Die Welt war auf eine besondere Weise zu Gast in Rorgenwies. Tankred Stöbe brachte mit Berichten aus dem Jemen, aus Gaza sowie aus Guinea, Sierra Leone und Liberia intensive emotionale Momente mit und zeigte die hässliche Seite von Krieg und Krankheit auf. In diesem Spannungsfeld waren die Besucher den ganzen Abend gefangen. Für Tankred Stöbe gibt die Arbeit als „Arzt ohne Grenzen“ seinem Leben eine Sinnhaftigkeit, ohne die er nicht mehr leben möchte.

Kein erhobener Zeigefinger

Darum passte der Titel des Abends „Warum sich das Ehrenamt lohnt.“ mit dem Untertitel „Erleben Sie ein Plädoyer von Dr. Tankred Stöbe“ sehr gut. Denn die Schilderungen des Arztes wurden zum flammenden Plädoyer. Seine Antworten auf die Fragen aus dem Publikum am Ende des Abends verstärkten dies noch. Weil er nicht mit erhobenen Zeigefinger daher kam – sondern mit einem Lächeln. Gerne übersehen wird der Punkt am Ende der Feststellung „Warum sich das Ehrenamt lohnt.“ Doch dieses Satzzeichen bestärkt die Aussage. Für Tankred Stöbe ist es einfach so, Punkt.

Sein Einsätze als Arzt ohne Grenzen schilderte er eindrücklich mit Bildern und Fakten. Er las auch aus seinem Buch „Mut und Menschlichkeit vor“. Zudem lernten ihn die Menschen aus einem Zwiegespräch mit Lorenz Aldinger kennen. Dieser hat den Abend in Rorgenwies überhaupt ermöglicht.

Er ist Physiotherapeut in dem Eigeltinger Teilort, wohnt dort und ist der dortigen Feuerwehrabteilung beigetreten. „Eine meiner Patientinnen zeigte sich beeindruckt, dass ich Tankred aus der Krankenpflegeausbildung in Hamburg kenne. Sie forderte mich heraus, dass ich doch einen Vortrag in Rorgenwies organisieren solle“, erinnerte er sich an den Initialfunken für die Veranstaltung.

Tiefe Verbindung zu Eltern und Patienten

Diese Freundschaft ist auch ein weiteres Plus beim ehrenamtlichen Engagement. Denn solche Freundschaften entstünden in vielen Organisationen und Initiativen, wussten die beiden. Tankred Stöbe war sich sicher: „Zu erleben, wie nah wir uns eigentlich sind, finde ich etwas ganz, ganz Schönes. Es gibt, glaube ich, kaum einen schöneren Kontext, um das wirklich hautnah selbst zu erleben, als die humanitäre Hilfe.“

Dabei erzählte er nicht nur von dankbaren Eltern und Patienten, zu denen im Verlauf der Behandlung eine tiefe Verbindung entstand. Ebenso war herauszuhören, wie intensiv die Zusammenarbeit der Helfer ist. Da war ganz schnell nicht mehr von „ich“ sondern von „wir“ die Rede.

Knapp hundert interessierte Zuhörer fanden den Weg nach Rorgenwies, um zu hören, was Tankred Stöbe über das Ehrenamt im Allgemeinen und seine Arbeit bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ im Speziellen zu sagen hatte.
Knapp hundert interessierte Zuhörer fanden den Weg nach Rorgenwies, um zu hören, was Tankred Stöbe über das Ehrenamt im Allgemeinen und seine Arbeit bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ im Speziellen zu sagen hatte. | Bild: Susanne Schön

Man komme auch in Länder, in die normale Reisende nicht kommen. „Wir arbeiten dort, wo von einer Anreise abgeraten und zur sofortigen Ausreise geraten wird.“ Der Philosoph Emmanuel Levinas habe ihn sehr beeinflusst, erklärt Tankred Stöbe und zitierte: „Ich bin verantwortlich für den Anderen, ohne Gegenseitigkeit zu erwarten. Direktheit des dem Tode-Ausgesetztseins und Befehl an mich, den Nächsten nicht im Elend sein zu lassen. Ich bin derjenige, der über die Mittel verfügt, um auf diesen Ruf zu antworten.“ Dabei stehe die Sicherheit der Helfer beim Umgang mit Krankheit und Gewalt im Vordergrund, betonte er immer wieder.

Verzweiflung war nur herauszuhören, wenn Tankred Stöbe über die Interaktion mit Regierungen spricht. So musste er erleben, dass, bis Deutschland und die Welt auf die Ebola-Epedemie reagierten, diese bereits wieder abebbte, als die Krankenhäuser gebaut wurden.

Das hochmoderne Zeltlazarett von „Ärzte ohne Grenzen„ stand dagegen in wenigen Tagen. Auch Gewalt ist schwer einzuschätzen: Sind die Konflikte privater Natur oder flammt der Krieg im Lazarett wieder auf? Da gelte es, Entscheidungen in Sekunden zu treffen. Es gebe keine Zeit, um zu diskutieren.

Es braucht nicht immer große Taten

„Wie gehen sie mit der fehlenden Nachhaltigkeit um?“, fragte ein Zuhörer. Denn kaum geheilt, warte am nächsten Eck wieder der Tod. „Das Nachhaltigste was ich machen kann, ist ein Kind retten“, lautete die einfache Antwort. Es sei dramatisch, dass viele Menschen während der Pflege stürben. Doch richte er den Blick auf die, die überlebt haben. Betont hat er in seinem Vortrag auch immer wieder, dass die Helfer die Freiheit hätten zu gehen. In Gaza beispielsweise gäbe es solche Perspektiven für die Menschen nicht.

Es brauche nicht immer große Taten, war sich Lorenz Aldinger sicher: „Schaut nacheinander, helft den Schwachen und pflegt die Nachbarschaft!“, waren seine Schlussworte.

Person und Organisation

  • Tankred Stöbe wurde 1969 in Nürnberg geboren und ging in Marburg und Überlingen zur Schule. Danach reiste er durch Australien, Neuseeland sowie die Fidschi-Inseln und begann eine Krankenpflegeausbildung an der Universitätsklinik in Eppendorf, bevor er in Greifswald, Wien, Berlin und Witten-Herdecke Medizin studierte. Für Praktika ging er nach Kenia, Lesotho, Indien und die USA. Seit 2004 ist er Facharzt für Innere Medizin, Intensivmedizin und leitender Notarzt in Berlin. Für „Ärzte ohne Grenzen“ hatte er seit 2002 Projekteinsätze in 17 Ländern. Er war sieben Jahre lang Präsident von „Ärzte ohne Grenzen Deutschland“ und ist seit 2015 auf internationaler Ebene Mitglied im Vorstand der Organisation. Die Bundesärztekammer zeichnete ihn mit der Paracelsus-Medaille aus.
  • Ärzte ohne Grenzen: 1971 wurden die „Médecins Sans Frontières“ in Paris gegründet. In dem weltweiten Netzwerk arbeiten heute 24 nationale und regionale Mitgliedsverbände zusammen. Die deutsche Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ wurde 1993 als gemeinnütziger Verein gegründet. Zehn Jahre später wurde eine Stiftung gegründet. Die Organisation wird aktiv, wenn das nationale Gesundheitssystem den Menschen bei bewaffneten Konflikten, den Folgen von Flucht und Vertreibung, bei Epidemien und Naturkatastrophen nicht mehr helfen kann. Dazu braucht es nicht nur Ärzte und andere Helfer aus dem Gesundheitssystem, sondern auch Handwerker und Bürokräfte. Willkommen sind natürlich auch Spenden, um die humanitäre Hilfe auf hohem Niveau weiterführen zu können.