Die Hochrhein-Exklave Büsingen, das deutsche 1300-Seelen-Dorf inmitten der Schweiz, findet immer wieder bundesweit Beachtung. Im März richten sich die Blicke aus Bund und Land auf das vor dreieinhalb Jahren in Betrieb genommene Nahwärmenetz. Die Kombination von Bioenergie und Solarthermie gilt bis heute als innovativ. 107 Haushalte, so wie alle öffentlichen Gebäude, werden über ein sechs Kilometer langes Nahwärmenetz mit klimafreundlicher, erneuerbarer Wärme versorgt.

Für dieses erfolgreiche Projekt zeichnet die Agentur für Erneuerbare Energien Büsingen heute als Energie-Kommune des Monats aus. „Durch den Betrieb der Holzhackschnitzelanlage in Kombination mit Solarwärme gelingt es dem Bioenergiedorf Büsingen rund 450 000 Liter Heizöl und 1200 Tonnen Kohlendioxid jährlich einzusparen“, erläutert Nils Boenigk, stellvertretender Geschäftsführer der Agentur für Erneuerbare Energien, die Auszeichnung.

Im Bioenergiedorf Büsingen wurde im Juli 2013 erstmals auch ein kleines Feld mit Kollektoren für Solarthermie in Betrieb genommen. Archivbild.
Im Bioenergiedorf Büsingen wurde im Juli 2013 erstmals auch ein kleines Feld mit Kollektoren für Solarthermie in Betrieb genommen. Archivbild. | Bild: sgr

Dabei gerät das Dorf nicht nur in den Blickwinkel der Umweltschützer. Auch Wirtschaftsinitiativen haben den Mehrwert des vom Singener Bürgerunternehmen Solarcomplex betriebenen Wärmenetzes erkannt. Am kommenden Dienstag, 7. März, hat sich der CDU-nahe Wirtschaftsrat (WIR) angekündigt, um das Bioenergiedorf Büsingen kennen zu lernen. "Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, Deutschlands Energieversorgung grundlegend von nuklearen und fossilen Brennstoffen auf regenerative Quellen umzustellen", erklärt WIR-Sektionssprecher Dietmar Vollmer. Gemeinsam mit Vertretern der Sektion Hochrhein will er erfahren, mit welchen Technologien das Ziel erreicht werden kann, bis 2025 etwa 40 bis 45 Prozent der Energie aus erneuerbaren Rohstoffen zu gewinnenen.

"Das stellt die Wirtschaft vor zahlreiche Herausforderungen", weiß Vollmer. Solarcomplex habe reichlich Erfahrung bei der Suche nach Lösungen. "Sie plant, baut und betreibt Anlagen zur Strom- und Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien", verweist Vollmer auf das ehrgeizige Ziel des Unternehmens, bis 2030 die Energieversorgung in der Bodenseeregion weitgehend auf regenerative Energie umzustellen.

Zahlreiche Modellprojekte dazu laufen seit vielen Jahren überaus erfolgreich. Eines davon ist das Bioenergiedorf Büsingen, das mehrfach mit überregionalen Preisen ausgezeichnet wurde. Unternehmensgründer undVorstand Bene Müller führt die Wirtschaftsratsmitglieder durch das Bioenergiedorf und erklärt, wie eine regionale Energiewende bis 2030 technisch und finanziell machbar sein kann.

Grundlage für das Projekt war die Bereitschaft der Gemeinde, die eigene Energieversorgung klimafreundlich auszurichten. „Wir wollten für die Zukunft gewappnet sein, indem wir die Nutzung fossiler Ressourcen vermeiden“, betont Bürgermeister Markus Möll. Die Gemeinde beauftragte unter Mölls Vorgänger – dem damaligen Bürgermeister gunnar Lang – mit Solarcomplex ein Unternehmen aus der Region mit Planung, Bau und Betrieb von Anlagen und Nahwärmenetz. Die frühzeitige Einbindung der Bürger war wichtig, um eine hohe Beteiligung und Anzahl von Hausanschlüssen zu garantieren. Sie hat aber auch Kritiker auf den Plan gerufen. Heftig wurde damals um die Vor- und Nachteile der Idee gerungen. Insbesondere das Argument der Kaufkraftbindung vor Ort durch das Nahwärmnetz hat die Bürger in Büsingen letztendlich überzeugt. "Zustimmung entstand, da die Energiekosten in die regionale Kreislaufwirtschaft fließen", erklärt Solarcomplex Vorstandssprecher Bene Müller.

Das Nahwärmenetz in Büsingen ist seit 2012 in Betrieb, die Solarthermieanlagen wurden 2013 angeschlossen. Ein über 1000 Quadratmeter großes Solarthermie-Kollektorfeld erzeugt zwölf Prozent der Wärme. "Vorwiegend für den Bedarf im Sommer", so Müller.

Der größte Teil der Vakuumröhrenkollektoren befindet sich auf zwei Freiflächen. Als innovative Lösung wurden zusätzlich auf der Fassade der Heizzentrale Kollektoren installiert. Die restlichen 88 Prozent Wärme stellt ein Hackschnitzelheizwerk mit einer Leistung von 1350 Kilowatt zur Verfügung. Zwei Speicher mit der Kapazität von je 50 Kubikmetern Warmwasser unterstützen die Versorgung. So ist es möglich, dass die Solarthermieanlage im Sommer das Heizen mit Holz entlastet. Der Holzbedarf der Gemeinde Büsingen wird pro Jahr um viele Kubikmeter Holz gesenkt und ermöglicht so Einsparungen bei den Betriebskosten. Die Solarthermie vermeidet unwirtschaftliche Teillastbetriebszustände und schafft Zeit für Wartungen an der Holzhackschnitzelheizung.

Profitieren konnte die Kommune von Förderungen durch das Land Baden-Württemberg aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) und einem zusätzlich KfW-Darlehen Teilschulderlass. Der restliche Anteil wurde aus dem Aktienkapital des Betreibers finanziert. "Die Investitionskosten für das Tandem von Bio- und Solarenergie sind gegenüber dem Heizen mit nur einem System erst einmal höher", beschreibt Müller. Jedoch lasse sich bei den Brennstoffkosten hohe Einsparungen erzielen. Zudem waren durch den Mengeneinkauf die technischen Komponenten und die Montage der Solaranlage günstiger.

Bürgermeister Möll ist sich auch mit Blick auf die Zukunft sicher: „Die Investitionen in ein Nahwärmenetz auf Basis von erneuerbaren Energien müssen immer langfristig betrachtet werden. Auch bei derzeit niedrigen Gaspreisen zeigt die Vollkostenrechnung, dass die Erneuerbaren nicht teurer sind. Gleichzeitig profitiert die Gemeinde ökologisch enorm von den positiven Effekten dieses Projektes“.

Auch für andere Kommunen bietet sich Büsingen mit der hier praktizierten Verknüpfung von den beiden regenerativen Wärmetechnologien Solarthermie und Bioenergie als gutes Vorbild an. Die Übertragbarkeit der Strategie in Büsingen zeigt sich bereits bei weiteren Projekten, die derzeit in der Region geplant werden: Das Nahwärmenetz in Randegg, welches derzeit über Holzhackschnitzel versorgt wird, wird nun um eine Solarthermieanlage mit einer Fläche von 2000 Quadratmetern ergänzt.

Drei Aspekte der Anlage

  1. Welche Investitionen wurden für das Bioenergiedorf getätigt: 3,5 Mio. Euro wurden für das Bioenergiedorf Büsingen investiert. 2012 hat Solarcomplex die Anlage in Betrieb genommen. 2013 folgte die Solarthermie. Das Wärmenetz umfasst 5,8 Kilometer Leitungen und einen 100 000 Liter Pufferspeicher. Die Einsaparungen an Kohlenstoffdioxid (CO2) geben die Betreiber mit 1200 Tonnen pro Jahr an.
  2. Wie oft wurde die innovative Anlage ausgezeichnet: 2014 gab es den Preis "Haus.Häuser.Quartiere //Wohnen nachhaltig gestalten" der Baden-Württembergischen Bausparkassen in Partnerschaft mit der Landesregierung in der Kategorie Ressourcenschonende Siedlungsentwicklung und überdies den renommierten Georg-Salvamoser-Preis für Wegbereiter und Pioniere der Energiewende, die sich mit innovativen Projekten für eine 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung engagieren. 2012 erhält Solarcomplex für das Bioenergiedorf Büsingen vom Umweltministerium Baden-Württemberg einen Förderzuschuss von 100 000 Euro. Jetzt kommt der Preis der Agentur für Erneuerbare Energien dazu.
  3. Was sind die Aufgaben der Agentur für erneuerbare Energien: Die Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) leistet Überzeugungsarbeit für die Energiewende. Ihre Aufgabe ist es, über die Chancen und Vorteile einer nachhaltigen Energieversorgung auf Basis Erneuerbarer Energien aufzuklären. Gefördert durch Mittel des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft informiert die AEE über die Rolle der Bioenergie im Wärmesektor und die Nutzung von Bioenergie als heimische, erneuerbare Wärmequelle.