Bis auf den letzten Platz war der Saal im Gasthaus Bären in Welschingen gefüllt, als die Landtagsabgeordnete der Grünen, Dorothea Wehinger das hohe Lied auf die Landwirte als Hauptverbündete beim Erhalt der biologischen Vielfalt sang. Sie seien es, die die die Bodenfunktion sicherten und die nachhaltigen Entwicklung vorantrieben. Ihnen stünden etliche Fördertöpfe zur Verfügung. Neu sei in Baden-Württemberg ein Sonderprogramm Biodiversität mit 36 Millionen Euro für 2018 und 2019. Im Umweltausschuss des Landtages sei der Plan eines landesweiten Biotopverbundes begrüßt worden. Im Kampf gegen das Artensterben müssten Biotope und Lebensstätten von Tier- und Pflanzenarten müssten engmaschig verknüpft werden.

Professor Johannes Steidle nahm die Landwirte in seinem Vortrag ebenfalls in die Pflicht. Weder der Klimawandel, die Lichtverschmutzung, Windkrafträder oder Mobilfunkstrahlung seien verantwortlich für das Insektensterben, sondern ein "tödliches Quartett" aus Überdüngung, zu häufiger Mahd, dem Einsatz von Pestiziden und dem Verlust der Strukturvielfalt (zu viele Monokulturen). Er wolle die Bauern nicht an den Pranger stellen, sagte Steidle. Diese seien Getriebene und versuchten mit ihren Betrieben zu überleben. Dafür nutzten sie die Spielräume, die der Gesetzgeber ihnen lasse. Trotzdem sind für Steidle die Lösungen klar: 20 Prozent der Landschaft sollten als naturnahe, miteinander vernetzte Flächen genutzt werden, die Düngung solle reduziert und der Pestizideinsatz verringert werden.

Diplom-Forstingenieur Tilo Herbster stellte den Anwesenden den Landschaftserhaltungsverband Konstanz e. V. (LEVKN) vor, dessen Geschäftsführer er ist. Hauptaufgaben des Vereins sei es, Interessenten bei der Beantragung von Fördermitteln und der Umsetzung der Pflegemaßnahmen zu beraten. Im Gelände würden die Maßnahmen genau besprochen und dann die Unterlagen zusammen mit dem LEV vorbereitet. Die Untere Naturschutzbehörde beim Amt für Umweltschutz des Landratsamtes Konstanz prüfe dann die Anträge auf Förderfähigkeit und leite sie an das Regierungspräsidium Stuttgart weiter.

Voraussetzung eine Förderung ist, dass es sich um schutzwürdige Gebiete handle, wie zum Beispiel Natur-, Landschafts- und Artenschutzgebiete. Als Kernaufgabe der Landschaftserhaltungsverbände bezeichnete Herbster die Umsetzung der Managementpläne für das europaweite Schutzgebietsnetz NATURA 2000, die detaillierten Richtlinien zur Bewirtschaftung der Schutzflächen enthalten. Im Mittelpunkt stehen dabei die FFH-Gebiete (diese wurden nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ausgewiesen) und dienen dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensraumtypen. Im Kreis Konstanz gibt es einige davon, wie etwa die Schutzgebiete Hegaualb, Hegau-West, Bodanrück, Schiener Berg, Mettnau und Radolfzeller Aach. Was das in der Praxis bedeutet, schilderte Herbster an konkreten Beispielen. Da gehe es auch mal ordentlich zur Sache, wenn etwa Flächen entbuscht würden, um Tierweiden zu schaffen, wenn Steilhänge mit Spezialmaschinen gepflegt würden, Moore wiederbewässert und zum Beispiel mit Raupenschleppern Biotope ausgebaggert würden.

Emotionen kochen hoch

Im Anschluss an die Vorträge gab es noch eine lebhafte Diskussion. Tilo Herbster musste konkrete Fragen, etwa zum Umgang mit Giftpflanzen oder zu Hochwasserflächen (wegen des milden Winters) beantworten. Beim Thema Insektensterben ging es dann in der Debatte sehr emotional zu. Johannes Steidle stellte klar, dass es nicht um Schuldzuweisungen gehe. Vermutungen, wie sie von Zuhörern geäußert wurden, dass es sich nur um ein zeitweises, zum Beispiel witterungsbedingtes Phänomen handle, wies er zurück. Das Insektensterben sei über Jahrzehnte nachgewiesen. Es gehe längst nicht mehr um die Frage, ob die Insektenwelt tatsächlich in Schwierigkeiten stecke, sondern wie das Insektensterben zu stoppen sei, so der Tierökologe.

 

Die Kernbotschaften

  • Tilo Herbster, Geschäftsführer des Landschaftserhaltungsverbands Konstanz e. V. (LEVKN): Das Selbstverständnis der Landwirte als Nahrungsmittelerzeuger sei Vergangenheit. Die Gesellschaft richte einen weitaus umfassenderen Auftrag an die Bauern, nämlich den des Naturschützers, der sein Land nachhaltig bewirtschafte. Dazu gehörten Naturschutzbelange, wie der Schutz und die Erhaltung von Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume.
  • Professor Johannes Steidle, Leiter des Fachbereichs Tierökologie an der Universität Hohenheim: Auch die Bevölkerung in den Gemeinden mit ihren Gärten und Balkonen könne das Insektensterben aufhalten. Er rät: "Legen sie blühende Naturgärten mit heimischen Pflanzen an, entfernen sie Steinwüsten ums Haus und verabschieden sie sich von den kurz geschnittenem Rasen. So kommt Leben in die Vorgärten und Insekten finden Futter."