Archäologische Funde bei Bodman haben es in sich: Sie belegen, dass es dort bereits 700 Jahre früher Siedlungen gegeben hat, als bisher angenommen. Das sei "wissenschaftlich fulminant", sagte Kreisarchäologe Jürgen Hald bei einem Vortrag über die Entdeckung in Bodman. Denn in Kombination mit weiteren Entdeckungen am Untersee und Überlinger See könne so die Besiedlung weiter zurückdatiert werden und lege des Schluss nahe, dass diese um das Jahr 5000 vor Christus am See dicht gewesen sei.

"Am See" bedeutet für das Neolithikum (Jungsteinzeit) aber etwas anderes als heute. Damals war der Seestand höher als heute – etwa bis dorthin, wo heute die 400-Meter-Höhenlinie über dem Meeresspiegel verläuft. Das Ufer reichte so zum Beispiel bis an Espasingen heran oder verlief mitten durch das heutige Bodman, erklärte Hald mithilfe einer Karte. Land begann vor mehreren tausend Jahren in Bodman kurz vor den Fundstellen aus verschiedenen Epochen (siehe Grafik). Frühere Siedlungen waren damit wortwörtlich nahe am Wasser gebaut. Dementsprechend lautete so auch der Titel des Vortrags mit mehr als 100 Besuchern.

Bevor die ersten Erkenntnisse der neuesten Funde die bisherigen in ihrem Alter übertrafen, waren die Pfahlbau-Reste unter Wasser im Bereich Weiler (3900 bis 4000 vor Christus) beim Strandbad "die ältesten Belege für eine dauerhafte Besiedlung um Bodman", erklärte Hald. 2009 begann die Erschließung des Gewerbegebiets und 2012 gab es baubegleitende Beobachtungen. Schon damals gab es Überraschungen und Funde, die älter als vorherige waren. 2017 starteten dann die Untersuchungen der Fläche, auf der eine Obstbauhalle entstehen soll. Hier kamen die Funde von 4700 vor Christus zu Tage. Hald bedankte sich hier ausdrücklich für die gute Zusammenarbeit mit dem Haus Bodman. Es sei nicht selbstverständlich, dass Bauherren so offen seien und Kosten tragen.

Auf den dem aktuellen Areal hätten die Archäologen direkt hinter den Baggern her gearbeitet, die in regelmäßigen Abständen Flächen für die Untersuchungen freilegten. Die Vermessung und Kartierung von Funden läuft dann sowohl am Boden, als auch in der Luft: Auf der Erde bekommt jeder Fund eine Markierung mit Sprühfarbe und eine Drohne erfasst die Lage aller Funde auf Fotos. So sehen die Experten später, wo und wie die Überreste von Pfosten Grundrisse von einstigen Häusern bilden und können einen komplexen Siedlungsplan erstellen, erklärte Hald in seinem Vortrag. Bisher gab es auf 800 Quadratmetern rund 800 Einzelfundstellen. Dabei liege auch vieles Übereinander und stamme aus verschiedenen frühgeschichtlichen Epochen. "Die Auswertung steht noch am Anfang", so Hald. Aber der Lageplan, der inzwischen entstanden ist, zeigt durch die Pfahlfunde deutliche Hausgrundrisse. Außerdem fanden die Archäologen zwei einzelne Brandgräber, Reste von Vorratsgruben sowie Lehmgruben. Lehm wurde zum Verputzen benutzt. Einige Funde, die aus der frühen Jungsteinzeit (4900 bis 4500 vor Christus) stammen, seien sehr typisch und auf den ersten Blick datierbar. "In dieser Deutlichkeit hatte ich nicht damit gerechnet", sagt Hald.

Ein ganz besonderer Fund ist ein zerdrücktes Gefäß mit organischen Resten in einer Abfallgrube von rund 4700 vor Christus. Diese Überreste bekommt nun die Paläobotanikerin Elena Marinova-Wolff, die beim Vortrag in Bodman dabei war. Funde wie dieser können Erkenntnisse darüber geben, wie die Wirtschaft- und Ernährungsweise der Menschen damals war.

Die Besucher des Vortrags waren hochfasziniert und Wilderich Graf von und zu Bodman, Vorsitzender des Födervereins Museum Bodman, freute sich sehr über den vollen Raum. "Wir sind hocherfreut, dass so viele Besucher gekommen sind." Der Vortrag war eine gemeinsame Veranstaltung des Fördervereins und des Hegau Geschichtsvereins.

 

Schätze im Boden

  • Sammlung Weber: Der verstorbene Bodmaner Ehrenbürger und Frühgeschichtsforscher Paul Weber hat einen großen Teil seiner Sammlung, die vor allem aus mittelsteinzeitlichen Funden (9600 bis 5500 vor Christus) besteht, der Gemeinde geschenkt. Sie sollen in das geplante Museum in Bodman kommen.
  • Bedeutende Funde: In den vergangenen Jahren gab es immer wieder wichtige Funde in Bodman sowie Ludwigshafen. Das Kulthaus aus einem Pfahlbaudorf aus dem vierten Jahrtausend vor Christus vor Ludwigshafen war zum Beispiel das Glanzstück in der Baden-Württembergischen Landesausstellung 2016. Im Baugebiet Haiden gab es 2017 Funde aus verschiedenen Epochen. Die Alamannenzeit (7. und 8. Jahrhundert) war dabei eine Überraschung. Und nun liegen die ersten Auswertungen aus den Grabungen im Gebiet "Im Ried" vor, die zeigen, dass es 700 Jahre früher Siedlungen gab, als bisher angenommen.
  • Zusammenarbeit: Bei den Grabungen arbeitet die Kreisarchäologie mit dem Landesamt für Denkmalpflege zusammen. Die Firma ArchaeoTask aus Engen übernimmt seit etwa anderthalb Jahren Grabungen im Auftrag der Kreisarchäologie. (löf)