Singen Drewermann lässt das Predigen nicht

Bekannter Theologe sinnt bei einem Vortrag in Engens Auferstehungskirche über Luthers Thesen

Als er da vorne steht, in seinen ausgetretenen Schuhen, der etwas zu weiten Hose und der Winterjacke, könnte man meinen, er käme gerade vom Einkauf beim Supermarkt gegenüber. Vielleicht will er damit auch seine einfache Herkunft symbolisieren, denn sein Vater war Bergarbeiter im Ruhrgebiet. Vielleicht misst er aber einfach nur seinem Äußeren wenig Bedeutung bei. Umso mehr achtet er auf seine Worte.

Nach der herzlichen Begrüßung in der evangelischen Kirchengemeinde Engen durch Pfarrer Michael Wurster legt Eugen Drewermann sofort los und spricht dann eine Stunde lang – ohne Unterbrechung – zu den anwesenden Besuchern. Die Kritik, dass seine beste Zeit längst hinter ihm liege, trifft ihn nicht. Sein Name hat noch immer Klang, denn die kleine Engener Auferstehungskirche, in die normalerweise kaum mehr als 150 Menschen passen, musste zusätzlich bestuhlt werden, damit die vielen Gäste Platz fanden.

Die Sätze gehen Drewermann ohne Stocken, ohne Räuspern oder Versprecher über die Lippen und langsam zieht er die Zuhörer mit der Kraft seiner Worte in seinen Bann. Eigentlich sollte der in Konstanz lebende Publizist Jürgen Hoeren im Gespräch mit Drewermann das Buch " Was Martin Luther wirklich wollte" vorstellen. Bei dem Werk handelt es sich um ein 330 Seiten langes Interview, das der Publizist mit dem Theologen geführt hat. Aufgrund einer Erkrankung Hoerens kam es stattdessen zum einstündigen Monolog, bei dem Eugen Drewermanns roter Faden die Biografie des Reformators war. Er spricht sanft, im gleichmäßigen Rhythmus, gerade so, als wolle er die Zuhörer hypnotisieren. Doch dann gerät er in Rage, als er auf den Thesenanschlag Luthers vor 500 Jahren in Wittenberg kommt, schlüpft gekonnt in dessen Rolle, als dieser in seiner 83sten These den Papst anklagt: "Warum nimmt er nicht sein eigenes Geld, um den Petersdom in Rom zu bauen? Warum greift er einfachen Christen dafür in die Tasche?"

Drewermann rekapituliert dann die Gründe der darauf folgenden Kirchenspaltung, wie etwa die berüchtigten Ablassbriefe, mit denen sich die Reichen von den Sünden freikaufen konnten und zitiert Luther, der dies scharf verurteilt, weil der Klerus Geld mache mit der Angst vor Gott. Aus Gott hätten sie einen Schacherer gemacht.

Doch eigentlich geht es Eugen Drewermann bei seinem Luther-Buch um etwas anderes. Von zentraler Bedeutung ist für ihn die 1520 verfasste Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, wobei er einen Satz Luthers als Schlüssel offenbart, um der Denkweise Drewermanns näher zu kommen. Es heißt da: "Wenn du gute Werke sehen willst, musst du schauen auf die Person." Doch die meisten würden nur auf die Taten ihrer Mitmenschen schauen, auf das Geleistete. Aber Luther meine, dass dies überhaupt nicht genüge. Man solle hinter jede Handlung den Menschen sehen. "Wir sollten nicht die Hände, sondern das Herz eines Menschen betrachten", wie Drewermann ergänzt. Dann geißelt er die Selbstgerechtigkeit der Menschen: Schnell fälle jeder sein Urteil über das scheinbar Böse und breche den Stab über andere. Doch wenn der Mensch Gutes tun wolle, dann solle er auf die Person schauen, sich in den anderen hineinversetzen, mit ihm fühlen und ihn verstehen.

Der einstündige Vortrag – oder war es doch eine Predigt? – geht wie im Fluge vorbei und manche Aphorismen des Theologen bleiben haften, wie etwa dieser: "Gott und Teufel kämpfen miteinander und das Schlachtfeld ist die Seele des Menschen."

Die anschließende Diskussion, wie ursprünglich geplant, passte dann nicht, wie Pfarrer Michael Wurster instinktsicher erkannte: "Das lassen wir dann einfach mal so stehen."


Zur Person

Eugen Drewermann, 1940 in Münster geboren, studierte Philosophie, Theologie und Psychoanalyse. 1966 wird er zum Priester geweiht. Bis 1991 lehrt er als Privatdozent für Religionsgeschichte und Dogmatik an der kirchlichen Hochschule Paderborn. Danach entzieht ihm Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt die kirchliche Lehrerlaubnis und das Priesteramt. Drewermann ist heute als freier Schriftsteller tätig und hält viele Vorträge. Seine Themen sind unter anderem die Bibelauslegung, Märchenanalyse und das Verhältnis zwischen Tier und Mensch. 

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