Fiona Vernon kniet in einer der Brandgruben der Richtstätte östlich von Allensbach. Während auf der B33 daneben ständig Autos und Lkws vorbei fahren, räumt die junge Archäologin mit einer kleinen Schaufel nach und nach Dreck und Sand weg. Bis sie auf das nächste verkohlte Knochenstück in den rötlichen oder schwarzen Erdschichten stößt.

Das kommt dann zu den anderen Knochenfragmenten der Menschen, die hier bis ins 18. Jahrhundert hingerichtet und verscharrt oder verbrannt worden sind. Die Überreste werden durchsichtige Plastikbeutel verpackt. Bei größeren Knochenstücken könne Fiona Vernon schon sagen, ob es von einem Finger oder einem Wadenbein stamme. Aber nicht immer könne sie augenblicklich bestimmen, was sie da gerade als Fund berge, erklärt die 26-jährige Engländerin.

„Es ist sehr selten, so was zu finden“

„Ich bin keine ausgebildete Anthropologin.“ Aber sie wisse natürlich, dass rötliches Sediment ein Zeichen dafür sei, dass hier etwas verbrannt wurde, und in den schwarzen Schichten daneben finde man dann meist Knochenreste und Holzkohle.

Fiona Vernon bei der Arbeit nahe Allensbach.
Fiona Vernon bei der Arbeit nahe Allensbach. | Bild: Zoch, Thomas

Fiona Vernon macht eine Fortbildung zur Grabungstechnikerin beim Landesamt für Denkmalpflege. Dabei werde sie an verschiedenen Ausgrabungen teilnehmen. Und weil der Kreisarchäologe Jürgen Hald nur ein kleines Team habe und Leute brauchte, habe ihr Chef gesagt, sie solle bei Allensbach mitmachen. Dass sie an dieser bedeutenden Fundstätte tätig sein darf, die bundesweit auf Interesse stößt, sei natürlich etwas ganz Besonderes.

„Ich bin unglaublich dankbar, dass ich als Fortzubildende da mitarbeiten darf“, sagt die junge Archäologin. „Es ist sehr selten, so was zu finden.“ Für sie werde sich eine solche Möglichkeit wohl nicht wiederholen, meint die 26-Jährige: „Es ist einmalig in meiner Karriere, denke ich mal.“ Weil selbst der erfahrene Grabungsleiter Jürgen Hald eine solche frühneuzeitliche Richtstätte noch nie gefunden hatte.

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In der vergangenen Woche sei sie hauptsächlich in einer der Brandgruben tätig gewesen, in denen die Leichname von Hingerichteten verbrannt wurden oder Menschen möglicherweise sogar bei lebendigem Leib im Feuer starben. Aber sie grabe auch aus oder dokumentiere Funde. „Ganz am Anfang habe ich einen Schädel gefunden“, berichtet Vernon. Zusammen mit dem Team habe sie dann eins der ersten Skelette frei gelegt, die unter der Richtstätte ruhten.

Von manchem Skelett eines Hingerichteten finden die Archäologen bei Allensbach nur Teile wie diesen Schädel und Knochen. Kreisarchäologe Jürgen Hald vermutet, dass diese Leute so lange am Galgen hingen, bis sie verwest waren und Körperteile abfielen.
Von manchem Skelett eines Hingerichteten finden die Archäologen bei Allensbach nur Teile wie diesen Schädel und Knochen. Kreisarchäologe Jürgen Hald vermutet, dass diese Leute so lange am Galgen hingen, bis sie verwest waren und Körperteile abfielen. | Bild: Zoch, Thomas

Sie habe bisher erst einmal an einer Grabung teilgenommen, an der ein Skelett gefunden worden sei. Bei Allensbach hat das Grabungsteam auf den rund 700 Quadratmetern mittlerweile zehn weitgehend komplette Skelette gefunden sowie Knochen und verkohlte Knochenreste von circa zehn bis 15 weiteren Individuen, wie Hald schätzt. Daher könne sie das große Interesse an der Ausgrabung verstehen.

„Wenn es um Hinrichtungsopfer geht, ist das was anderes, als wenn jemand normal gestorben und sorgfältig bestattet worden ist“, so die 26-Jährige. Mindestens bis zum Jahr 1770 wurden hier Menschen gehängt, geköpft, gerädert und verbrannt, die vom Hochgericht des Klosters Reichenau und später des Bischofs von Konstanz zum Tode verurteilt worden waren.

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Was sie besonders bewege? Dass nach derzeitigem Stand vier der Individuen Frauen waren. „Wenn man bedenkt, dass einige Opfer wegen Hexerei hingerichtet worden sind, dann ist das aus heutiger Sicht unvorstellbar“, sagt die junge Archäologin. Andererseits sei das interessant, weil man damit beweisen könne: „So was ist passiert – und nicht in fremden Ländern, sondern hier am Bodensee.“

Wurden Nonnen der Hexerei bezichtigt?

In zwei Fällen, in den Jahren 1591 und 1637, soll es sich dabei sogar um Dominikanerinnen von St. Peter in Konstanz gehandelt haben. Kreisarchäologe Jürgen Hald warnt zwar vor voreiligen Interpretationen, weil diese Angaben von späteren Heimatforschern stammen und erst noch von einem Historiker auf ihre Richtigkeit überprüft werden müssten. Doch Vernon erklärt, allein die Möglichkeit, dass Klosterfrauen der Hexerei bezichtigt wurden, habe sie ein bisschen verwirrt.

Dieses Skelett einer mindestens 25 Jahre alten Frau fand das Grabungsteam kürzlich bei Allensbach, berichtet Kreisarchäologe Jürgen Hald.
Dieses Skelett einer mindestens 25 Jahre alten Frau fand das Grabungsteam kürzlich bei Allensbach, berichtet Kreisarchäologe Jürgen Hald. | Bild: Zoch, Thomas

„Das ist krass. Ich dachte, in dieser Zeit wären Nonnen als fast heilig gesehen worden. Ich will nicht zu viel darüber nachdenken“, so die junge Frau, die meint, so ein Schicksal hätte ihr selbst damals auch widerfahren können. Da habe vielleicht eine Verleumdung oder ein auffälliges Muttermal genügt. „Mir tun diese Frauen echt leid“, erklärt die 26-Jährige – und fügt an: „Ich bin unglaublich dankbar, dass ich in diesem Jahrhundert lebe.“

Aber es sei für sie auch gerade das Faszinierende und Spannende an der Archäologie, etwas darüber zu erfahren, wie einfache Leute oder Frauen früher gelebt haben. Sie sei schon in der Schule Fan von Geschichte gewesen, berichtet Fiona Vernon. Bei einer solchen Grabung könne man dann selbst etwas entdecken und mit Objekten praktisch arbeiten.

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„Normalerweise ist Geschichte von reichen Leuten geschrieben worden“, so die 26-Jährige. Über einfache Leute, wie die hier getöteten Frauen und Männer, stehe meist nichts in Geschichtsbüchern. Deshalb meint sie: „Für mich ist Archäologie demokratisch.“

Und sie interessiere sich vor allem für die Vor- und Frühgeschichte wie etwa die Jungsteinzeit, aus der es überhaupt keine schriftlichen Zeugnisse gibt. Da sei die Archäologie die einzige Möglichkeit, das Leben der Menschen zu erforschen, erklärt die junge Frau: Wobei sie bedauernd anmerkt: „Je älter der Befund ist, desto weniger finden wir leider.“

Der jüngste Fund: Überreste eines geköpften Mannes

Das ist in Allensbach bekanntlich ganz anders. Allein in einer Grube direkt zwischen den Pfosten des mindestens 3,50 Meter hohen Galgens, der hier bis Anfang des 19. Jahrhunderts stand, fand das Grabungsteam gleich vier Skelette von Hingerichteten aus unterschiedlichen Zeiten übereinander, die untersten beiden von Frauen.

Den jüngsten Fund machten sie etwas abseits des Galgens in einer tieferen Grube: Das Skelett eines Mannes, der auf dem Bauch lag, die Unterschenkel nach oben gekippt, und der Schädel neben dem Brustkorb, also vermutlich ein Delinquent, der geköpft wurde.

Der jüngste Fund bei Allensbach ist dieses Skelett eines Mannes, auf dem Bauch liegend, die Unterschenkel nach oben gekippt, und der Schädel daneben.
Der jüngste Fund bei Allensbach ist dieses Skelett eines Mannes, auf dem Bauch liegend, die Unterschenkel nach oben gekippt, und der Schädel daneben. | Bild: Zoch, Thomas

Fiona Vernon erklärt, sie lerne sehr viel bei dieser Grabung, auch weil sie selbstständig an Skeletten arbeiten dürfe. Doch bei aller Faszination bereiteten ihr die vielen Schädel oder teils nur Unterkiefer auch Unbehagen, räumt die junge Archäologin ein. „Für mich ist es immer besonders komisch, wenn ich Zähne ausgrabe, wenn ich mit der Kelle über Zähne kratze. Dann denke ich Au Au.“

Doch das liege nicht am Geräusch oder daran, dass sie selbst ein bisschen Angst vor dem Zahnarzt habe, erklärt die 26-Jährige lachend auf Nachfrage, sondern: „Gut erhaltene Zähne sind mir unheimlich, wenn sie aus der Erde kommen.“ Ein Skelett sehe man ja normalerweise nicht sehr oft, und das sei für sie auch kein Mensch mehr. Aber: „Zähne haben wir alle. Die sind fast noch wie im Leben, so menschlich.“

Bis Ende Juni dauern die Grabungen noch an

Die Grabung bei der Richtstätte östlich von Allensbach wird Ende Juni abgeschlossen sein. Und Fiona Vernon wird dann im Rahmen ihrer Fortbildung anderswo in Baden-Württemberg bei Grabungen mit ihrer kleinen Schaufel nach Überresten der Geschichte suchen.

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Später einmal wolle sie sich vor allem auf die frühe Vorgeschichte Nordwesteuropas konzentrieren, weil sie das am meisten interessiere. Von antiken Fundstätten im Süden wie in Griechenland oder Ägypten träume sie dagegen nicht, erklärt sie auf Nachfrage. „Es gibt genug Archäologie hier, so dass ich nicht so weit reisen muss.“ Und die junge Engländerin fügt lachend an: „Dort ist es ein bisschen heiß für mich. Ich verbrenne so schnell.“

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