Manche Themen begleiten einen eine Ewigkeit. So wie die Gestaltung des Kappellenplatzes in Kaltbrunn. „Die beschäftigt uns schon seit mehr als zehn Jahren“, sagt Ortsvorsteherin Elisabeth Müller. Während dieser Zeit gab es die verschiedensten Vorstöße, ein Ergebnis davon ist der so genannte Helikopterlandeplatz, eine deutlich weiß schraffierte Fläche auf dem hinteren Teil des Platzes.

Diese ist zwar nur bedingt dekorativ, aber funktional. Immerhin parken jetzt keine Autos mehr so dicht an der Kapelle, dass die Feuerwehr nicht mehr durchkommt. Eine schöne Dorfmitte aber sieht anders aus.

Bürger sollen mitgestalten

„Beim Thema Kappellenplatz gibt es viele Interessenskonflikte“, sagt Markus Zipf von der erst Mitte Oktober gegründeten Agenda-Gruppe „Wir in Kaltbrunn„. Gemeinsam mit Helmut Müller, Antje Boll und Gerhard Worm hatte er in einer Auftaktveranstaltung die Meinung von circa 70 Kaltbrunnern angehört. Eines der Hauptthemen war die Neugestaltung des Kapellenplatzes.

„Der ist ein wichtiger Treffpunkt“, erklärt Müller, „auch die Feuerwehr und der Narrenverein haben dort ihre jährlichen Veranstaltungen.“ Gleichwohl wird dort gern geparkt. Diese ganz unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen, scheint schwierig und hat das Vorgehen über Jahre blockiert. Doch dann entdeckte Markus Zipf das baden-württembergische Landesprojekt „Ortsmitten – gemeinsam barrierefrei und lebenswert gestalten“.

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Die Kaltbrunner wandten sich an Brigitte Bautze als Agendabeaufragte der Gemeinde Allensbach und rannten auch bei Bürgermeister Stefan Friedrich offene Türen mit dem Vorschlag ein, sich dort zu bewerben. „Ich finde es großartig, dass wir nun die Möglichkeit haben, einen Blick von außen zu bekommen, nachdem wir uns in den vergangenen Jahren in Sachen Kappellenplatz-Neugestaltung im Kreis gedreht haben“, sagt Friedrich.

Tatsächlich scheint das Kaltbrunner Vorhaben wie gemacht für das Landesprojekt: Schließlich geht es darum, dass viele Ortsmitten heute vor allem hauptsächlich dem Durchgangsverkehr oder als Parkplätze dienen. 20 Modellkommunen wurden aus über 70 Bewerbungen ausgewählt, Kaltbrunn ist eine davon.

Kaltbrunn überzeugt die Auswahljury

Die Wahl fiel der Jury laut Verkehrsminister Winfried Hermann nicht leicht, denn es habe viele wirklich hochwertige Bewerbungen gegeben. „Das zeigt, dass sich die Kommunen sehr intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben.“

Peter Hauk, Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, freute sich vor allem über die zahlreichen Bewerbungen kleinerer Orte: „Attraktive Ortskerne sind Kristallisationspunkte für die Dorfgemeinschaften, sie schaffen Raum für Begegnung.“ Und Manne Lucha, Minister für Soziales und Integration, betonte die Bedeutung lebendiger Ortsmitten für ältere Menschen: „Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig es ist, auch im unmittelbaren Wohnumfeld eine barrierefreie Infrastruktur und soziale Angebote vorzufinden.“

Info-Veranstaltung im Sommer

Erste Kontakte zu den ausgewählten Kommunen wurden mittlerweile aufgenommen und ein Fahrplan vorgestellt, wie Brigitte Bautze berichtet: „Anfang 2021 kommt das Planungsbüro auf uns zu, führt Vorgespräche und schaut sich die Lage auch vor Ort an. Dann wird überlegt, wie eine geeignete Bürgerbeteiligung aussehen kann – hier ist dann eine Veranstaltung im Sommer angedacht. Das kann auch ein Dorfspaziergang sein.“

Diese Vorschläge werden bis Ende 2021 ausgearbeitet. Mindestens eine Vorstellung im Ortschaftsrat ist ebenfalls vorgesehen, dieser entscheidet dann letztlich über die Umsetzung. Helmut Müller und Stefan Friedrich sind beide neugierig, wie es in Sachen Kappellenplatz weitergeht. Finanzierbar müsse die Neugestaltung sein, betonen sie. Und sehen den großen Vorteil der Bürgerbeteiligung: „Nur so kann eine Akzeptanz erreicht werden.“

So funktioniert das Ortsmitten-Projekt

  • Die Idee: „Ortsmitten – gemeinsam barrierefrei und lebenswert gestalten“ wurde unter Federführung des Ministeriums für Verkehr gemeinsam mit dem Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz sowie dem Ministerium für Soziales und Integration konzipiert. 20 Modellkommunen wurden aus über 70 Bewerbungen ausgewählt, darunter Kaltbrunn in der Gemeinde Allensbach
  • Das Ziel: An den ausgewählten Modellkommunen soll beispielhaft gezeigt werden, wie Ortsmitten wieder in lebendige Plätze der Begegnung umgewandelt und zu Treffpunkten für eine gelebte Gemeinschaft werden können.
  • Das Vorgehen: In den ausgewählten Städten und Gemeinden werden Verwaltung, Politik, Vereine und Verbände sowie Bürgerschaft gemeinsam Vorschläge für eine lebenswerte und barrierefreie Gestaltung der Ortsmitte erarbeiten und diskutieren. Unterstützt werden die Kommunen von zwei Fachbüros; mit der umfassenden Beteiligung der Bürgerschaft sollen dabei mögliche Konflikte frühzeitig benannt und ausgeräumt werden. (jma)