Wie grausam die bessere Gesellschaft in den Jahren um 1887 mit Frauen umging, die ihren Ehemann verlassen haben, hat Schriftsteller Lukas Hartmann in seinem Roman "Ein Bild von Lydia" eindrücklich dargestellt. Im Saal der Alten Rheinmühle hat er am Donnerstagabend aus seinem Roman gelesen – und den über Hundert Zuhörern mitgeteilt, dass sich einst Theodor Fontane für die wahre Liebesgeschichte von Lydia Welti-Escher (1858–1891), Tochter des Gotthard-Königs Alfred Escher und damals reichste Frau der Schweiz, und dem Kunst- und Portraitmaler Karl Stauffer-Bern (1857–1891) interessierte.

Fontane habe die Geschichte dann doch nicht geschrieben, "wahrscheinlich, weil es am Ende kein Pistolenduell gibt", vermutete Lukas Hartmann. In "Effi Briest" konnte Fontane seinen Ehebruch-Roman mit einem Duell enden lassen.

Knisternde Spannung auch ohne Pistolenduell

Er, Lukas Hartmann, hätte den tragischen und traurigen Stoff auch nicht aufgenommen, wenn er nicht auf die Geschichte des Zimmermädchens der Tochter des Eisenbahnbarons Escher gestoßen wäre. In aktueller Zeit sind gleich einige Autorinnen und Autoren darauf gekommen, die wahre Geschichte der Lydia Escher zu erzählen, doch Lukas Hartmanns Roman ist speziell, denn er, der Meister des historischen Romans, beleuchtet die Tragödie aus Sicht des Zimmermädchens Marie Louise Gaugler.

Hartmann ist ein vorzüglicher Rezitator

Das war in der Alten Rheinmühle spannend anzuhören. Hartmann erwies sich nicht nur als hervorragender Schriftsteller; auch als mündlicher Erzähler ist er ein großer Künstler. Die Zuhörer folgten gebannt seinen Schilderungen, es war mucksmäuschenstill im Saal.

Das Publikum forderte eine Art Zugabe, als Hartmann seine Lesung aus Zeitgründen abbrechen wollte. Der Autor gewährte sie dem Publikum, indem er, quasi als Kontrastgeschichte, die Geschichte anfügte, wie das Zimmermädchen Louise zu seiner großen Liebe und Heirat fand.

Der organisierende Büsinger Frauenverein wurde bei dieser "Erzählzeit"-Lesung von großem Besucheransturm – viele Gäste kamen aus Schaffhausen – angenehm überrascht. Sogar Bürgermeister Markus Möll betätigte sich als Stühleschlepper. Ursula Barner stellte den Autor ausführlich und mit Humor vor, was Hartmann zur Frage veranlasste: "Bin ich der?" und dann anfügte: "Ja, auch..."