Es mutet fast gespenstisch an: Im Fachwerkgerippe eines turmhohen Gebäudes arbeiten Männer mit Atemschutzmasken und blauen Schutzanzügen, kurz darauf tragen sie graue Platten zu einem Container. Ein Warnschild mit der Aufschrift "Asbestfasern" erklärt das Szenario: Die ehemalige Hegaumühle in Neuhausen wird samt Silogebäude und Anbau abgebrochen, die Asbestplatten fachgerecht entsorgt.

Schon von Weitem ist das Frucht- und Mehlsilo zu sehen, wie ein Turm ragt das Gebäude gut 22 Meter in die Höhe. 1972 gebaut und seit fünf Jahren nicht mehr genutzt, weicht das Mühlenareal neuen Wohnhäusern. In vier Mehrfamilienhäusern werden 17 Eigentums-Wohnungen entstehen. "Das ist ein Schandfleck im Ort. Alle sind froh, dass dieses alte Bruchsilo wegkommt, zumal ringsum neues Baugebiet liegt", sagt Engelbert Braun von der Firma Veit und Braun in Engen, die das Grundstück 2013 gekauft hat.

Als die Mühle noch genutzt wurde, habe die Fruchtanlieferung während der Erntezeit auch nachts eine starke Geräuschbelästigung für die Anwohner verursacht. Ein Spaziergänger aus Neuhausen, der nicht genannt werden will, bestätigt Brauns Meinung. Dazu sei der Abbruch eine sinnvolle Maßnahme, denn beim Bau der Frucht-Trocknungsanlage sei Asbest verwendet worden.

Die Firma Entkernung Bodensee aus Singen übernahm den Auftrag. Das Areal mit Mühle, Silo und Trocknungsanlage grenzt direkt an das Nachbargrundstück, entlang einer Grenzlinie fließt der Hepbach. "Durch die verwinkelte Lage mit engen Zugängen erschwert sich der Abbau. Dazu werden die Gebäude von Bachwasser unterspült", sagt Mitarbeiter Alex Rollke.

Im Abrissteam ist auch Ali Karaki, der langjährige Erfahrungen im Bereich Industrie-Demontage hat. "Alles muss abgerissen werden, aber wir kommen nicht überall in die Gebäude. Dazu ist die Statik miserabel, die Balken in der Trocknungsanlage sind in einem desolaten Zustand und brüchig", erklärt er und zeigt auch auf gebrochene Bodenplatten, durch deren Spalten das plätschernde Bachwasser zu sehen ist. Das gesamte Fachwerkgebäude wurde abgestützt und der Abbau von den Seiten begonnen, um einzelne Teile zu trennen. Die abgetragenen Asbestplatten kommen in die Container und gehen an die Firma Alba in Singen zur fachgerechten Entsorgung.

Mit den Neubauten auf dem Mühlen-Areal wächst das umliegende Bau- und Wohngebiet. Das freut nicht nur den Bauherrn. "Die Wohnlage ist ideal. Durch den Wegfall der Gebäude wird der Blick frei auf den Hohenhewen und die Hegau-Berge, die jetzt vom Silo verdeckt sind", sagt Engelbert Braun. Dazu liege die Seehas-Haltestelle Welschingen nur acht Minuten entfernt.

Der Werkstoff

Asbest wurde wegen seiner vielen praktischen Eigenschaften in so großen Mengen wie kaum ein anderer Werkstoff verwendet, bis er in Deutschland im Jahr 1993 verboten wurde. Asbest ist ein eindeutig krebserregender Stoff. Er zerteilt sich in feine Fasern, die sich der Länge nach weiter aufspalten und dadurch leicht eingeatmet werden können. Das kann zu einer chronischen Entzündung der Lunge führen und letztlich Krebs verursachen.