Archäologen und professionelle Darsteller spielen gemeinsam Theater. Zu diesem gelungenen Experiment lud das Archäologische Landesmuseum (ALM) auf den Heidenbühl – in Sicht- und Hörweite zum Wild- und Freizeitpark gelegen – ein. Das als szenische Lesung gestaltete Stück vereinte Wissenschaft und Schauspielkunst unter freiem Himmel.

Seit der Eisenzeit in der Region

„Es ist ein ganz besonderes Event“, verspricht die Stellvertretende ALM-Direktorin Barbara Theune-Großkopf vor der Aufführung. Und sie soll Recht behalten. Unter den schattenspenden Bäumen auf dem keltischen Grabhügel finden sich weit über 50 Zuschauer ein, darunter auch der ehemalige Landrat Frank Hämmerle, der mit seinem knallroten Porschetraktor und samt Familie angeknattert kommt.

Kreisarchäologe Jürgen Hald (als er selbst) erläutert dem Publikum die Keltenzeit im Landkreis.
Kreisarchäologe Jürgen Hald (als er selbst) erläutert dem Publikum die Keltenzeit im Landkreis. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Kreisarchäologe Jürgen Hald, ausgestattet mit einem Indiana-Jones-Hut, führt schlaglichtartig ein in eine Zeitreise über gut zweieinhalb Jahrtausende. In der Eisenzeit 800 bis 400 vor Christus hatten sich die Kelten weit über den Landkreis ausgebreitet. Rund 2500 bisher entdeckte Bodendenkmäler zeugen davon. Der Heidenbühl selbst gilt als größter und schönster Grabhügel aus dieser Zeit im Landkreis.

Ausgrabungen im Jahr 1864

Auftritt des Zollinspektors Karl Dehoff – gespielt von Schauspieler und Autor Patrick O. Beck: Mitte des 19. Jahrhunderts reifte in ihm der Wunsch, den Grabhügel zu untersuchen. Dank einer finanziellen Unterstützung von Großherzog Friedrich I. rücken Dehoff und seine Helfer im Jahr 1864 dem Hügel zu Leibe. Binnen sechs Wochen – mehr Zeit wurde ihnen nicht zugestanden – graben sie 18 Körper- und mehrere Brandgräber samt Beigaben aus.

Felix Hillgruber (als er selbst) hat von seinem Hochsitz herunter viel zu meckern.
Felix Hillgruber (als er selbst) hat von seinem Hochsitz herunter viel zu meckern. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Die Rüge kommt dann prompt von Kurt Felix Hillgruber aus dem Hochsitz. Die Grabung sei weder gut dokumentiert, noch sei, wie zu erwarten wäre, eine zentrale Grabkammer gefunden worden, beschwerte sich der Kurator der Sonderausstellung „Magisches Land – Kult der Kelten in Baden-Württemberg“ des Archäologischen Landesmuseums über die unzulängliche Vorgehensweise. Die Kammer sei höchstwahrscheinlich noch unter dem Grabhügel vorhanden; inzwischen zusammengepresst durch das auf ihr lastende Erdreich.

Über die Rolle der Frauen

Diese Auseinandersetzung fordert den hier (mutmaßlich) bestatteten Keltenfürst (erneut Patrick O. Beck) heraus, der als ruheloser Geist die Jahrtausende überstanden hat. Sein überzogen dargestelltes Selbstbewusstsein rief schließlich Keltenfürstin Falbala (Kristina Lotta Kahlert) auf den Plan, die ihr „Schnäuzelchen“ rasch in die Schranken wies. „Kraftmeierei“ warf sie ihm vor. „Auch hier in Europa hatten wir das Heft in der Hand“, betonte sie die Rolle der Frauen, die eine ähnlich hohe Stellung wie die Männer innegehabt hätten.

Bei Keltenfürst (Patrick O. Beck) und Keltenfürstin (Kristina Lotta Kahlert) fetzt es so richtig, wenn es um die Rolle der Frau geht.
Bei Keltenfürst (Patrick O. Beck) und Keltenfürstin (Kristina Lotta Kahlert) fetzt es so richtig, wenn es um die Rolle der Frau geht. | Bild: Nikolaj Schutzbach

„Ich wusste, dass es Keltenfürstinnen gab, war mir aber ihrer Rollen nicht bewusst“, erzählt Schauspielerin Kristina Lotta Kahlert. „Für das Stück musste ich viele Fachbegriffe recherchieren“, berichtet sie von der Vorbereitung. Über die Rolle der Frauen zur Zeit der Kelten sei vieles erst nach und nach herausgekommen, „weil nur Männer geforscht haben“, berichtet sie.

Die Geschichte des Bodensees als Lebensraum

Auch Patrick O. Beck hatte eine intensive Vorbereitung zu leisten, denn er ist Autor des Stücks. „Mit der Keltenfürstin habe ich eine pikante Situation geschaffen. Das gab Zunder zum Schreiben“, erläutert er. Als Herausforderung sah er es an, die ganzen fachlichen Informationen in Dialoge zu packen.

Die vier Akteure auf dem Keltengrab Heidenbühl bei Kaltbrunn: Kreisarchäologe Jürgen Hald (als er selbst), Kurt Felix Hillgruber (als er selbst), Patrick O. Beck (Keltenfürst) und Kristina Lotta Kahlert (Keltenfürstin) verknüpfen geschickt Wissenschaft und Theaterkunst.
Die vier Akteure auf dem Keltengrab Heidenbühl bei Kaltbrunn: Kreisarchäologe Jürgen Hald (als er selbst), Kurt Felix Hillgruber (als er selbst), Patrick O. Beck (Keltenfürst) und Kristina Lotta Kahlert (Keltenfürstin) verknüpfen geschickt Wissenschaft und Theaterkunst. | Bild: Nikolaj Schutzbach

Wie am Applaus zu hören war, schien dies gelungen. Auch Ex-Landrat Hämmerle war offensichtlich sehr angetan und lud die Mitwirkenden zu einem kleinen Sektumtrunk ein. Das ALM zeigte einmal mehr, dass an dem Ruf der Archäologie als angestaubter Wissenschaft kaum noch was dran ist – falls sie richtig vermittelt wird. Die Playmobil-Ausstellungen und die Kelten-Ausstellung geben dafür Beispiel. Einen weiteren Schritt, gegen dieses Vorurteil anzugehen, hat das ALM mit der Veranstaltung auf dem Heidenbühl unternommen.