In den Orten und Innenstädten sieht es traurig aus: Viele Geschäfte haben geschlossen oder dürfen nur eingeschränkt öffnen. Für die Friseure hatte der zweite deutschlandweite Lockdown am 1. März ein Ende.

Zuvor durften sie seit 16. Dezember keine Kunden mehr bedienen. Nun erstattet ihnen der Staat mit der Überbrückungshilfe III anteilige Fixkosten. Zwei Friseure vom Seeende erzählen, wie es ihnen und ihren Betrieben aktuell geht.

Dankbar für die Unterstützung

Birgit Grießhammer, Inhaberin des Salons „Symphonie der Haare“ in Ludwigshafen, ist zunächst einmal dankbar für die Unterstützung, diese sei nicht selbstverständlich. Doch sie übt auch Kritik: „Wie es dargestellt und politisch genutzt wird, stimmt es nicht. Es wird anders kommuniziert, als es am Ende rauskommt.“

Im Dezember konnte sie ihre Fixkosten noch bezahlen. Für Januar und Februar habe ihr Steuerberater einen Betrag von insgesamt rund 7300 Euro errechnet. „Von diesem Geld erhält der Steuerberater über 1000 Euro. Und bis heute habe ich nur einen Abschlag über knapp die Hälfte des Geldes bekommen“, so Birgit Grießhammer.

Sie empfindet diese Zahlungen als reines Ruhigstellen der Menschen nach dem Motto: „Wir geben euch das Geld, dafür haltet ihr den Mund.“ Immer werde empfohlen, mit dem Vermieter oder der Bank zu sprechen, um Zahlungen auszusetzen. „Damit senke ich die Fixkosten, aber im Endeffekt zahlt mir dadurch der Staat weniger und hintendran kommt ein Rattenschwanz, denn ich muss alle ausstehenden Kosten ja trotzdem irgendwann zahlen.“

„Die Abbuchungen laufen weiter“

Birgit Grießhammer erzählt weiter, dass dem Antrag auf Überbrückungshilfe III auf Empfehlung ihres Steuerberaters ein Schreiben beilag, das einer Selbstanzeige gleichkomme. „Man stimmt zu, dass geprüft wird, ob man im ersten Lockdown zu viel Geld bekommen hat.“ Die damaligen Anträge konnten die Gewerbetreibenden selbst stellen, das Geld kam schnell und unbürokratisch. Jetzt müssen Fachleute diese Arbeit erledigen.

Der Abschlag kam nach etwa zwei Wochen, seither wartet sie. „Die Abbuchungen laufen weiter. Also muss man zur Bank gehen und die teuren Kontokorrentkredite ausweiten, um die Mitarbeiter zahlen zu können. Es kommt immer mehr zusammen, ich muss ja selbst auch leben.“

Unruhe bei den Kunden ist groß

Der zweite Lockdown war richtig teuer, so Grießhammer. Längst könne keine Rede mehr davon sein, Rücklagen zu bilden. „Ich versuche, bestehende Löcher nicht größer werden zu lassen.“ Dafür habe sie sechs Tage die Woche jeweils 13 oder 14 Stunden lang gearbeitet. „Es funktioniert nicht anders, wenn man uns immer wieder zurückwirft. Diese Löcher werden uns ewig begleiten.“

Die Unruhe bei den Kunden sei groß, das Telefon läute ständig. Unter Kollegen werde diskutiert, ob man die Preise erhöhen solle. Sie tue das nicht, denn viele hätten finanzielle Sorgen durch die Lockdowns. Und sie erlebe, wie wichtig den Leuten ein Friseurbesuch ist. „Sie haben sich dadurch ein Stück weit lebendig gefühlt. Jetzt haben sie Angst, dass ihnen das Letzte wieder genommen wird. Das kann es nicht sein.“

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Anfang des Jahres habe sie erstmals an sich selbst gezweifelt und ihren Beruf, den sie leidenschaftlich gern ausübt, infrage gestellt. Sie bemängelt, dass Deutschland nichts dazugelernt habe. Andere Länder hätten andere Konzepte, mit der Brechstange funktioniere es nicht. „Warum übernimmt man gute Konzepte nicht? Wer arbeitet da dagegen? Das hinterfragen die Leute und das ist gut so.“ Sie vermisst eine vernünftige Strategie, die eine Perspektive und Planbarkeit ermöglicht.

Kein Geld für Lebenshaltung

Ähnlich geht es Mitko Schelle, der seit 14 Jahren das „1a Haarstudio“ in Bodman führt. Er fragt: „Warum haben die in der Regierung so ein großes Mundwerk, wie viele Hilfsgelder sie bezahlen? Niemand hat was gekriegt, wo gehen die Gelder hin? An die großen Konzerne.“ Der ihm mit der Überbrückungshilfe III zustehende Betrag von 1800 Euro decke nicht einmal die Mietkosten vom Laden, sagt er.

Mitko Schelle vom 1a Haarstudio in Bodman droht nach eigenen Worten die Insolvenz. Eine weitere Schließung werde sein Salon nicht überstehen.
Mitko Schelle vom 1a Haarstudio in Bodman droht nach eigenen Worten die Insolvenz. Eine weitere Schließung werde sein Salon nicht überstehen. | Bild: Claudia Ladwig

„Es werden nur betriebliche Kosten einbezogen, keine Privatkosten für Lebenshaltung, Krankenversicherung oder Miete. Ich habe das Gefühl, die zerstören uns kleine Betriebe.“ Dabei sei es bisher gut gelaufen. „Im letzten Jahr war es toll. Vom Linde-Areal kommen alle zu mir.“ Jetzt würden Termine verschoben oder ganz abgesagt, weil die Kunden Angst vor einer Ansteckung hätten.

„Mit meinen Nerven am Ende“

Der Friseurmeister wird ganz deutlich: „Ich nehme inzwischen Antidepressiva und bin mit meinen Nerven am Ende. Wenn ich nochmal zumachen muss, kann ich nicht mehr aufmachen. Ich stehe kurz vor der Insolvenz.“

Dabei liebe er seinen Beruf und die Kunden bettelten ihn geradezu an, dazubleiben. „Aber wie soll das gehen?“, fragt er und hat einen Plan B für den schlimmsten Fall im Kopf: Dann werde er nur noch mobil und im Altersheim in Singen Haare schneiden. Dabei hatte er eigentlich vor, noch drei Jahre in seinem Salon zu arbeiten.

Ihm droht der finanzielle Ruin

Das war allerdings, bevor ihm der finanzielle Ruin drohte, wie er es beschreibt. Er zählt auf: Novemberhilfe habe er nicht bekommen, weil er geöffnet hatte und ein Drittel des normalen Umsatzes erzielt habe. Wegen eines Kleinstgewinnes habe er auch die Überbrückungshilfe II nicht erhalten. Im vergangenen Jahr habe er einmalig 9000 Euro vom Staat bekommen, aber das jetzige Konzept sei ganz anders.

Um wieder Geld zu verdienen, habe er im März gleich drei Wochen lang an sechs Tagen gearbeitet. Der Kalender war voll. Auch den Senioren im Altersheim habe er die Haare geschnitten, 100 Leuten hintereinander. Dennoch sei sein Konto überzogen. Er fragt: „Wann kommen die Hilfsgelder endlich dahin, wo sie gebraucht werden?“ Trotz seiner persönlichen Notlage ist ihm jedoch eines wichtig: „Dieser Aufruf soll ein Hilferuf sein. Ich spreche hier auch für die Boutiquen und die kleinen Läden. Und auch die Gastronomie leidet enorm.“