkovius wird am 31. August 1879 in Riga geboren und beginnt dort mit 20 Jahren eine künstlerische Ausbildung an einer Privatmalschule. Begeistert von den Werken einer Hölzel-Schülerin im Rigaer Kunstsalon beschließt sie 1902, ihr Studium in Dachau weiterzuführen, wo Adolf Hölzel eine private Malschule gegründet hat. Der Farbenlehre Hölzels sowie seiner Lehre vom Primat der Mittel verleiht Kerkovius neue, undogmatische Züge. 1908 siedelt sie nach Stuttgart um, wo seit 1906 Hölzel eine Kompositionsklasse an der Akademie der bildenden Künste unterrichtet. Als seine Meisterschülerin und Assistentin erhält Ida Kerkovius ein Atelier an der Akademie und ist seit 1911 als selbstständige Malerin tätig. Ihr Stuttgarter Atelier wird im Krieg durch einen Bombenangriff zerstört, viele ihrer Bilder und Arbeiten werden vernichtet, doch setzt sie nach 1945 ihr künstlerisches Schaffen mit unglaublicher Kraft fort. 1954 erhält Ida Kerkovius das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse und 1958 den Professorentitel. Bis zum Tod arbeitet Ida Kerkovius trotz schwerer Krankheit ungebrochen an ihrem künstlerischen Werk. Sie stirbt am 8. Juni 1970 in Stuttgart. (cab)