Franz Hirschle, Vorsitzender des CDU-Stadverbandes in Singen, hat es ebenso kalt erwischt wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Andreas Renner, der als EnBW-Lobbyist enge Kontakte in das politische Berlin pflegt: Der Rücktritt der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karenbauer kam einem politischen Beben gleich, dessen Schockwellen bis in den Hegau spürbar waren. „Ich war sehr überrascht von der Rücktrittsankündigung der Vorsitzenden“, formuliert Renner. Die unerwartete Entscheidung wertet er als Schlag für die CDU Deutschlands. Für Hirschle war von Anfang an erkennbar, dass Kramp-Karrenbauer der vollständige Rückhalt in der CDU gefehlt habe. Dass eine neue Spitze durchaus Sinn mache, erklärt auch der Engener Dominique Sigwart, in der Jungen Union und dem Engener Stadtverband aktiv. Den großen Verdienst Kramp-Karrenbauers sehen die Hegauer CDU-Vertreter in der Leistung, die Schwesterparteien CDU und CSU wieder zusammen zu führen.

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Nach der Rücktrittsankündigung ist die Partei um Vermeidung des Chaos bemüht. Den aktuellen Fahrplan, die Nachfolgefolgefrage und Kanzlerkandidatenkür bis in den Herbst hinaus zu ziehen, sieht nicht nur Renner kritisch: „Ich bin sicher, diese Frage wird bis Sommer geklärt sein – müssen.“

„Ich bin sicher, diese Frage wird bis Sommer geklärt sein – müssen.“Andreas Renner, Ex-Minister
„Ich bin sicher, diese Frage wird bis Sommer geklärt sein – müssen.“ Andreas Renner, Ex-Minister | Bild: SK

Hirschle hat zwar Vertrauen in die Arbeit der Regierung, dennoch sei es wichtig, schnell wieder Ordnung in die Führung zu bringen. Er pocht auf einen Sonderparteitag, damit zügig bis zur Sommerpause ein Nachfolger feststeht. “Wir dürfen die Entscheidungsfindung nicht bis zum Parteitag rauszögern, eine Hängepartie kann sich ein Land wie Deutschland in einer so wichtigen Frage nicht erlauben. Das europäische Ausland schaut gespannt auf den großen Stabilitätsanker in Europa“, betont er. Vor allem wichtig sei es für ihn, dass schnellstmöglich wieder Planungssicherheit einkehrt. Auch Bernhard Maier hofft, dass schnellstmöglich von den verantwortlichen Gremien die passende Person präsentiert und gewählt werden wird, damit sich die CDU wieder auf Sachthemen konzentrieren kann.

„Wir dürfen die Entscheidung nicht bis zum Parteitag ‚rauszögern.“Franz Hirschle, Singen
„Wir dürfen die Entscheidung nicht bis zum Parteitag ‚rauszögern.“ Franz Hirschle, Singen | Bild: SK

Für die Wahl eines Nachfolgers geht es allen Vorstandsmitgliedern hauptsächlich um die größte Kompetenz, die Frage des Geschlechts dürfe keine Rolle spielen. Doch die Suche nach dem perfekten Kandidaten offenbart die Schwächen der noch amtierenden Vorsitzenden: Ihr Nachfolger sollte gleichermaßen starke soziale und konservative Impulse setzen, erklärt Dominique Sigwart: „Die CDU braucht nicht nur einen neuen Kopf an der Spitze, welcher eine große Strahlkraft besitzt um nach innen und außen zu mobilisieren, sondern auch eine programmatische Erneuerung – oder besser gesagt eine, die progressive und konservative Politik in Einklang bringt.“

Merz oder Laschet?

Die Favoriten für die Hegauer sind der einstige Bundestags-Fraktionsvorsitzende Friedrich Merz, der zuletzt im Kampf um den CDU-Vorsitz nur denkbar knapp gegen Kramp-Karrenbauer unterlag, oder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Verständnis bekommt Kramp-Karrenbauer für ihre Entscheidung: Respekt verdiene sie, weil sie das Wohl der Partei im Blick behalten habe. „Sie hat Größe und Verantwortung für die Partei und unser Land gezeigt“, so Bernhard Maier. Sigwart lobt zudem Ihre Führungskraft: „Sie hat in ihrem Amt als Ministerpräsidentin im Saarland durchaus bewiesen, dass sie erfolgreich führen kann.“

„Thüringen war in einer politischen Pattsituation nicht zu Ende gedacht.“Bernhard Maier, Engen
„Thüringen war in einer politischen Pattsituation nicht zu Ende gedacht.“ Bernhard Maier, Engen | Bild: SK

Kritik aus dem Lager des Berliner Koalitionspartners SPD wollen die Unionsmitglieder von hier deshalb nicht gelten lassen: Es dürfte den Sozialdemokraten in der derzeitigen Situation der SPD kaum zustehen, dem Koalitionspartner einen Richtungsstreit vorzuwerfen, sagt der Engener CDU-Chef Bernhard Maier auf Nachfrage des SÜDKURIER. „Zunächst einmal sollte sich die SPD angesichts der bescheidenen Umfragen und jüngsten mageren Wahlergebnisse auf sich konzentrieren“, ergänzt Dominique Sigwart als Maiers Stellvertreter im Engener CDU-Vorstand. Eine Gefahr für die Koalition will Tizian Mattes von der Jungen Union im Kreis nicht sehen.

„Die AfD hat die demokratischen Parteien geschickt ausgespielt.“Tizian Mattes, Junge Union
„Die AfD hat die demokratischen Parteien geschickt ausgespielt.“ Tizian Mattes, Junge Union | Bild: SK

Den Einfluss der Thüringen Ereignisse auf Kramp-Karrenbauers Entscheidung, als CDU-Abgeordnete gemeinsam mit AfD-Vertretern FDP-Kandidat Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt haben, bewerten die CDU-Mitglieder aus der Distanz unterschiedlich. „Von einem Sieg der AfD kann keine Rede sein. Es war ein in einer politischen Patt-Situation nicht zu Ende gedachter Prozess, welcher der Demokratie geschadet hat. Es hat sich erfreulicherweise gezeigt, dass sich Demokratie bei uns erfolgreich wehren kann“, bewertet Bernhard Maier das Geschehen. Auch Sigwart betont, dass von einem Sieg der AfD nicht die Rede sein könne. „Das Resultat, dass ein Ministerpräsident mit Stimmen der AfD, gleiches gilt im Übrigen für die Linkspartei, ins Amt gehievt wurde, ist natürlich ohne Zweifel nicht wünschenswert und das wollen wir auch nicht. Aber wer der CDU nun Fehlverhalten für die einzige Wahl in der Mitte vorwirft, liegt falsch.“ Die CDU habe den Beschluss getroffen, um eine Kooperation mit Links- und Rechtsextremen auszuschließen.

„Wenn wir Volkspartei bleiben wollen, muss es gelingen, die Strömungen zu vereinen.“ Dominique Sigwart, Engen
„Wenn wir Volkspartei bleiben wollen, muss es gelingen, die Strömungen zu vereinen.“ Dominique Sigwart, Engen

 

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Mattes hingegen spricht von einem großen Schaden: Die AfD habe die demokratischen Parteien geschickt ausgespielt. Hirschle bezeichnet das Spektakel als ungeschickt und hätte sich eine bessere Absprache gewünscht, um so etwas zu verhindern.