Für die Archäologen stand fest: Es ist ein Sensationsfund. Zwischen 1990 und 1994 fanden sie im Bereich des heutigen Strandbades Ludwigshafen Spuren der ältesten Wandmalereien nördlich der Alpen: aus der Zeit der Pfahlbaudörfer um 3860 vor Christus. Taucharchäologen hatten zahlreiche bemalte und mit Lehmrelief gestaltete Wandfragmente und bemalte Lehmbrocken steinzeitlicher Pfahlbaudörfer aus dem Bodensee vor Ludwigshafen geborgen.

Die Malereien zeigen mehrere weibliche Gestalten. Die Pädagogische Hochschule Zürich veranstaltet nun einen Thementag zu diesen Funden. Sie lädt alle Interessierten für Samstag, 26. Mai, zu Vorträgen und fachlichen Austausch in ihre Räume ein. titel: "Große Ahnfrauen – die jungsteinzeitlichen Wandmalereien vom Bodensee".

Auch ein Forscher aus Wangen dabei

Nach jahrelanger Arbeit, bei der mehr als 2000 Fragmente aus den Kulturhäusern gesichtet und in den Kontext gebracht wurden, gelang es den forschern, große Teile der Wandbilder aus der Ludwigshafener Pfahlbausiedlung zu rekonstruieren. Es waren sieben bis neun weibliche Gestalten zu erkennen, deren Brüste plastisch geformt wurden. Die Datierung der bemalten Wandfragmente konnte durch den Fund von Gefäßkeramik bestimmt werden.

Diese erlaubten eine Zuweisung in die jungneolithische sogenannte Pfyner Kultur. Laboruntersuchungen der geborgenen Pfähle bestätigten die Datierung für den Zeitraum 3860 bis 3850 vor Christus. Bei der Freilegung von Fundstücken fanden sich auch zahlreiche Lehmbrocken: also Putzreste von Hauswänden. Einige davon sind mit Linien und Punktmustern weiß bemalt. Forscher meinen, dass die Malereien Stammbäume einzelner Familien- oder Clangruppen und ihre Ahnfrauen zeigen.

Beim Thementag in der PH Zürich werden dazu Fakten und Thesen aus archäologischer, gesellschaftlicher und mythologischer Sicht dargelegt. Danach tauschen sich die Fachleute aus. Die Diskussion über übereinstimmende und abweichende Positionen soll Impulse liefern für neue Erkenntnisse und ein vertieftes Verständnis dieser einzigartigen Funde.

Zu den Referenten gehört auch der Archäologe Helmut Schlichtherle aus Öhningen-Wangen am Untersee. Er ist Experte vom Landesdenkmalamt und war an den Bergungen in Ludwigshafen persönlich beteiligt. Schlichtherle eröffnet um 9.30 Uhr die Reihe der Vorträge. Sein Thema: "Ein Fries großer Frauen – Monumentale Malereien aus der Pfahlbausiedlung Bodman-Ludwigshafen." Der Fries stellt vermutlich ein sozioreligiöses Manifest der Siedlungsgemeinschaft dar, die im Sinne einer relativ egalitären Gesellschaft organisiert war.

Um 11 Uhr befasst sich Heide Göttner-Abendroth mit dem Thema "Moderne Matriarchatsforschung heute – ihre Grundlagen und ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte". Um 13 Uhr beschreibt Kurt Derungs "die Ahnfrau als Bergmutter". Die Ludwigshafener Funde ließen ihn die gesamte Bodenseeregion erforschen. Zum Abschluss führen Helmut Schlichtherle. Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs ein Podiumsgespräch.

 

Die interessierte Bevölkerung ist zu diesem Symposium eingeladen. Eine Anmeldung ist bis Samstag, 12. Mai, unter mail@matriarchiv.info erforderlich. Die Kosten betragen 75 Euro beziehungsweise 90 Franken einschließlich Kaffee, Getränke und Pausensnacks. Tagungsort: PH Zürich, Lagerstrasse 2, Zürich, Gebäude LAC, Raum E 071

 

Erstmals Kulthaus nachweisbar

Die im Bereich des Strandbades Ludwigshafen entdeckten Funde, wie die aus Lehm geformten weiblichen Brüste, dürften nach Expertenmeinung Stammbäume einzelner Familien-oder Clangruppen und ihre Ahnfrauen dargestellt haben. Das Besondere an den aufgefundenen Hüttenlehmbrocken war ihre weiße Bemalung durch Linien und Punktmuster. Die Funde sind deshalb sensationell, weil damit erstmals in den Pfahlbauten ein "Kulthaus" nachweisbar ist. Es handelt sich zudem um die ältesten figuralen Wandmalereien nördlich der Alpen, die Einblicke in die religiösen Vorstellungen jungsteinzeitlicher Kulturen um 3580 vor Christus diesseits de Alpen geben. Beim Symposium der Pädagogischen Hochschule Zürich werden die Sensationsfunde in Ludwigshafen das beherrschende Thema sein. (fws)