Ein Buch zu schreiben, war das innigste Verlangen von Thea Emler, die in Bodman-Ludwigshafen lebt. Dass sie es tun würde, hatte sie schon im Jahr 2017 angekündigt, im Rahmen eines Prozesses, in dem es um ein grauenhaftes Ereignis ging: den Mord an ihrem 28-jährigen Sohn Tobias (Name geändert) in München-Haar durch dessen damalige Freundin Hilde (Name ebenfalls geändert) mit einer bestialischen Tatwaffe – einer Kreissäge.

Das Buch heißt „Und er war doch mein Sohn“, und es thematisiert die Biografie einer Frau, die an dem Erlebten und ihren Schmerzen beinahe zerbrach, jedoch all ihren Mut und ihre Kraft zusammennahm, um die Ereignisse zu Papier zu bringen. Das Buch ist auch ihre nachträgliche Aussage in einem Mordprozess, in welchem sie nicht einmal als Nebenklägerin partizipieren, sondern nur als Zuschauerin hatte dabei sein dürfen. Denn Thea Emler hatte 1980 ihren damals drei Monate jungen Sohn zur Adoption freigeben müssen. Und damit hatte sie auch alle mütterlichen Rechte abgegeben.

Rätselhafter Anruf war letztes Lebenszeichen

Fakt ist, dass Tobias über acht Jahre lang als vermisst galt, von 2008 bis 2016. Kurz vor Weihnachten 2008 hatte Thea Emler ihn zum letzten Mal am Telefon gesprochen. Er habe angerufen, weil er von ihr 20.000 Euro haben wollte, für Hilde, wie er behauptet hatte, „um sich in ihrem Haus einzukaufen“. Thea Emler hatte sich 48 Stunden Bedenkzeit erbeten, für sie gab es noch Unklarheiten. Aber er habe sich danach nie wieder gemeldet und weder sie noch der Adoptivvater hätten ihn erreichen können. Als Hilde behauptete, Tobias sei mit einer anderen Frau durchgebrannt, lag seine zerschnittene Leiche wohl bereits auf dem Dachboden, in dessen ehemaligem Zimmer.

Sie habe schnell gespürt, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, sagt Thea Emler. Aber: „Ich konnte nichts machen. Denn als Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigegeben hat, waren mir die Hände gebunden.“ Zwar habe der Adoptivvater eine Vermisstenanzeige aufgegeben und einen Privatdetektiv beauftragt. Dies habe er jedoch lediglich aus dem Grund getan, damit er Tobias den Unterhalt habe streichen können, meint Thea Emler. Herausgefunden wurde damals nichts. Die damalige Aussage der Polizei sei gewesen: „Tobias ist volljährig und kann machen was er will“ – mehr sei nicht geschehen.

Erst nach acht Jahren kam die Tat ans Licht

Aufgedeckt wurde das Verbrechen erst 2016. Thea Emler erzählt: „Eine Freundin von der Hilde hatte in Konstanz gelebt und die hatte um drei Ecken vom Freund des neuen Lovers erfahren, dass auf dem Haus ein Geheimnis liege und ging sofort zur Polizei.“ Die Polizei habe dann das Haus gestürmt und Hilde sei auch dort gewesen. Bei Nachfrage, wo Tobias sei, habe sie nur auf den Komposthaufen gezeigt. Thea Emler erzählt: „Ich saß ich in der Badewanne und da kam der Anruf von dem Adoptivvater. Ich wusste sofort, was Sache war, ich sagte zu ihm Tobias ist tot, Hilde hat ihn umgebracht.“ Mit Hilde habe sie nie „warm werden können“, diese sei abweisend gewesen und kalt.

Aber wie war es dazu gekommen, dass Tobias, bereits im Jahr 2008, von dessen Lebensgefährtin Hilde auf solch schauderhafte Weise ermordet wurde? Den Grund für den Mord kann auch Thea Emler nicht nennen. Sie kann nur versuchen, nachzuvollziehen, was damals vorging, als Hilde, offenbar im Rahmen eines sexuellen Fesselspiels, zur Kreissäge gegriffen und Tobias getötet hatte.

Beim Prozess konnte sie nur von außen zuschauen

Im Prozess seien, so sagt sie, die Gründe und Ereignisse „verdreht worden“, sodass am Ende Hilde quasi als Opfer dagestanden habe und die Tötung von Tobias so etwas wie eine natürliche Reaktion gewesen sei, um sich von dem gewalttätigen Mann zu befreien. Wohl darum habe diese auch nur so wenige Jahre Haft bekommen. Und das eigentliche Opfer, Thea Emlers Sohn Tobias, sei hingestellt worden wie ein brutales Monster.

Auch Tobias Adoptiveltern hätten kaum zu einer „guten Aufklärung“ der Fragen beitragen wollen. Denn, so vermutet Thea Emler, in deren Sinne sei es gewesen, „das unliebsame Ereignis möglichst schnell über die Bühne zu bringen, um wieder Ruhe in ihr Leben einkehren zu lassen“.

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Die Täterin kam mit zwölfeinhalb Jahren Haft davon, wegen Totschlags, da man ihr nach Ansicht des Gerichts keine Heimtücke habe nachweisen können. Revision? Keine Chance. Thea Emler konnte alles nur ansehen und gehen. Doch dieses Buch, in welchem sie meist relativ nüchtern, teilweise aber auch zutiefst emotional davon erzählt, wie alles gekommen sei, ist ihre persönliche Abrechnung mit allem und allen.

Es ist sowohl eine Biografie, aber auch ein Mut-Mach-Buch für Frauen, die ebenfalls ihr Kind zur Adoption freigeben mussten. Und es ist Thea Emlers Versuch, ihrem toten Sohn Rehabilitation zu schenken. Am 24. April wäre er 42 Jahre alt geworden.