Eigeltingen/Singen/Radolfzell – Die Kunden in der Region haben es längst bemerkt. In diesem Jahr sind die Erdbeeren teurer und zwar deswegen, weil es weniger Erdbeeren auf dem Markt gibt. Schuld daran waren die außergewöhnlich kalten Nächte im April. Bei Minusgraden sind Blüten und Knospen der frühen Sorten im Freiland erfroren. Somit konnten die Erdbeerbauern weitaus weniger Erdbeeren ernten.

Wolfgang Hertell aus Eigeltingen hat einen Ernteausfall von insgesamt 50 Prozent zu beklagen. Er zählt mit 12 Hektar Erdbeer-Anbaufläche in Singen, Radolfzell, Tuttlingen und Eigeltingen zu den größeren Anbauern im Hegau. Der Nachtfrost im April hat besonders die jungen, einjährigen Bestände in Singen, Radolfzell und Tuttlingen zerstört. "Die Blüten und Knospen sind erfroren, obwohl sie zum Teil mit Doppelflies abgedeckt waren", sagt Hertell, der den Bruderhof 1994 übernommen hat und mit seiner Frau Katja bewirtschaftet. In Bereich Eigeltingen hätten sie Glück gehabt. "Hier haben wir ältere Pflanzen, die in der Lage waren, Blüten nachzuschieben, die trotzdem eine bestimmte Größe erreicht haben", erklärt Wolfgang Hertell. Denn wenn die Blüten zu klein seien, wachsen auch nur kleine Beeren und die wolle kein Kunde haben. "Somit haben uns die zweijährigen Pflanzen in diesem Jahr ein bisschen gerettet", resümiert Katja Hertell. Um das Risiko zu streuen, bauen Hertells so wie andere Erdbeerbauern Sorten mit einer frühen, mittleren und späten Ernte an. Der größte Teil sind Selbstpflückanlagen. Es gibt aber auch Korbware an den einzelnen Standorten und Hertells betreiben auf dem Bruderhof einen eigenen Hofladen.

"Bei uns gibt es nur das, was auf unseren Feldern wächst. Wir kaufen nichts dazu, und wir bedienen keinen Handel", beschreibt Wolfgang Hertell die Philosophie. Es geht ihm in erster Linie auch darum, dem Kunden die Regionalität vor Augen zu führen. Zehn verschiedene Sorten werden über die Saison verteilt angebaut. Die Kunden würden diese Auswahlmöglichkeit schätzen. "Denn Erdbeere ist nicht gleich Erdbeere", so Hertell.

Doch die Wetterkapriolen machen auch den Erdbeerbauern zunehmend zu schaffen. Durch die globale Erderwärmung beginnt die Vegetationsperiode früher im Jahr. Die Erntezeiten werden nach vorne verschoben. Dadurch sind die Pflanzen auch stärker von Frosteinbrüchen im Frühjahr betroffen. Wie werden Betriebe damit künftig umgehen? "Ein Teil des Anbaus wird im Tunnel verschwinden, um den Ertrag gegen mögliche Wetterkapriolen zu sichern. Wir selbst testen das gerade auch im kleinen Bereich", sagt Hertell. Das gehe aber nur in Bezug auf Korbware, Selbstpflückanlagen seien davon ausgenommen. Denn der geschützte Anbau unter Folie sei sehr arbeits- und kostenintensiv. Wolfgang Hertell sieht neben den Vorteilen von Wetterschutz und früherer Ernte zwei große Nachteile: Dass die Landschaft mit Plastik überzogen wird und dass die Freilandkulturen zunehmend verschwinden. Deshalb fordert der Berufsstand vom Staat eine Versicherungszuschussprämie, um die Bauern bei unvorhersehbaren Naturereignissen etwas abzusichern. Sohn Stefan, der gerade sein Abitur macht und noch nicht weiß, ob er den Hof übernehmen wird, betont: "Die Erdbeere ist ein Genussnahrungsmittel und kein Grundnahrungsmittel. Somit sollten dem Kunden auch Regionalität, Geschmack und Landschaftsschutz wichtig sein."

Erdbeeranbau

Bundesweit gibt es 13 000 Hektar Erdbeer-Anbaufläche, davon 1800 Hektar unter Tunnel. In den Nachbarländern setzte die Entwicklung zum geschützten Anbau früher ein. Spanische Erdbeeren sind fast komplett übertunnelt. In England wird für die Supermarktketten ebenfalls nur noch geschützt produziert. Auch in den Beneluxstaaten nimmt der Anteil geschützter Ware zu. In Baden-Württemberg beläuft sich die Erwerbs-Erdbeer-Anbaufläche nach Angaben des Ministeriums für Ländlichen Raum auf rund 2800 Hektar. Davon sind rund 100 Hektar im Folientunnel. Der Schwerpunkt des Tunnel-Anbaus liegt im badischen Landesteil und dort vor allem in der Ortenau. (ise)