Die Zeit scheint um Jahrhunderte zurückgedreht und nimmt in der Lupfenstraße lautstark Gestalt an. "Mi Ma hond si is siachhus verbannt und für dot erklärt", schreit Ackerbürgerin Claudia ihren Groll heraus. Zudem habe sie dem Grafen ihr letztes Stück Vieh geben müssen.

Franziska aus demselben Stand fügt gleich hinzu, dass jetzt auch noch drei Fuder Holz abgegeben werden müssen. In Engen wird Geschichte lebendig: Die Stadt wird zur Freilichtbühne für ein mitreißendes Historien-Spektakel mit rund 100 Mitwirkenden.

Erlebnis-Stadtführungen als Basis für die Idee

Die Idee dafür schwebte Sylvia Speichinger schon lange im Kopf. Sie hatte gehört, dass viele Engener Bürger nur sehr wenig über die Stadtgeschichte wissen. Kundig in Sachen Engener Historie, führt sie schon als Bademagd Besucher durch die Gassen, auch der Nachtwächter und die Bürgersfrau, die Grenzgängerin und die Hausiererin bringen bei Stadt-Erlebnisführungen Licht in das Dunkel einzelner Jahrhunderte.

"Es wäre doch schön, wenn wir mal einem Pappenheimer auf die Schulter klopfen könnten", sagt sie verschmitzt. Ihr Gedanke war, mehrere Jahrhunderte in einem Ablauf erlebbar zu machen.

Seit der Stadtgründung 1300 viele turbulente Zeiten

Daraus wurde eine großangelegte Theaterinszenierung in historischer Kulisse. Engen erlebte seit der Gründung um 1300 turbulente Zeiten durch Unruhen, Aufstände und Krieg. Jahrhundertelang sorgten nicht nur zahlreiche Machtwechsel für Aufruhr, sondern vor allem die Machthaber – die Herren von Hewen, die Herren von Lupfen, die Landgrafen von Pappenheim und die Fürstenberger.

Die Darsteller haben Spaß bei der Sache, das zeigen schon die Proben. In entsprechende Kostüme gewandet, scheinen sie mittendrin im jeweiligen Geschehen: "Woher den Mist nehmen, wenn die Sau verreckt ist?", schreit eine Ackerbürgerin.

Der Mönch, der als letzter vom Kapuzinerkloster übrig blieb, sucht Unterschlupf bei den Nonnen im Kloster St. Wolfgang und fleht voller Inbrunst Gott an. Ein durchziehender Landstreicher hat Visionen und sieht schon die wüste Zeit voraus, die der Dreißigjährige Krieg mit sich bringen wird. Als Heckerzug dabei ist auch der Fanfarenzug Engen.

Mehr als 100 Akteure sind dabei

Sylvia Speichinger schrieb das Drehbuch und übernahm die Projektleitung und die künstlerische Gestaltung. "Eine Mammut-Aufgabe", wie sie selbst sagt. Allein die Proben der einzelnen Gruppen zu koordinieren und das Ganze zusammenzuführen bedeute eine Herausforderung. Ihre Idee kam an, auf die Zeitungsanzeige von Organisatorin Carmen Mangone vom Bürgerbüro meldeten sich gleich 50 Leute. Zu den Aufführungen werden 100 Mitwirkende aus dem ganzen Umland Geschehnisse aus verschiedenen Jahrhunderten in der Kulisse der Altstadt aufleben lassen. Der Nachtwächter wird die Besucher auf einen Streifzug durch die Altstadt an sieben geschichtsträchtige Schauplätze führen, flankiert von klagenden Bürgern vor den einzelnen Häusern wird Geschichte greifbar. Und das nicht ohne Humor.