Während diesseits der Grenze die Sporthallen geschlossen sind und der Frauenhandball seit Monaten ruht, schreibt der HSC Kreuzlingen in der Schweiz in einer ganz besonderen Saison an einer ganz besonderen Erfolgsgeschichte. Mit großer deutscher Beteiligung auf und neben dem Parkett.

In den vergangenen Jahren spielten die Handballerinnen aus der Konstanzer Nachbarstadt eine Nebenrolle in der Bodenseeregion, wo der langjährige deutsche Zweitligist SV Allensbach für sämtliche Talente die logische Anlaufstation war.

Zum ersten Mal in der Meisterrunde

Parallel mit dem Abstieg des SVA in die Drittklassigkeit marschierte der HSC Kreuzlingen jedoch in die höchste Schweizer Liga. In diesem Jahr schaffte das Team erstmals den Sprung in die Meisterrunde der besten vier Vereine des Landes. Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war das noch undenkbar.

Die deutsche Trainerin der Mannschaft der Stunde, Kristina Ertl-Hug, erinnert sich gut, wie sie zur Runde 2008/09 vom SV Allensbach über die Grenze zum HSC wechselte. „Damals spielten wir in der vorletzten Liga“, sagt Ertl-Hug, die zwei Saisons im Rückraum für Kreuzlingen aktiv war.

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Danach ging die heute 34-Jährige nochmals zurück nach Deutschland, blieb aber dem HSC als Trainerin treu. Von 2013 an spielte sie erneut zwei Jahre für die Kreuzlingerinnen, ehe eine Knieverletzung Ertl-Hugs aktive Laufbahn beendete – und eine erfolgreiche Karriere an der Seitenlinie begann.

Zur Seite steht ihr dabei ihr Mann Holger Hug, einstiges Urgestein der HSG Konstanz, bei der er als Torhüter alle Jugendteams durchlief und in der 2. Bundesliga spielte. Auch er ließ seine aktive Karriere in der Schweiz ausklingen und spielte zwei Jahre für den HSC Kreuzlingen.

Trainerduo und sechs Spielerinnen aus Deutschland

Als 2018 Sohn Leon zur Welt kam, entschied sich der Papa gegen den Sport und für die Familie. Nun ist der 38-jährige Vertriebsleiter eines Schweizer Unternehmens zu Hause auch für den Nachwuchs zuständig – und trainiert nebenbei die Torhüterinnen im Nationalliga-A-Team seiner Partnerin.

Die beiden Keeperinnen Miriam Federau und Nathalie Wörner sind zwei von sechs deutschen Spielerinnen im HSC-Kader, zu dem nur fünf Schweizerinnen gehören. Wie Federau kam Sara Hildebrand vom Südwest-Drittligisten SG Kappelwindeck/Steinbach, Wörner spielte wie Anna Mayer und Jennifer Heinstadt zuvor für den SV Allensbach.

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„Der Königstransfer“ war laut Trainerin Kristina Ertl-Hug aber die Verpflichtung der früheren Bundesligaspielerin Isabel Tissekker vor zwei Jahren. „Ich fühle mich hier handballerisch total wohl und bin gut angekommen. Ich kann nur Positives sagen. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung für mich. Ich bereue den Schritt auf gar keinen Fall“, sagte die 27-Jährige im vergangenen Jahr der Heilbronner Stimme.

Wie alle ihrer Mitspielerinnen, arbeitet auch sie neben dem Sport. Tissekker ist für einen Käse-Hersteller als 80-Prozent-Kraft für Einkauf und Beschaffung tätig. Vier Tage in der Woche arbeitet sie voll. An ihrem freien Tag trainiert sie zweimal, ansonsten nur abends.

Profis gibt es beim HSC Kreuzlingen nicht

Der steile Aufstieg der Kreuzlinger Handballerinnen hat seinen Ursprung in einer professionelleren Ausrichtung des Vereins, erklärt Ertl-Hug, die betont, dass in ihrem Kader keine Spielerin vom Sport leben könne. „Als ich als Trainerin zurückkam, ist der HSC nach einem Jahr in der obersten Liga direkt wieder abgestiegen“, sagt die 34-jährige Lehrerin, „also haben wir uns zusammengesetzt und beschlossen, was wir besser machen können: etwa Verträge für die Spielerinnen, Spesen bezahlen.“

Das Ziel war und ist es, „eine vernünftige Alternative zu den Top Vier mit Brühl St. Gallen, Spono Nottwil, Zug und Thun zu bilden – vor allem eine Ostschweizer Alternative zu Brühl“, wie HSC-Präsident Patrick Müller erläutert.

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Auf diesem Weg machte Kristina Ertl-Hug die Berufstrainerausbildung und die A-Lizenz in der Schweiz, holte einen Athletiktrainer und ihren Mann Holger mit ins Boot. Mit jedem Aufstieg wurden bessere Spielerinnen auf den HSC Kreuzlingen aufmerksam, die wiederum beim Sprung in die nächsthöhere Liga mithalfen.

„Viele konnten so die Chance nutzen, eine Zeitlang in der Schweiz zu arbeiten“, sagt die Trainerin. Das können sie aktuell gar ohne Corona-Pause, da die Nationalliga A Profistatus genießt.

Mehr Freiheiten während der Pandemie

Im Gegensatz zu den Sportlern in Deutschland haben die Schweizer während der Pandemie generell mehr Freiheiten – auch wenn auf beiden Seiten der Grenze keine Zuschauer in die Hallen dürfen. Die nicht-professionellen Erwachsenen müssen pausieren, doch „die Jugend durfte bis zur U16 trainieren, jetzt auch bis zur U20“, erklärt Ertl-Hug einen gewaltigen Unterschied.

„Ab Ende März/Anfang April dürfen alle wieder spielen“, sagt sie, „ebenso wie der semiprofessionelle Aktivenbereich.“

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Eine Testpflicht wie etwa bei den Zweitliga-Männern der HSG Konstanz gibt und gab es bei den Schweizer Handballerinnen nicht. „Wir schauen, dass wir außerhalb des Trainings niemanden treffen“, sagt Kristina Ertl-Hug, „wenn jemand erkältet war, wurde er sofort separiert. Und wer Angst hat, darf sofort einen Schnelltest machen.“

Zwei Positiv-Fälle hatten die Kreuzlingerinnen im bisherigen Saisonverlauf, „aber das waren zwei Spielerinnen, die nicht am Training teilgenommen haben“, sagt Ertl-Hug.

Im nächsten Jahr winkt der Start im Europapokal

So geht die erfolgreichste Saison der Handballerinnen des HSC Kreuzlingen vor leeren Rängen und recht reibungslos auf die Zielgerade. Ein Ende der Thurgauer Erfolgsgeschichte ist aber noch nicht in Sicht.

„Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal den Sprung in die Finalrunde geschafft“, sagt Trainerin Kristina Ertl-Hug nicht ohne Stolz, „nächstes Jahr spielen wir wahrscheinlich international.“ Und dabei meint sie nicht ihre vielen deutschen Landsleute im Kader, sondern den Europapokal.