Miriam Mößle und Carsten Pietsch sind ein Paar, das offenbar sehr gut zusammenpasst. „Wir verstehen uns blind“, sagt der 46-Jährige. Und das ist fast wörtlich zu nehmen. Denn bei beiden ist die Sehkraft stark eingeschränkt. Die 42-jährige Miriam Mößle sieht auf einem Auge nur noch zu 25 Prozent, auf dem anderen zu 20 Prozent. Bei Carsten Pietsch sind es sogar nur noch 20 und zehn Prozent. Doch das ist nur ein Teil der Einschränkungen, mit dem das Allensbacher Paar zurecht kommen muss. Denn beide haben Multiple Sklerose (MS), eine heimtückische chronische Nervenkrankheit. Sie haben motorische Bewegungseinschränkungen, sind gehbehindert und leiden unter chronischer Müdigkeit. Sie gelten als schwer behindert und sind bereits verrentet.

Beide versuchen, der Krankheit zu trotzen

„Bei uns geht alles, aber halt anders“, erklärt der 46-Jährige, der bereits mit 27 Jahren die Diagnose MS bekam. Aber man müsse sich jeden Tag neu ambitionieren, sagt er, und: „Das ist das Tückische an der Krankheit. Man darf nicht nachgeben.“ Wenn sie nur zu Hause säßen, würde der Fahrstuhl nach unter sausen, sagt Pietsch es bildlich. Und deshalb beginnen sie jeden Tag nach dem Frühstück mit Bewegung. Sie laufen eine kleine Runde im Dorf, wobei der 46-Jährige erklärt, er schaffe maximal zwei Kilometer – mit Pausen und Stöcken. Früher ist der gelernte Bankkaufmann sogar Marathon gelaufen und hat Handball gespielt. Bei Miriam Mößle, die im Immobilienhandel tätig war und vor fünf Jahren die Diagnose erfuhr, sind die Symptome noch weniger schlimm, drei Kilometer schaffe sie noch. Und im Sommer gehen sie auch im See schwimmen. „Wir brauchen morgens unsere Bewegung, um fit für den Tag zu sein“, betont Pietsch. Sport werde MS-Erkrankten auch von Ärzten empfohlen. Das lade den Akku auf, sagt der 46-Jährige.

Miriam Mößle erklärt: „Es sind viele Alltagsprobleme zu lösen.“ Auto- oder Radfahren gehe sowieso nicht mehr. Beim Gehen gehöre Stolpern und Stürzen dazu. Getränke selbst die Treppen in ihre Wohnung an der Höhrenbergstraße hochzutragen, funktioniere auch nicht mehr. Das übernimmt ein Lieferdienst. Auch Kochen gehe nicht mehr, das Hantieren mit heißen Flüssigkeiten und scharfen Messern wäre zu gefährlich. Deshalb nutzt das Paar oft Angebote von Mittagsmenüs. Und das Putzen übernehme einmal in der Woche eine Haushaltshilfe.

Brille trotz großen Fernsehers

Beim Fernsehen tragen beide trotz des sehr großen Bildschirms Brille, damit sie etwas mehr Kontrast wahrnehmen und der Handlung folgen können. Aber Miriam Mößle fügt an: „Das Problem ist, dass das Bild springt.“ Immerhin werde ihr davon mittlerweile nicht mehr übel. Carsten Pietsch erklärt: „Unsere Augäpfel zittern.“ Abends wegzugehen sei schwierig, weil der Kopf ab 20 Uhr schon sehr müde sei. Ein anderes Problem sei es, wenn sie jemand auf der Straße nur mit einem Winken grüße. Sie erkennen diese Person von weitem nicht. Wobei die 42-Jährige lachend anfügt, manchmal würden sie und ihr Partner sich gegenseitig nicht erkennen. So sei sie kürzlich im Café an ihm vorbei gegangen.

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Doch zusammen könnten sie das Leben mit der Krankheit besser meistern, sagen sie. „Ich kenne kein anderes Paar, bei dem beide betroffen sind von Multipler Sklerose“, so Pietsch. „Für uns funktioniert das sehr gut, weil wir beide wissen, wie es uns geht.“ Bei dieser Krankheit habe man mal einen guten und dann wieder schlechten Tag. Und weil sie beide erkrankt sind, bräuchten sie sich dafür nicht zu rechtfertigen. „Ich muss ihr nichts vormachen und sie muss mir nichts vormachen. Wir gehen auf unsere Bedürfnisse ein ohne Kompromisse.“

Daumen hoch für Allensbach

Miriam Mößle und Carsten Pietsch möchten für mehr Verständnis werben für ihre Erkrankung. Viele wüssten darüber immer noch zu wenig. Oft würden sie fragende Blicke ernten wegen ihres unsicheren Gangs. Sie wollen die Leute ermuntern, nicht nur fragend zu gucken, sondern auch zu fragen. „Dafür sind wir dankbar. Wir sind da ganz offen und sagen, wie es ist.“ Wobei das Paar betont, dass es sich in Allensbach sehr wohl fühlt. Weil man sie hier schon kenne und ihnen mit Verständnis begegne – sowohl die Mitmenschen wie die Gemeinde und das Kulturbüro. „Allensbach: Daumen hoch“, betont Pietsch. Und seine Partnerin nickt.

Das Paar will anderen MS-Betroffenen Mut machen. Vor drei Jahren hätten beide eineander in einer Selbsthilfegruppe (SHG) kennengelernt. Wobei Miriam Mößle rückblickend erklärt: „Es war eine unglaubliche Überwindung, da hin zu gehen.“ Weil es das Eingeständnis gewesen sei, dass sie diese Krankheit habe. Aber sie habe dort festgestellt, wie gut es tue, anderen Betroffenen zu begegnen. „Man versteht sich gegenseitig.“ Pietsch fügt an: „Man kann einfach frei reden, weil jeder kennt die Probleme. Man kann ganz entspannt Erfahrungen austauschen. Man geht glücklich heim und sagt: Ich hab mich aufgefangen gefühlt.“

Wiedergegründete Selbsthilfegruppe

Deshalb habe er vor zwei Jahren – zusammen mit Ulrike Soldner – die Leitung der wieder gegründeten SHG Amsel für den Landkreis Konstanz übernommen, so Pietsch. „Da können sich alle Betroffenen gern melden.“ Denn es gebe immer mehr Menschen, die an MS erkranken – vor allem auch jüngere. Und die Krankheit werde oft nicht sofort erkannt, erklärt der 46-Jährige. So hätten er und seine Partnerin schon Jahre vor der Diagnose Sehstörungen gehabt, er selbst zudem Blasenschmerzen, für die kein Urologe eine Ursache gefunden habe. Erst der Gang zum Neurologen habe bittere Klarheit gebracht.

Wenn er zurückdenke, was er früher alles habe machen können, müsse er natürlich sagen: „Man muss sich viel an Verluste gewöhnen“, sagt Carsten Pietsch. Doch als Paar kämen sie damit besser klar, betonen beide. „Für uns ist das Glas immer halbvoll, egal wie es uns geht. Wir machen das Beste daraus.“