Christian Engel aus Freiburg hatte in Eigeltingen ein Erlebnis, das für ihn und andere Auswirkungen hatte. Er erzählt im Folgenden in der Ich-Form von einer Fahrradpanne auf einer Tour im Raum Stockach, wie er Hilfe fand und wie er seine Retter in der Not vor Kurzem wieder getroffen hat:

Christian Engel
Christian Engel | Bild: Christian Engel

Es ist ein heißer Junitag vor zwei Jahren: Als es plötzlich klackert und mein Fuß auf dem Straßenbelag schleift, weiß ich, irgendetwas stimmt da nicht. Der Blick nach links unten verrät mir, was los ist: Mein Fahrradpedal ist nicht mehr da. Lose geworden und einfach so abgeflogen, mitsamt dem Gewinde herausgebrochen. Nun liegt‘s kaputt im Schatten eines Leitpfostens, 500 Meter vor dem Eigeltinger Ortsschild.

Ist die Radtour am Ende?

Es ist Samstagnachmittag, ich brauche noch fast zwei Stunden nach Hause, habe rund 34 Kilometer vor mir, mein Fahrrad hat nur noch ein Pedal – und ich ein gewaltiges Problem. Denn ein Fahrrad mit einem Pedal ist ungefähr so nützlich wie ein Esel mit drei Beinen oder ein Rührgerät mit einem Knethaken – da kommt man nicht weit. Jedenfalls nicht ohne Klickschuhe, mit denen man wenigstens ein Pedal ziehen und drücken könnte. Die schöne Radtour von Freiburg an den Bodensee via Bittelbrunn scheint in jenem Moment ein jähes Ende gefunden zu haben.

Ich denke, während ich angefressen auf dem Sattel sitzend leicht abschüssig gen Eigeltingen rolle, wer mich abholen könnte, wie wahrscheinlich es ist, dass es im Ort einen Fahrradladen gibt, der zudem auch noch am Samstagnachmittag geöffnet hat. Oder wie wohl ein Landwirt reagieren würde, wenn ich ihn rauswinkte und ihn fragte, ob er mein Rad auf einen Anhänger packt und mich nach Hause fahren könnte. Aber dann sehe ich Häuser – und klingele einfach mal.

Das könnte Sie auch interessieren

Erst Ablehnung und dann Glück

Wir können dir nicht helfen, heißt es beim ersten Haus. Tür zu. Beim zweiten ernte ich ebenfalls einen verwunderten Blick, daraufhin allerdings die Ansage, doch kurz zu warten. Also warte ich. Und kriege drei Minuten später einen kräftigen Handschlag. „Thomas“, stellt sich der Mann vor, der ohne Shirt und etwas verschlafen vor mir steht. „Das kriegen wir schon hin.“

Thomas Rothmund, heute 57 Jahre alt, hat sich damals einen Mittagsschlaf gegönnt, aus dem ihn seine zwei Jahre jüngere Frau Monika Schellhorn mir zuliebe gerissen hat. Ich fühle mich bisschen schlecht, schließlich kann ein Mittagsschlaf heilig sein. Aber Thomas meint, kein Ding, wenn Hilfe benötigt werde, unterbreche er gern sein Schläfchen. Wo klemmt‘s denn?

Thomas greift zu den Werkzeugen

Mmh, macht er nur, nachdem ich ihm das Problem geschildert und das kaputte Pedal gezeigt habe. Ein neues Pedal habe er nicht da, aber das würden wir schon hinkriegen, sagt Thomas und beginnt zu wühlen und zu kramen. Seine Garage wie eine Werkstatt: hier eine Batterie an Zangen, dort eine Armada an Schraubschlüsseln. Meinem Pedal sagt er den Kampf an.

Er bohrt es auf, sägt eine Gewindestange auf die richtige Länge, dreht diverse Muttern als Bolzenersatz auf die Stange, damit sie sich beim Fahren nicht mehr lösen können – als Handwerkernulpe verstehe ich nur Werkzeugkasten. Allerdings bin ich hellauf begeistert, als sich das Pedal nach einer Stunde wieder dreht, das Fahrrad sich wie ein fahrtüchtiges Gefährt anfühlt, mit dem ich mein Ziel erreichen kann – und das zwei Stunden später übrigens auch werde.

Thomas scheint zufrieden, Monika reicht mir ein kühles Wasser und füllt meine Flaschen auf. Sie winken zum Abschied und ich merke mir ihre Hausnummer. Wenige Wochen später, noch immer gerührt von dieser barmherzigen Tat der beiden Eigeltinger, schicke ich ihnen einen Dankesbrief, woraufhin sie mir zu Weihnachten antworten. In einer Zeitung in meiner Heimat berichte ich über dieses Erlebnis.

Was in der Folge passiert ist

Als ich sie kürzlich während einer erneuten Tour besuche, erzählen sie: In der Folge haben gleich drei Radfahrer bei ihnen am Haus angehalten, geklingelt und um Wasser gebeten. Scheint sich rumgesprochen zu haben. Sie sind auf dieser beliebten Radroute so etwas wie ein Geheimtipp für notdürftige Radfahrer geworden.

Für mich sind die beiden bis heute in bester Erinnerung geblieben: als selbstlose Helfer, die ohne mit der Wimper zu zucken rödeln und machen und tun, bis eine Sache wieder sitzt. Wenn ich an Eigeltingen denke, denke ich an Monika und Thomas.

Das könnte Sie auch interessieren