Was denken männliche Flüchtlinge aus Afrika und Afghanistan über Sex, Liebe und Partnerschaft? Diese Frage stellt sich Mathias Graf, Sexualberater von Pro Familia Singen, während er am Esstisch einer Männer-WG in Welschingen sitzt. Seinen Aufklärungs-Workshop für zwei Flüchtlingswohngruppen aus Aach und Welschingen beginnt er folglich damit, dass er Fragen stellt. Zunächst werden Fragezettel verteilt, auf denen die Jugendlichen eine von vier vorgegebenen Antworten ankreuzen sollen. Auf die Frage "Wie lernt man in Deutschland eine Frau kennen?", gibt es folgende Antwortmöglichkeiten: bei der Arbeit; in der City; im Verein; im Internet oder in der Schule. "Die meisten Paare in Deutschland lernen sich in der Schule oder bei der Arbeit kennen", erklärt Graf. Von Flirt-Versuchen in der Fußgängerzone rät der Psychologe dagegen ab. Das führe erfahrungsgemäß eher zu Kopfschütteln bei den jungen Frauen. Ein 17-jähriger Afghane erzählt daraufhin von einem kosovarischen Mädchen aus seiner Schule, die ihm bereits wiederholt auf dem Schulflur zugelächelt habe. Allerdings habe er Angst davor, das Mädchen anzusprechen. Nach den Sommerferien will er endlich Mut fassen und auf die Mitschülerin zugehen.

Auf den beiden anderen Fragezetteln steht: "Wenn Sie sich mit einer Frau treffen möchten, wen müssen Sie um Erlaubnis fragen?" und "Wenn ein Mann und eine Frau verheiratet sind, wer ist der Chef?" Trotz unterschiedlicher kultureller Ausprägungen sind sich alle Kursteilnehmer zumindest darin einig, dass man zunächst die Frau um Erlaubnis fragen sollte, ob sie sich mit einem treffen möchte, und nicht etwa den Vater.

Einer der Teilnehmer weiß auch von einem erschütternden Beispiel aus seiner Heimat zu berichten. In Afghanistan soll es vorkommen, dass zum Beispiel ein 25-jähriger Mann ein 15-jähriges Mädchen begehrt und sie heiraten möchte. Wenn das Mädchen ablehnt, hat der Mann die Möglichkeit, um ihre Hand beim Vater anzuhalten. Dieser würde nur in seltenen Fällen ablehnen, wenn viel Geld im Spiel ist und kann seine Tochter dazu zwingen, gegen ihren Willen diese Ehe einzugehen.

"Und wer sollte später in der Ehe der Chef sein?", fragt Graf in die Runde. Zuerst zögern die Jugendlichen, eine Antwort zu geben. Ein 17-Jähriger aus Gambia meint, dass derjenige, der das meiste Geld nach Hause bringt, normalerweise das Sagen haben sollte. Zumindest kenne er es so aus seiner Heimat. Graf bestätigt, dass es ein solches Rollenverständnis auch in einigen deutschen Ehen gebe. Die meisten Paare bemühten sich aber durch Dialog, eine einvernehmliche Lösung auf Augenhöhe zu finden.

Während des Workshops wird auch über das Thema Verhütung gesprochen. Dabei offenbaren sich gewaltige Wissenslücken bei den Flüchtlingen in Bereichen, die hierzulande in der achten Klasse im Biologieunterricht behandelt werden. "Warum wird eine Frau beim Sex ohne Verhütungsmittel nicht jedes Mal schwanger?", will ein Teilnehmer wissen. Einen anderen Gambier aus der neunköpfigen Männerrunde interessieren eher praktischere Fragen: "Wie zieht man sich ein Kondom richtig drüber?" An einer Penisattrappe aus Holz erklärt Graf die einzelnen Schritte: vom richtigen Aufreißen der Verpackung, ohne das Kondom zu beschädigen, bis zum richtigen Abrollen. Danach hat auch der junge Mann Gelegenheit, an der Holzattrappe das Überstülpen zu üben.

Sein verliebter Mitbewohner ist mit den Gedanken bereits wieder bei dem Mädchen aus der Schule. Der junge Mann aus Gambia hat solche Probleme nicht. Er ist bereits seit fünf Monaten mit einem Mädchen aus Welschingen zusammen, die er im Park angesprochen hat. Der Afghane scheint davon beeindruckt und bittet ihn, ihm bei seinem Mädchen-Problem zu helfen. Außerdem fragt er nach der Anschrift von Pro Familia. Falls aus dem gegenseitigen Anlächeln mit dem Schwarm aus der Schule mehr werden sollte, will sich in zwei oder drei Monaten bei Mathias Graf melden – um sich weiteren Rat für die nächsten Schritte im Umgang mit Mädchen zu holen.

Die Finanzierung

Ein erster Aufklärungskurs für Schüler einer Flüchtlingsklasse hat bereits Mitte April im Berufsschulzentrum Stockach stattgefunden. Unterstützt wird das Projekt inzwischen auch vom Amt für Migration und Integration des Landratsamtes Konstanz, das finanzielle Mittel für zehn Kurseinheiten bewilligt hat, allerdings nur für Schulklassen im Rahmen der VABO-Klassen (Vorbereitung auf Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse). Den ersten Aufklärungskurs außerhalb des schulischen Rahmens hat ein anonymer Privatspender ermöglicht, der durch die Berichterstattung im SÜDKURIER über das Kursprojekt erfahren hatte. "Einen Kurs können wir schon für 95 Euro anbieten", erklärt Mathias Graf, Geschäftsführer von Pro Familia Singen. Wer für eine Neuauflage eines solchen Aufklärungskurses spenden möchte, kann das an folgendes Spendenkonto tun: DE04 6925 0035 0003 0627 26 Sparkasse Hegau-Bodensee (al)