Wer ein Fan mittelalterlicher Burgen ist, kommt in unserer Region auf seine Kosten: „Im Hegau gibt es die größte Burgendichte in Deutschland. 400 Burgen lassen sich hier zählen, davon stammen 240 aus dem Mittelalter“, sagt Burgenforscher Michael Losse, Autor diverser Schriften und wissenschaftlicher Beirat des Deutschen Burgenvereins. Unter dem Titel „Die Ritterburgen des Höhgaus – Mittelalterliche Burgen zwischen Verklärung, Klischees und Realität“ referierte er zu seinem Thema im Seeum in Bodman. Der Vortrag war durch den Förderverein Museum Bodman-Ludwigshafen zustande gekommen, der auch ein Geschichtsverein ist. Der Vorsitzende des Vereins, Wilderich Graf von und zu Bodman, und seine Stellvertreterin Ute Weimann begrüßten die Zuhörer.

Doch nicht nur der Hegau allgemein ist besonders burgenreich. Graf Bodman ging in seiner Eingangsrede auf die Gegend am westlichen Ende des Überlinger Sees ein: „Die Region um Ludwigshafen und Bodman ist eine der burgenreichsten Regionen des Hegaus.“ Beispielsweise gab es die Kaiserpfalz Bodman, das Schloss Unterbodman und es gab eine schlichte Burg, wo jetzt der Frauenberg ist. Allein um Bodman-Ludwigshafen sind 13 Burgen und Schlösser nachgewiesen, und drei weitere Plätze, die noch nicht nachgewiesen sind, werden vermutet.

Organisatoren mit Gastredner: Ute Weimann, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Museum Bodman-Ludwigshafen, Wilderich Graf von und zu Bodman, Vorsitzender des Vereins, und Burgenforscher Michael Losse (rechts).
Organisatoren mit Gastredner: Ute Weimann, stellvertretende Vorsitzende des Fördervereins Museum Bodman-Ludwigshafen, Wilderich Graf von und zu Bodman, Vorsitzender des Vereins, und Burgenforscher Michael Losse (rechts). | Bild: Constanze Wyneken

Doch was hat es nun mit all diesen Burgen auf sich? Anhand unzähliger Fotos, reproduzierter Grafiken, Zeichnungen und Gemälden brachte Losse seinem Publikum etliche, mit Burgen zusammenhängende Fakten näher. So lernte man zum Beispiel, dass viele Darstellungen von Burgen bis in die heutige Zeit übersteigert sind – sei es aus romantischen Gründen, um eine längst vergangene Epoche zu verherrlichen oder um eine Landschaft besonders beeindruckend erscheinen zu lassen.

Im Hegau gibt es Adelsburgen (allen voran die Festung Hohentwiel), niederadlige Burgbauten auf Dörfern (Möggingen oder Steißlingen), Herrschaftstürme (der Alte Turm in Aach), Kirchenburgen (Weiterdingen), Wasserburgen (Schloss Marbach in Öhningen) und Höhlen- und Grottenburgen (Heidenhöhlen). Auch unerwartete Burgenkonstruktionen wie Holz- und Erdburgen sind im Hegau zu finden, wobei man bei diesen nicht genau datieren kann, ob sie aus dem Mittelalter, aus der Keltenzeit oder der Vorgeschichte stammen, erklärte Losse. Und: Schon damals entsprach nicht alles, was gebaut wurde, auch den Gesetzen – denn es gab auch im Mittelalter schon strenge Bauvorschriften, die, wenn sie nicht eingehalten wurden, auch ab und zu dazu führten, dass eine Burg wieder niedergerissen wurde.

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Der Zahn der Zeit nagte an allen Burgen und so begann im 17. Jahrhundert, etwa zeitgleich mit dem 30-jährigen Krieg, das große Burgensterben, wie die Burgenforschung es tituliert. Vielfach holte sich die Dorfbevölkerung Baumaterial von den alten Burgen, um damit Dorfgebäude zu sanieren – vollkommen ohne Reue oder das Bewusstsein, etwas geschichtlich Wertvolles zu zerstören. Dieses Bewusstsein wurde erst im 19. Jahrhundert wieder mit der Romantik wach, in der das Mittelalter zu einem Ideal stilisiert wurde, erläuterte Losse. Ab der Romantik wurden Burgen auch wieder aufgebaut, ausgebaut oder gar neugebaut. Dies geschah zum Beispiel beim Scheffelschlössle auf der Mettnau in Radolfzell oder dem Schloss Neuschwanstein im Allgäu. Schließlich ging es auch noch um das Alltagsleben der Ritter und Burgfräulein – beispielsweise um die Frage, was diese als Toilettenpapier benutzten. Kohlblätter oder Heu ist die Antwort, erklärte Losse.

Prominentes Beispiel für eine Ritterburg in der weiteren Region: Die Ruine auf dem Singener Hohentwiel. Dabei handelt es sich um eine Adelsburg.
Prominentes Beispiel für eine Ritterburg in der weiteren Region: Die Ruine auf dem Singener Hohentwiel. Dabei handelt es sich um eine Adelsburg. | Bild: Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg, Achim Mende

Und wer bis jetzt nicht wusste, wie eng mittelalterliche Ritterburgen und Heavy-Metal-Musik beieinander liegen, der konnte bei einer Veranstaltung im Seeum auch etwas lernen. Denn Burgenforscher Losse, bekennender Anhänger des harten Musikstils entsprach auch in seinem Äußeren überhaupt nicht dem Klischee davon, wie man sich einen gelehrten (Kunst-)Historiker gemeinhin so vorstellt – obwohl er nun mal einer ist. Als Präsent erhielt er vom Förderverein des Museums einen „Schlauch voll Wein“, wie man im Mittelalter gesagt hätte. Denn auch so ein Ritter trank laut den Chroniken mitunter bis zu fünf Liter Wein am Tag. Und schließlich war auch eine Ritterrüstung eindeutig aus schwerem Metall (Heavy Metal) gefertigt.

Der Verein

Der Förderverein des Museums Bodman-Ludwigshafen wurde vor elf Jahren gegründet. Der Vorsitzende ist Wilderich Graf von und zu Bodman. Die stellvertretende Vorsitzende ist Ute Weimann. Der Verein hat mehr als 170 Mitglieder. Bereits seit mehr als 15 Jahren läuft die Planung für ein Museum in Bodman. Die Pläne waren auch dieses Jahr mehrfach Thema im Gemeinderat. Es gibt nun eine Arbeitsgruppe mit mehreren Ratsmitgliedern. Diese Gruppe beschäftigt sich mit Details der Planung und soll diese im Februar im Rat präsentieren. Graf Bodman ist Teil dieser Gruppe. Infos im Internet unter http://www.fvm-bl.de (sk)